Chinesische Botschaften

Welche Botschaft geht heute von China aus und wie reagiert Europa darauf? Das war die Frage, die für dieses Treffen anstand. Voraus ging dem allerdings ein kurzer Meinungsaustausch zu der großen Demonstration, die am Samstag vor dem Treffen des Forums zur Corona-Politik der Regierung in Berlin stattgefunden hat. Einigkeit bestand, dass die Demonstration durch ihre große Zahl und durch ihren im Wesen friedlichen, auf Selbstbestimmung und das Einklagen verfassungsmäßiger Rechte orientierten Charakter sehr beeindruckend gewesen sei, auch wenn ihre weltanschaulichen Grenzen nach allen Seiten durchlässig waren. Einzelheiten müssen an dieser Stelle nicht referiert werden. Die kennt man von ähnlichen Großdemonstrationen ganz unabhängig von deren konkreten Anliegen.  

Entschieden klärungsbedürftig ist nach übereinstimmender Ansicht der Forumsrunde allerdings die Frage, wieso das geschehen konnte, was als „Sturm auf den Reichstag“ den Medien und der Politik bis hin zum Bundespräsidenten die Vorlage liefern konnte, das friedliche Demonstrationsgeschehen zum Bild einer „rechten Gefahr“ zu verzerren. Da drängt sich die Frage auf, wem das nützt, zumal nicht von einem „Sturm“, schlimmstenfalls von eitler Protzerei und Missbrauch, bzw. Usurpation des Demonstrationsanliegens die Rede sein kann, von dem sich die Veranstalter ausdrücklich öffentlich distanziert haben.  

Nicht zuletzt muss gefragt werden, wieso der Zugang zum Reichstagsgebäude, nicht mit Gittern verstellt war wie andere Seitenstraßen entlang der Demonstrationswege, und wieso er zudem nur von drei Polizisten bewacht wurde, obwohl der Innenbehörde nach eigenem Bekunden bekannt war, dass rechte Kräfte eine eigene Veranstaltung direkt vor dem Reichstag angemeldet hatten. Zu fragen ist selbstverständlich auch, wie sich die Kritik an der Corona-Politik in Zukunft vor provokativen Vereinnahmungen schützen kann.  

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Diese Fragen, denen ernsthaft nachgegangen werden muss, wollen wir hier so stehen lassen und uns nunmehr dem für diesen Tag vorgesehenen Thema zuwenden, also, welche Botschaft heute von China ausgeht und wie wir Europäer damit umgehen können.

Dieser Teil des Gespräches begann, noch angeregt durch die tagesaktuellen Ereignisse der Berliner Proteste, mit der Frage, ob man sich darauf einstellen müsse, dass die chinesische Gewohnheit  Masken zu tragen im Zuge der „Corona“-Politik nunmehr auch von der europäischen Bevölkerung als Sitte übernommen werde oder werden müsse. Daran schloss sich sogleich die nächste Frage an, ob und warum die chinesische Bevölkerung keine, die europäische dagegen erhebliche Probleme mit dem Tragen von Masken habe.

Damit waren die Pole gesetzt, zwischen denen sich das Gespräch Schritt für Schritt von der schematischen Gegenüberstellung nach der Art: dort Kollektivismus, hier Individualismus, in Richtung eines lebendigeren Verständnisses der Unterschiede, aber auch der Gemeinsamkeiten entwickeln konnte. Es ist nicht sinnvoll hier alle Stationen nachzuzeichnen, über die dieses Gespräch sich bewegte. Nur so viel: Es begann mit dem Ausflug einer Teilnehmerin der Runde zu Sun Tsu’s Theorien „Über die Kriegskunst“ aus der Zeit 500 vor Christi Geburt, deren Hauptbotschaft die Vermeidung des Krieges durch bewegliches Handeln ist. Es führte über verschiedene Phasen der Uniformierung in der chinesischen wie in der abendländischen Geschichte über Phasen der Desintegration dort wie hier bis hin zur Formierung durch die modernen Heere, und schließlich in die Gegensätze zwischen Gemeinschaftsimpulsen in China und den Entsolidarisierungstendenzen, die heute in Europa und der westlichen Welt zu beobachten sind.  

Das Gespräch verdichtete sich um die Erfahrung, man kann auch sagen Erkenntnis, dass Individualität  sich nicht nur in Gesichtszügen ausdrückt, sondern in der Bewegung des ganzen Menschen, seiner Emotionalität, seiner Sprache, seiner Haltung – und nicht zuletzt seinem Tun. Das Gesicht mit einer Maske zu verdecken kann, wie in antiken Theaterformen oder auch im japanischen NO-Theater den Ausdruck sogar steigern. Entscheidend ist nicht, ob der Mensch eine Maske trägt, sondern ob er sie freiwillig trägt.

Am Ende stand die Aufforderung nach einem Weg zu suchen, der Individuum und Gemeinschaft in einer Weise so zusammenführt, dass die Einzelnen in der Gemeinschaft und die Gemeinschaft im Einzelnen ihre Bestätigung und damit Egoismus wie auch Kollektivismus ihre Überwindung im kosmischen Ganzen finden. Hinweise für die Entwicklung eines solchen Weges lassen sich in der chinesischen Kultur nicht weniger finden als in der europäisch abendländischen. – Aber man muss sie suchen und finden wollen.

Wir wollen diese Suche beim nächsten Treffen fortsetzen unter dem Thema:

Deutschlands Rolle in verwirrten Zeiten

 Wir treffen uns am 04.10.2020 wie üblich um 15.00 Uhr

Vorausgesetzt, es macht uns niemand einen Strich durch die Rechnung.

Erkundigt Euch also bitte elektronisch oder telefonisch, ob wir den Termin halten können.

Bitte bringt eine Kleinigkeit zum Knabbern mit und meldet Euch an, wenn möglich. Freunde und Freundinnen, interessierte Gäste, streitbare Geister sind willkommen. Oder sagt auch ab, wenn Ihr das für geboten haltet.

Anmeldungen ggfls. über die Adresse www.kai-ehlers.de

 

Seid herzlich gegrüßt,

Kai Ehlers, Christoph Straessner

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Und hier noch ein Hinweis auf das Buch, Pate bei der Geburt des Forums war:

Grundeinkommen – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft.

Verlag Pforte/Entwürfe, September 2006, ISBN 978-3-85636-191-4, 14 € (+ Porto)

     Perspektiven für die Wiedergeburt des Sozialen unter dem Druck der Globalisierung.

    Unter den Bedingungen des der „Corona“-Krise aktueller als zuvor.

Es sind noch Restexemplare erhältlich. Bestelladresse: www.kai-ehlers.de

 

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Literatur:

– Sun Tsu, Über die Kunst des Krieges, Marix Verlag 2005

– Walter Kugler, Dreigliederung, Die Kunst der Zusammenarbeit, Verlag am Goetheanum, 2020

– Urban Wiesing, Heils-Wissenschaft. Über Verheißungen der modernen Medizin

– Susanne Götze,

Annika Joerres, Die Klima Schmutz Lobby, Pieper 2010

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P.S.

Es gilt, was immer gilt: Wer keine Berichte vom „Forum integrierte Gesellschaft“ mehr bekommen möchte – kurze Rückmeldung genügt.