Anatomie der russischen Seele

Besetzung:
Sprecher, Übersetzer, Übersetzerin
Aussprache: Alle russischen Namen und Begriffe sind in phonetischer Umschreibung wiedergeben.
Anmerkung zu den O-Tönen:
Die Länge der O-Töne ist exakt angegeben. Zähleinheit ist 4,5 sec. pro Zeile plus 4,5 Sec. für die Auf- und 4,5 Sec. für die Ausblendung. Die Töne sind so geschnitten, dass Anfang und  – wenn am Schluss aufgeblendet werden soll, dann auch – das Ende in der Regel für jeweils mindestens 4,5 Sec. den (fett) angegebenen Textanfängen oder Textenden entsprechen. Evtl. Schnittstellen ( in denen Übersetzung und Ton nicht mehr wortidentisch sind) liegen in der Mitte der Töne. Abweichungen von diesem Schema sind besonders angegeben.

Gesamtzeichen: 27.434
Gesamtlänge der O-Töne: 24,09

Kürzungsmöglichkeiten (der Priorität nach)

Achtung:
Athmos und O-Töne nacheinander auf dem Band!
Erst die Athmos, dann die Töne
– Atmos:    4
– O-Töne: 19

Bitte die O-Ton Schlüsse weich auf- und abblenden

Freundliche Grüße
Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Anatomie der russischen Seele

Athmo 1: Sänger auf der Ostseefähre                1,50
Ton langsam kommen lassen, kurz frei stehen lassen, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, verblenden mit Athmo 2

Erzähler:
Russischer Abend auf der „Anna Karenina“. Auf halber Strecke zwischen Travemünde und St. Petersburg, zwischen Westen und Russland geben Sänger und Tänzerinnen den Touristen, was sie erwarten: Wiedergeburt des alten Russland im neuen Gewande – Vorhang hoch, Blick frei auf die lange verborgene russische Seele!
Melancholie, Folklore, Stiefeltänze – alle Klischès, die der Westen zum russischen Wesen zu bieten hat, werden den Reisenden vorgeführt. Seinen westlichen Besuchern präsentiert sich das neue Russland heute nach dem Motto des alten, das der russische Dichter Tjutschew vor mehr als 15o Jahren mit den Worten beschrieb, mit dem Verstand sei Russland nicht zu fassen, an Russland könne man nur glauben. So nähern sich die Reisenden Russland in einer Verfassung, in der sich Neugier, unerklärliche Sehnsucht und Furcht vor dem Unbekannten zu einem angenehmen Schauder verbinden.
Musik, Beifall. hochziehen, verblenden

Atmo 2: Hare Krischna Gruppe auf der Straße                0,49
Verblenden, hochziehen, kurz frei stehen lassen, unterlegen, hochziehen, verblenden

Erzähler:
Wie verblüfft sind die Ankommenden jedoch, in den Straßen von St. Petersburg nicht russische Lieder, sondern spirituellen Import aus Indien zu hören, der ihnen aus dem Westen bestens bekannt ist: „Hare Krischna, Hare Hare“ singt die Gruppe junger Krischna-Adepten, die durch die Innenstadt St. Petersburgs zieht, um weitere Anhänger zu werben. Der seelische Notstand des reformgeschüttelten Landes treibt ihnen die jungen Leute zu. Eine genaue Zahl ist nicht bekannt.
Die Umstehenden reagieren gelassen:
Musik, verblenden

O-Ton 1: Passanten in St. Petersburg                          1,03
Regie: O-Ton verblenden, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, ausblenden

Erzähler:
„Hauptsache sie glauben überhaupt etwas“, meint eine junge Frau mitten im Gewühl. Sie hat Mühe sich verständlich zu machen.
„Jeder hat seinen Gott,“ setzt sie hinzu. „Aber unser Gott ist das natürlich nicht. „Den müsse man doch eher im Christentum suchen.
„Es geht um die Seele“, wirft jemand ein.
„Wir haben ja jede Richtung verloren“, fährt die junge Frau fort. „Sie wissen schon, Perestroika. Deshalb diese Suche bei uns. Man sucht in den Religionen, im Christentum, im Buddhismus, bei den Krischnas, überall.“
…ischit eto we religie…

Erzähler:
Szenen wie diese sind seit Anfang der neunziger Jahre in Russland alltäglich geworden. Perestroika, ins Deutsche übersetzt: Umbau, führte nicht nur zu wirtschaftlichen und sozialen Umgestaltungen. Sie hinterließ auch die russische Seele als einen gewaltigen Bauplatz. Abriß, Umbau und Neubau gehen dabei an vielen Stellen gleichzeitig vor sich, ohne dass jemand über einen Bauplan verfügte. Eine dieser Stellen wurde die psychologische Fakultät der Universität von Krasnojarsk. Anfang der 90er Jahre gründet ihr Leiter, Prof. Viktor Makarow, die „Freie Universität für mentale Ökologie“, die sich die Suche nach geistiger Gesundheit und einer neuen Spiritualität zum Ziel gesetzt hat. In mehrmals jährlich stattfindenden Zehn-Tage-Kursen, „Dekadniks“, die als Schiffsreise von Krasnojarsk zur Mündung des Jenessej im Nordmeer und wieder zurück abgehalten werden, verbindet Professor Makarow psychologische und psychotherapeutische Grundlagenforschung, praktisches therapeutisches Training und die Entwicklung eines neuen, ökologisch orientierten  Freizeitverständnisses miteinander.

Athmo 3: Musik auf dem Flussschiff:                           1,41
Ton allmählich kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen

Erzähler:
Auch auf diesem Schiff wird russisch gesungen. Aber was den professionellen Sängern auf der „Anna Karenina“ so selbstverständlich gelang, muss hier mühsam dem Vergessen entwunden werden. Gut 250 Menschen haben sich auf dem Schiff versammelt. Sie kommen aus allen Gegenden Russlands und aus den verschiedensten Berufen, die mit seelischer und geistiger Gesundheit zu tun haben: Psychologen, Therapeuten, Heiler, Gurus auf der Seite der Lehrenden, die auch miteinander experimentieren, Lehrer, Ärzte, Pflegepersonal, angehende Sozialarbeiter, Studenten und Studentinnen als Lernende, dazu Menschen, die einfach nur Heilung suchen. Das Angebot erstreckt sich von akademischen Vorlesungen zur Psychologie über „runde Tische“ zu sozialpolitischen und kulturellen Fragen des nachsowjetischen Wandels bis hin zu therapeutischer Praxis, den sog. „Trainings“, von denen man sich konkrete Impulse für die eigene Arbeit oder auch persönliche Erkenntnisse oder einfach nur Hilfe erhofft. Sie reichen ihrerseits von klassischen sowjetischen Methoden wie Hypnose bis hin zu tantrischen, schamanischen und anderen Szeancen..

O-Ton 2: Klingel, Auditorium, Prof. Viktor Makarow                1,22
Regie: Verblenden, Klingel frei stehen lassen, nach den ersten Worten abblende, unterlegen, ausblenden

Erzähler:
Psychologie, erklärt Professor Makarow in seiner Eingangsrede, nehme heute in Russland einen neuen Stellenwert ein. Russische Psychologie habe die Chance, Ost und West, Alt und Neu, traditionelle und moderne Methoden auf neue Weise für den Wiederaufbau der eigenen Kräfte zu nutzen, allerdings, schränkt er ein, nur wenn gezielt daran gearbeitet werde.
Schon beinahe provokativ in seiner Sachlichkeit, fasst er diese Botschaft in die Worte:

O-Ton 3: Makarow, Forts.                                0,38
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer obervoice:
„Sewodnja is…
„Heute kommt russische Kultur aus der Emigration zu uns zurück. Zu unserem Bedauern müssen wir allerdings feststellen, dass in der Psychologie und Therapie kaum Russisches zu uns kommt. Leider ist das nicht so. Vielmehr ist es so, dass durch unsere offene Tür in den letzten Jahren Konzeptionen westlicher und östlicher Methoden geradezu hereinstürzen. Und oft geschieht das in so einer Art, man kann schon sagen, Kolonisation“.
…tak skaschim

Erzähler:
Die Anregungen aus Ost und West aufzugreifen, der Kolonisation jedoch mit der Entwicklung eigener Konzepte entgegenzutreten, ist das Anliegen, das Viktor Makarow mit der Durchführung seiner „Dekadniks“ verfolgt. Die Konzeption der mentalen Ökologie, so Perspektive des Professors, beinhalte eine spirituelle Sicht der Welt und der Gesellschaft als Ganzes, die es möglich mache, das die russische Gesellschaft gesunde und neue Kraft gewinne.
In einer kleinen Arbeitspause erläutert er, wie das zu verstehen ist. Das Land, erklärt er, habe sich seit Einsetzen der Perestroika entschieden verändert:

O-Ton 4: Makarow, Forts.                                  0,30
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Djeszet, pjatnazet…
„Zehn, zwanzig Jahre zurück bestand unsere professionelle Aufgabe darin, in professionellen Anstalten zu arbeiten: in Krankenhäusern, in Anstalten. Aber heute ist unser ganzes Land wie ein einziges Krankenhaus. Das heißt, unsere professionelle Aufgabe besteht heute darin, Lösungen für die Gesellschaft zu finden und nicht nur in den einzelnen Anstalten.“
…we etich utverschdennich.“

Erzähler:
Früher habe man in einem Netz sozialer Garantie gelebt, fährt der Professor fort, es war lange im voraus klar, was der nächste Tag bringen werde. Jetzt heiße es Geld verdienen, sich durchsetzen, erfolgreich werden. Was morgen komme, sei ungewiss. Aber wie werde man erfolgreich? Wie könne man solche Ungewissheit ertragen, wie unter solchen Umständen geistig und seelisch gesund bleiben, wie Selbstbewusstsein gewinnen? Das wisse heute niemand in Russland. Das müsse erforscht, Rat, Hilfe, Stützen und neue  Möglichkeiten, die Lebenskräfte zu stärken, müssten gefunden werden:

O-Ton 5: Makarow, Forts.                                  0,18
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Paka my destwitelna…
“Zur Zeit sammeln wir, sammeln wir faktisch von allen Seiten. Aber darüber hinaus sammeln wir schon nicht mehr nur, sondern bauen auf Basis dessen, was wir sammeln, auch schon unser Eigenes auf.
…sasdojom swoju.“

Erzähler:
Das Sammeln, das Assimilieren, konkretisiert der Professor auf die Frage, was er unter „Eigenem“ verstehe, sei überhaupt ein Charakterzug des russischen Volkes:

O-Ton 6: Makarow, Forts.                                 0,21
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„My raschirajeschjasja…
„Wir sind ein offenes, ein weites Volk. Wir sind eine Nation, die gern andere bei sich aufnimmt, die gern zwischen anderen lebt, die keine Feindschaften ausbildet, so ein enger Nationalismus ist uns fremd, ja, das ist so eine Besonderheit von uns.“
…asobenost takaja.“

Erzähler:
Von einer Romantisierung der russischen Seele, wie sie von orthodoxen Christen und von Alt-Sowjets heute vorgenommen wird, welche die christliche Nächstenliebe oder soziale Hilfsbereitschaft zum unvergänglichen spirituellen Kern russischen Wesens erklären, hält Professor Makarow allerdings nichts.
Sachlich meint er:

O-Ton 7: Makarow, Forts.                                                          0,31
O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Nu, ja dumaju…
„Nun, ich denke, dass russische Menschen  nicht spiritueller sind als andere Menschen; sie sind nur weniger organisiert. Deshalb entsteht der Eindruck, dass sie eine besondere Spiritualität haben. Es ist aber so: Sie sind nur einfach weniger organisiert und weniger an systematische und ständige Arbeit gewöhnt.“
…pastajannumu trudu.“

Erzähler:
So unterkühlt, beinahe sarkastisch wie diese Feststellung klingt, so banal klingt die Begründung, die Professor Makarow dafür gibt; dabei führt sie aber mitten doch in die russische Wirklichkeit:

O-Ton 8: Prof. Makarow, Forts.                                                   0,42
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Eta paschlo…
„Das entwickelte sich aus der Folklore. In unserer Folklore, in unseren Märchen arbeitet niemand, niemand tut etwas. Unklar in den Volksmärchen, womit die Menschen sich beschäftigen, alle erholen sich. Das ergab sich offensichtlich aus der ziemlich reichen Umwelt, die den Menschen die Möglichkeit gab, ohne allzu harte Arbeit zu leben – die große Weite, in welcher der Mensch nicht bedrängt war.“
…tschjelowjeka.“

Erzähler:
Dieselbe Weite, so Professor Makarow, konfrontierte die Menschen andererseits mit starken Extremen, mit extremen klimatischen Unterschieden und Härten, mit extremer ethnischer Vielfalt bis zum Chaos, mit dem Zwang, immer wieder fremde Einflüsse aufnehmen zu müssen und sich mit ihnen arrangieren zu müssen. Dies habe die Menschen immer wieder zu spontanem Handeln gezwungen. Sorglosigkeit und Bedrohung, daraus folgend Großzügigkeit und Ängstlichkeit lagen beständig dicht beieinander. Im Ergebnis habe sich daraus  eine psychische Struktur entwickelt, die man als seelischen Extremismus bezeichnen könne.
Um eine Verdeutlichung gebeten, antwortet der Professor:

O-Ton 9: Prof. Makarow, Forts.                                                     0,42
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Nu odnoi stranje…
„Nun, das ist einerseits die große Trägheit. Im russischen Sprichwort klingt das so: „Bevor es nicht donnert, bekreuzigt ein Mann sich nicht.“ Das heißt, zunächst tut man gar nichts, dann stürzt man sich heldenhaft darauf alles zu retten. Wenn man normal arbeiten würde, hätte man den Heroismus nicht nötig.. “
…ja nje snaju.“

Erzähler:
„Aber ich weiß nicht genau“, schließt der Professor; „das ist alles sehr schwierig.“ Und in der Tat: Deutungen anderer Teilnehmer der von ihm organisierten „Dekadniks“ widersprechen seiner Sicht, wie es scheint diametral. So etwa die Ansichten einer Gruppe von Anhängern Porfirjew Iwanows, eines sibirischen Meisters. Ihm folgen viele Menschen in Sibirien. Die „Iwanowzis“, wie man sie nennt, sehen russisches Wesen gerade nicht in der Assimilation wie ihr Gastgeber Makarow, sondern umgekehrt in der Konzentration: Erst in der systematischen Abhärtung gegenüber extremer Kälte und extremer Hitze kommt der russische Mensch ihrer Ansicht nach zu seinem wahren Wesen. Hierin bestätigen sie allerdings letztlich doch wieder nur Makarows Sicht des seelischen Extremismus und mit ihrer bloßen Anwesenheit auf dem Schiff seinen pluralistischen Ansatz.
Ähnliches gilt für die anderen Methoden, Modelle, Erkenntniswege, die auf den „Dekadniks“ vorgestellt werden. Nur wenige jüngere Leute, einige von Ihnen ehemalige Studenten und Studentinnen des Professors, wollen sich mit dessen breitem Weg des pluralistischen Sammelns und Assimilierens nicht zufrieden geben. Sie suchen nach tiefergehende Erklärungen für das, was mit den Menschen  ihres Landes heute vorgeht. Sie verstehen sich als angehende Psychoanalytiker.
Eine von diesen jüngeren Leuten ist Irina Golgowskaja, eine junge Frau aus Nowosibirsk in Sibirien. Sie ist die Vertreterin einer „Klinik 2001“, in der sich nach 1992 eine Gruppe junger sibirischer Ärzte und Psychologen zusammengeschlossen hat.
Ganz wie Professor Makarow wendet Frau Golgowskaja sich zunächst gegen die Vorstellung, die russische Seele sei etwas Besonderes:

O-Ton 10: Irina Golgowskaja                            0,36
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Mnje kaschetsja…
„Mir scheint, die Probleme, mit denen ich mich beschäftige, sind überall, bei allen Völkern die gleichen, sie sind international. Sie haben natürlich eine spezielle sowjetische oder russische Färbung, aber generell haben meine Patienten dieselben Sympthome wie die in anderen andern Ländern. Das denke ich.“
…Ja tak dumaju.“

Erzähler:
Wie viele Ärzte und Psychologen der jüngeren Generation hat auch Frau Golgowskaja die Schriften Freuds, Adlers, Jungs und die ganze nachfolgende Entwicklung der westlicher Psychoanalyse und Psychotherapie in Intensivkursen nachgearbeitet, seit die sowjetischen Denkverbote unter Michael Gorbatschow fielen. Sie verfügt damit über ein doppeltes theoretisches Instrumentarium, das aus einer Verquickung alter sowjetischer und neuer westlicher Schulen hervorgeht. Ihr Interesse gelte zunächst einmal Menschen, erklärt sie, den Grundstrukturen menschlichen Seins, nicht Russen, Sowjets, einzelnen Völkern, Nicht-Russen oder Verhaltensweisen von Menschen bestimmter Zeiten. Sie untersuche die Realität des Menschen als Produkt des generellen Kampfes zwischen moralischen Forderungen, Tabus und Verboten der Gesellschaft und den Instinkten des Einzelnen, die – Selbsterhaltung, Ernährung und Sexualität – die von der Gesellschaft, vertreten durch Staat, Schule und Familie, diszipliniert werden. Allein hierin könne es Unterschiede geben:

O-Ton 11: Golgowskaja, Forts.                                                       0,49
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Mir soziume……
„Die Welt des Soziums, also der Gesellschaft und ihrer Organe, ist nicht auf Offenbarung der Instinkte aufgebaut, sondern auf deren Unterdrückung. Instinke sind verboten, das ist das Erste. Instinkte werden verdrängt. Instinkte werden sublimiert. Alles mögliche macht man mit ihnen, bloß eine Offenbarung reiner Instinkte gibt es nicht. Ein Unterschied zwischen den Gesellschaften liegt möglicherweise darin, in welcher Weise die Menschen sie verdrängen, sublimieren usw.
…schtota delajut.“

Erzähler:
Unter dieser Definition kommt Frau Golgowskaja dann aber doch, ähnlich wie vorher Professor Makarow, zu einigen, wie sie vorsichtig einschränkt, ersten Beobachtungen über das, was sich heute im seelischen Raum Russlands an besonderen Entwicklungen ereignet:

O-Ton 12: Golgowskaja, Forts..                                                      1,05
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
“Ja sametila…
„Ich beobachte, dass unser Land sich formal geöffnet hat, wir reisen heute ins Ausland, wir sind Touristen, wir machen Geschäfte usw. usf. Formal gibt es heute keine Grenzen. Das Land ist offen. Zugleich ist es enger geworden. Man hat das Gefühl, dass Russlands Inneres wieder abgeschlossen ist und dass es da drinnen arbeitet, irgendwie, so wie ein Suppe kocht. Was das wird, ob es Ausbrüche geben wird oder die Suppe schlecht kocht, das weiß keiner, aber es brodelt. Ja, da geht heut so ein Prozess vor sich, dass die russische Seele gekocht wird, Erinnerung hochkommt, eine Wiedergeburt stattfindet.“
…wosraschdennije ruskowo duschi.“

Erzähler:
Zwar will Frau Frau Golgowskaja sich nicht festlegen, was aus diesem Prozess hervorgehen mag. Vieles sei noch zu ungewiss, auch wisse niemand, ob nicht der Strom noch zwischendurch ausfalle. Einzelne Elemente dessen, was sie in dem großen Topf erkenne, ist sie nach einigem Drängen aber doch bereit zu benennen:

O-Ton 13: Golgowskaja, Forts.                        1,17
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Nu, element kristianstwa…
„Nun, das Element des Christentums, das kocht da; aber es muss noch durchgekocht werden und rückwärts wieder hinaus. Christentum ist in in Russland nicht mehr möglich, nicht, weil ich das nicht will, sondern einfach weil es hohl ist. Natürlich bleibt etwas zurück, eine Art Sud; natürlich geht das Ganze nicht in zwanzig Jahren, nicht in hundert Jahren. Diese Suppe wird noch lange kochen.  – Weiter sehe ich auch solche Elemente, in denen sich die Russische Seele tatsächlich von anderen Seelen unterscheidet. Auch die kochen dort: Zutraulichkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit.“
…otkritost.

Erzähler:
Solche Züge der russischen Mentalität kann Frau Golgowskaja durchaus erkennen, selbst in den Turbulenzen der tiefgehenden transformation, die sich heute in Russland vollzieht, auch wenn sie darin keine prinzipiellen Unterschiede sehen möchte. Doch anders als bei den Westeuropäern laufe bei russischen Menschen vieles direkter, meint sie, weniger über Worte, intuitiv. Es falle ihr schwer genauer zu werden, schränkt sie gleich wieder ein, denn sie kenne Ausländer noch nicht so gut, um vergleichen zu können. Vergleichbare Züge habe sie aber bei ihrem ersten Besuch in Afrika angetroffen.
Dann wagt sie einen Erklärungsansatz:

O-Ton 14: Golgowskaja, Forts..                                            1,04 Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Snajesch…
„Man kann es vielleicht so erklären: Dass der russische Mensch möglicherweise auf einer früheren Stufe der Entwicklung steht als die Europäer. Aber wenn der Mensch noch näher an der Biologie steht, mehr in der nonverbalen Sphäre der Beziehungen, dann ist, um es neurophysiologisch zu sagen. das erste Signalsystem entwickelter, also das vorverbale. So kann man das vielleicht sehen. Es ist einfach nur eine frühere Stufe der Entwicklung. Das ist eine vollkommen normale Erklärung. Das ist wahrscheinlich schon alles. Und speziell von hierher erklärt sich wohl auch dieser bemerkenswerte russische Zug der sorglosen Prinzipienlosigkeit.“
…presposablajemost.“

Erzähler:
Natürlich gebe es eine russische Mentalität, erklärt sie nun. Aber
Russisch-Sein sei eben, anders als viele glaubten, weniger eine Frage der gemeinsamen Sprache, als der des Lebensstils, der sich aus gemeinsamen Erfahrungen im vorsprachlichen Raum herausbilde. Die Sprache komme erst in zweiter Linie dazu, verbunden mit dem Prozess der Disziplinierung der spontanen, instinktiven Äußerungen des Lebens. So bilde sich schließlich heraus, was man Kultur und Mentalität nenne. So verstanden habe sie nichts dagegen einzuwenden, einige charakteristische Merkmale des russischen Wesens zu beschreiben:

O-Ton 15: Goolgowskaja, Forts.                           0,35
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Odna is tschert….
„Einer der Züge des russischen Menschen ist eine gewisse Adaptivität, ist Anpassungsvermögen, ist Leichtfertigkeit, Überlebensfähigkeit, also lauter Eigenschaften, die charakteristisch für ein frühes Stadium des Lebens sind. Jedes Tierjunge ist überlebensfähiger als das erwachsene Tier, wie ja überhaupt die Instinkte bei Kindern weniger unterdrückt sind.“
…namnoga bolsche, ponimajesch?“

Erzähler:
Da ist es wieder, aller Modernisierung und aller Abgrenzung von ihrem Lehrer Professor Makarow zum Trotz, das vorsowjetische Russlandbild, welches das 18. und 19. Jahrhundert bestimmte: Russland als Kind, Europa als Greis; russische Spontaneität als Jungbrunnen für ermüdete Europäer: Goethe, Rilke, Barlach auf deutscher Seite; Dostojewski, Solowjew, Berdjajew und viele andere auf russischer haben an diesem Bild mitgezeichnet. Kein nicht-russischer Analytiker dürfte heute eine solche Charakterisierung wagen, ohne sich dem Verdacht des Chauvinismus oder Rassismus auszusetzen. Frau Golgowskaja, auf der Suche danach, was mit ihrem Lande heute geschieht, scheut sich nicht es zu tun. Sie setzt sogar noch eins drauf, indem sie – und dies mit einer unüberhörbaren Sympathie – die Polarität benennt, in der sich Kindlichkeit und autoritäre Gesellschaft in ihrem Lande gegenseitig hervorbringen:

O-Ton 16: Golgowskaja, Forts..                        1,10
Regie: O-Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, abblenden

Übersetzerin overvoice:
„Jesli we Rossije…
„Wenn in Russland der Staat immer stark war, die Familie immer stärker war als woanders, es hier also immer mehr Verbote gab, dann klingt es natürlich absurd, wenn ich gleichzeitig sage, dass man hier mehr nach den Instinkten lebt. Das ist aber nicht absurder als festzustellen, dass Matriarchat und Patriarchat sich gegenseitig stützen, also zwar äußerlich alles verboten erscheint, starke Verbote, starke patriarchale Moral, im Inneren aber eine starke Innerlichkeit¸ weibliche Intensität, ein viel höheres Niveau kindlicher Wahrnehmungkraft entsteht. Also, das alles heißt: Es gibt mehr Verbote, ja, als Resultat aber auch größere innere Freiheit, eine echtere, intensivere Existenz, näher am Leben.“
…swabodu bolsche.“

Erzähler:
Mit dieser Beobachtung ist Frau Golgowskaja nun ganz in auf die von Professor Makarow skizzierte Linie des seelischen Extremismus eingeschwenkt. Allerdings gibt sie sich mit den von ihm benannten Ursachen nicht zufrieden, wenn sie hinter dem Gegensatz von kindlicher Spontaneität und autoritärer Gesellschaft die tiefer liegende Polarität eines unausgetragenen Kampfes zwischen matriarchalen und und patriarchalen Strukturen vermutet. Die sich in einer extremen Spaltung der psychischen Realität ihres Landes niederschlage.
Diese Spaltung zu erforschen und Wege zu finden, damit zu leben, bzw. sie zu überwinden, hat Frau Golgowskaja sich zur Lebensaufgabe gemacht.

Athmo 4: Lieder am Feuer
Regie: O-Ton langsam kommen lassen, nach Erzähler kurz frei stehen lassen, mit O-Ton 1, 18, 19vVerblenden und gemeinsam auf- und  abblenden, nach O-Ton 19 frei stehen lassen und langsam abblenden.

Erzähler:
Mit solchen Differenzen geht man beim letzten „Dekadnik“ Ende der neunziger Jahre auseinander.

Regie: Musik kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, verblenden

Erzähler:
Am nächtlichen Feuer in einem Moskauer Vorort trifft man sich wieder. Ein Kongress findet sein Ende. Aus der „Freien Universität für mentale Ökologie“ ist eine „Liga russischer Psychotherapeuten“ geworden, die Professor Viktor Makarow, inzwischen Leiter der Psychotherapeutischen Fakultät der Medizinischen Universität Moskaus, von Moskau aus leitet. Der Sammler ist zum Organisator geworden. Mit regelmäßigen Kongressen in der Hauptstadt der russischen Föderation versucht er der Entwicklung der russischen Therapie eine Richtung und Stabilität zu geben. Das Bild der Arbeit aber hat sich verändert. Nicht mehr die spirituelle Suche nach mentaler Ökologie steht im Vordergrund. Im Vordergrund stehen Methoden, die praktischen Nutzen im Alltag versprechen. Besonderer Renner ist die Methode der „Neuro-lingutistischen Programmierung“, ein System der Entwicklung und Kontrolle körperlichseelischer Abläufe. kurz NLP genannt, die sich in Russland zur Zeit, nicht zuletzt beim Aufbau einer psychologischen Kontrolle der Armee besonderer Beliebtheit erfreut. Die NLP-Meister, wie sie sich nennen, demonstrieren die Effektivität ihrer Methode an ihrer Anwendung im tschetschenischen Krieg. Damit dominieren sie praktisch den gesamten Kongress. Obwohl Professor Makarow die NLP-Meister fürfür eine Art, wie er sagt, wiedergeborene Apparatschiks, „Politruks“, also Polit-Aktivisten hält, die zu sehr am schnellen Erfolg orientiert seien, und obwohl er das nach wie vor akute Unwesen von Scharlatanen im Lande beklagt, ist er trotzdem zufrieden:

O-Ton 17: Prof. Viktor Makarow                    0,36
Regie: O-Ton mit Athmo 5 verblenden, mischen, beides zusammen kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Smisl kongressa…..
„Ob der Kongress einen Sinn hat? Er hat einen großen Sinn: Wir vereinigten die Mehrheit der psychotherapeutischen Richtungen um die „LIGA russischer Therapeuten„ und um die „Europäische Assoziation für Psychotherapie“. Wir vereinigen jetzt alle, die sich in unserem Lande entwickeln.“
…nasche stranje.“

Erzähler:
Die Suche nach dem Eigenen in Russlands Seele aber hat Professor Makarow auch als Organisator nicht aufgegeben. Die Form sei international, erklärt er kurz angebunden, der Inhalt aber national:

O-Ton 18: Viktor Makarow                        0,15
Regie: O-Ton mit Athmo 5 verblenden, mischen, beides zusammen kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, abblenden

Übersetzer overvoice:
„Soderschannije ja imeju…
„Unter Inhalt verstehe ich: Wir denken anders, wir haben einen anderen Lebensstil, wir haben ein anderes Verständnis vom Glück und daher muss unsere Arbeit natürlich Unterschiede aufweisen.“
…otlitschi.

O-Ton 19: Viktor Makarow.
Regie: O-Ton mit Athmo 5 und O-Ton 18 verblenden, mischen, beides zusammen kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen,zwischendurch hochziehen,  nach Übersetzer allmählich hochziehen

Erzähler:
Als ginge es darum, diesen Unterschied zu beweisen, werfen Männer und Frauen, die um das Feuer stehen, – die NLP-Meister nicht anders als die anderen – je einen Ast in die Flammen.

Regie: Ton zwischendurch hochziehen

„Es ist ein Ritual“, erklären sie. „Das machen wir jedes Mal, wenn wir uns treffen. Damit werden Probleme verbrannnt.“
…schigajutsja problemi.“

Regie: O-Ton 19 ausblenden, Athmo 5 allmählich kommen lassen

Erzähler:
Einen bessere Demonstration für das, was die russische Seele auszeichnet, als diese Runde am Feuer hätten der strenge Professor und seine an Effektivität orientierten Kolleginnen und Kollegen nicht geben können. Ihre Aufgabe als Therapeuten wird dann erfüllt sein, wenn sich nicht nur bei ihnen, sondern im ganzen Lande Spontaneität und Effektivität auf spielererische Weise miteinander verbinden.

Regie: Musik Ausklang

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