Mongolei – Heimat der letzten Indianer oder Chance zur Modernisierung?

O-Ton 1:    Applaus, Foyer, Instrumentalmusi    1,37
Regie:    Ton langsam kommen lassen, kurz stehen lassen, allmählich abblenden und unterlegt halten

Erzähler:
Ulaanbaator, Hauptstadt der Mongolei. Der mongolische Präsident empfängt den Kongreß der Mongolisten zu einer Arbeitspause im Winterpalast des Bogd Chan, so genannt nach dem ersten geistlichen Oberhaupt der lamaistischen Staatskirche. Es ist der siebte Kongreß dieser Art. Die Tagungen selbst finden in dem neuen Luxushotel namens Tschingis Chan statt, dem größten Vorzeigebau an dem architektonisch im übrigen tristen Ort.
Mehr als 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind aus fast allen Teilen der Welt angereist: Chinesen, Japaner, Süd-Ost-Asiaten, Russen, Amerikaner, Ost- und Westeuropäer. Auch Australien ist vertreten. Dazu kommen über 100 örtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Nur der schwarze Kontinent, Afrika, fehlt.
Das ist bedauerlich, weil auch die Afrikaner zum Thema des Kongresses einiges beizutragen hätten. Letztlich geht es um die Frage, wie ein nomadisches Land modernisiert werden kann, ohne seine Kultur zu zerstören. Drei Tage harter Kongreßdiziplin liegen bereits hinter den Teilnehmern. Die Pause kommt allen recht, um sich in lockerer Athmosphäre über die Sektionen hinaus auszutauschen.

Regie: Ton 1 (Musik) allmählich hochziehen, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegt lassen

Erzähler:
Stoff für Gespräche haben die ersten Tage des Kongresses reichlich geliefert. Drei Grundlinien traten besonders hervor:
Zunächst die Bewertung Tschingis Chans: Ihm begegnet man auf dem Kongreß nicht, wie gewohnt, als Barbar, Despot oder Geißel der Menschheit. Ihn lernt man als Begründer einer „Pax Mongolika“ kennen, die Ost und West über hunderte von Jahren in fruchtbarem kulturellem Austausch verband. Dann die Ergebnisse der auch in der Mongolei seit 1991 durchgeführten Privatisierung: Sie hat nicht, wie erwartet, zur endgültigen Auflösung des nomadischen Lebensstils geführt, sondern zu dessen Wiederbelebung.
Das Dritte ist eine Tatsache, die auch das äußere Bild des Kongresses mit prägt: Mehr als die Hälfte der heute 2,5 Millionen zählenden mongolischen Bevölkerung ist unter fünfundreißig Jahre alt; vor einer Generation waren es noch 1,5 Millionen.

O-Ton 2: Foyer, Gespräch mit Jugendlichen     1,05
Mongolisch, Russisch…
Regie: O-Ton langsam kommen lassen, nach Erzähler hochziehen, kurz stehen lassen abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Erzähler:
Im Gespräch mit jungen Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Kongresses wird denn auch am deutlichsten, welchen Problemen sich die Mongolei heute gegenübersieht: Auf die Frage, was sie von der Wiederbelebung des Nomadentums halten – russisch gestellt, mongolisch beantwortet, von einem aus der Gruppe ins Russische zurückübersetzt –  antworten sie hitzig:

Übersetzer:
„Wir gehen jetzt zur Marktwirtschaft über. Wir übernehmen sehr viel aus der westlichen Zivilisation. Einer der allernächsten Schritte wird das Privateigentum an Land sein. Das Wichtigste bei den Nomaden ist ja der Weideplatz; deswegen verändert sich nomadisches Leben natürlich, wenn man den Hirten bestimmte Plätze als Eigentum übergibt. Wir könnten ja weitermachen wie in den letzten tausend Jahren – Tiere weiden, hin und her ziehen. Möglich ist das, unsere nomadische Kultur ist einmalig auf der Welt, wir verehren unseren Urahn Tschingis Chan, wir haben eine große Geschichte. Aber wir können uns heute nicht abseits von der Welt entwickeln; vor uns steht die Wahl: Ein moderner Staat zu sein und eine modernisierte Nation zu werden oder all die alten Traditionen zu erhalten, die wir hatten.“
…sakranitz wsjo schto u nas bila.

O-Ton 3: Junge Leute, Forts.    0,31
Dumaitje eta vibor…?
Regie: direkt verblenden, kurz weiter stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen und abblenden

Erzähler:
Ein Entweder-Oder wollen die jungen Leute darin aber nicht sehen. Sie lieben die Freiheit der Steppe. Teile der Tradition müßten jedoch geopfert werden, finden sie, etwa die „zu starke Orientierung auf nomadische Tierhaltung“. Das Land brauche intensivere Produktion. Wie zu Sowjetzeiten. Nicht alles sei damals falsch gewese; man müsse differenzieren. Selbstverständlich müsse auch die Natur geschützt werden. Aber energisch wenden sie sich dagegen, ihr Land in eine Art, wie sie sagen, ethnografisches Museum für westliche Touristen zu verwandeln. „Der erste Schritt muß die Ausgabe von Hochtechnologie sein“, faßt der Übersetzer zusammen: „Wir müssen unsere natürlichen Reichtümer nutzen und gleichzeitig unsere Natur schützen.“
…kak sakranitz unikalni prirodu…

Erzähler:
Damit sind, allen Relativierungen zum Trotz, die Grundprobleme der heutigen Mongolei benannt; das Land droht in in zwei Teile zu zerfallen: Renomadisierung hier, Verstädterung da; Naturschutz hier, Industrialisierung da, Tradition hier und Jugend da.

O-Ton 4: Jurte bei Ulaanbaator, Athmo    0,44
Kuh, Melken, Kinder, Motrrorad…
Regie: Langsam kommen lassen, kurz frei stehen lassen, abblenden, unterlegt halten

Erzähler:
Wenige Tage nach dem Kongreß bin ich draußen. Hier kann ich mit eigenen Augen sehen, wovon vorher die Rede war: Kühe, Schafe, Pferde, Hunde, zahllose Kinder, drei Jurten, jene nach oben offenen Rundzelte der Nomaden – das ist alles, was es hier gibt, keine Straße, kein Wasser, kein elektrischer Strom, nicht einmal ein Plumsklo. Geheizt wird mit Arà, dem getrockneten Dung der Tiere. Die Steppe ist auch die Toilette für die Menschen. Dabei sind wir nicht einmal hundert Kilometer von Ulaanbaator entfernt. Ein älteres Ehepaar, beide pensioniert, bewirtschaftet diesen Platz. Er war Techniker, sie Krankenschwester. Nach der Reform von 1991 kauften sie eine Jurte und verließen die Stadt. In den beiden Nachbarjurten leben Kinder und Enkel von ihnen. Zur nächsten Jurtengemeinschaft führt ein Ritt von 15 Minuten mit dem Pferd, gegebenenfalls auch mit dem beiwagenbewehrten Motorrad.

O-Ton 5: Jurte, Forts.        0,23
Löffelklappern, Gesprächsfetzen, Schlürfen
Regie: langsam hochkommen lassen, kurz stehen lassen, unterlegen

Erzähler:
Wir werden erst einmal leiblich versorgt: Kumys, die berüchtigte gegorene Stutenmilch, grüner Tee, fette Hammelsuppe werden abwechselnd gereicht. Derweil füllt sich die Jurte. Man kommt, die neuen Gäste zu sehen. Nach dem Essen antworten die beiden Alten auf meine Fragen. Was hat sie veranlaßt, hier in die Steppe zu ziehen?

O-Ton 6: Jurte, Forts.        0,47
Tschisti Vosduch…
Regie: allmählich hochkommen lassen, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, am Ende hochziehen und wieder abblenden

Erzähler:
Die Antwort kommt Mongolisch, dazwischen russische Brocken: „Frische Luft! Gesundheit!“ Darja, die Frau der Familie, die mich hierher mitgenommen hat, übersetzt zwischendurch:

Darja:
„Die Frau lag nur noch in der Klinik – zu hoher Blutdruck. Ihr Mann war auch krank. Jetzt sind sie beide gesund. Seine Eltern waren auch Hirten, sagt er. Deshalb wollte er unbedingt ein paar Tiere haben und hier mit den Tieren leben. Jetzt kann er seine Kinder ernähren und die Verwandten kommen zu Besuch.“

Regie: kurz aufblenden (Mann: mongolisch, Frau: russisch), abblenden, unterlegen

Erzähler:
„Natürlich ist das Leben schwer, sagt er. Wegen der vier Jahreszeiten. Im Winter gibt es viel Schnee. Deshalb arbeiten sie ohne festgelegte Zeiten, abhängig vom Wetter. Mit den Tieren ist es sehr schwierig; man muß alles für sie tun. Am Anfang hatten sie nur fünfzehn Köpfe, jetzt sind es ungefähr zweihundert, dazu guter Nachwuchs. Darauf ist der Zeltvater besonders stolz.
…Mongolisch, Geplätscher

Erzähler:
Von der neuen Zeit halten die beiden Alten trotzdem nicht viel. Vieles müßte sich ändern, meint der Alte:

O-Ton 7: Jurte, Forts.        0,42
Mann und Frau, mongolisch…

Regie: Ton kommen lassen, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, am Schluß kurz hochziehen, allmählich abblenden

Übersetzer:
„Die Mongolei ist ja ein ländliches Land. Man müßte vor allem die Tierwirtschaft gut entwickeln. Aber die Organisation der Tierwirtschaft ist nicht besonders. Unserer Meinung nach wäre es besser, im ganzen Land kleine Betriebe und kleine Produktiuonsstätten zu haben, die landwirtschaftliche Produkte an Ort und Stelle weiterverarbeiten könnten und sie dann erst zum Markt zu schaffen. Dann könnten unsere Waren, Tiere und Tierprodukte,  vielleicht einen gewissen Preis bekommen. Die Weiterverarbeitung am Ort ist das Wichtigste. Aber die Organisation ist schlecht. Das ist das Schlimmste.“
…Mongolisch, jemu kaschtetsja….

Erzähler:
Nach diesem unerfreulichen Thema gleitet das Gespräch schnell zu angenehmeren Fragen: Dort, der Jurtenaltar! Wer und was wird dort verehrt? Der Alte antwortet, ohne zu zögern:

O-Ton 8: Gespräch Jurte, Mann    0,42
…Mongolisch…

Darja übersetzt:
„Wir haben zwei Götter. Einer bewahrt vor Dürre, Gewitter und anderen Naturgewalten, der andere steuert den Kreislauf des Jahres. Wir glauben an Astrologie. Wir achten sehr auf den Himmel, um frühzeitig zu wissen, ob Schnee, Regen oder anderes Wetter kommt. Im Himmel gibt es auch eine Göttin, die Schutzgöttin der fünf Tierarten. Das sind Pferde, Kühe oder Yaks, Schafe, Ziegen und Kamele. Zu den Jahresfesten wird den Göttern geopfert. Da bereiten wir alles vor, was an Milchspeisen und Fleisch haben. Die Hälfte eines Ochsen, von jeder Art Milchspeise opfern wir immer dem Himmel, auch wenn Milchschnaps getrunken wird. Der ist ja auch ein Produkt des Himmels; alles was gut tut..“
…Mongolisch, Frauenstimme: Nowi god…

Erzähler:
Darüber reden wir lange. Das Wichtigste, erklärt der Alte schließlich noch einmal, seien die Kinder und Darja faßt zusammen:

O-Ton 9: Jurtenvater        0,29
Mongolisch….
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Erzähler hochziehen, dann allmählich abblenden.

Übersetzer:
„Er hat selbst sechs, dazu kommen die der Verwandten. Er ist jetzt froh und stolz, daß sie alle bei ihm leben, daß sie sich alle hier von der Stadt erholen können und daß es auch seinen Verwandten gut geht, weil er ihnen helfen kann.“
…Mongolisch, Gemurmel, Frauenstimme…

Erzähler:
Einer von diesen Verwandten ist Zegur Dortsch, ein außerordentlich beleibter Herr im Trainingsanzug, ebenfalls Pensionär. Zegur Dortsch war, wie sich zu meiner Verblüffung herausstellt, früher Direktor im Ministerium für mongolische Volkserziehung. Jetzt hält er sich samt Familie für einen späten Sommermonat zur Erholung bei seinem Verwandten auf dem Lande auf. Sichtlich zufrieden.
Nach anfänglichem Zögern ist auch Zegur Dortsch bereit, in meinen Recorder zu sprechen. Die Reformen waren unvermeidlich, erklärt er. Einige Folgen jedoch seien nicht gut:

O-Ton 10: Zegur Dortsch        0,28
Sewodnja conjeschna u nas…
Regie: Direkt anfahren, kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen.

Übersetzer:
„Heue haben wir ja den Markt. Das muß so sein. Aber nicht alles ist gut. Zu Zeiten des Sozialismus waren alle gleich. Heute dagegen sind einige sehr reich, während die Mehrheit mehr oder weniger verarmt. Das ist natürlich nicht das Wahre. Warum ist das so? Weil die Einführung der Marktwirtschaft nur eine Überganghsphase sein sollte, die zehn oder zwanzig Jahre dauert. Bei uns hatte man es aber zu eilig; deswegen diese Schwierigkeiten.“
…takoi trudnosti

Meine Frage, ob er in der Wiederbelebung des nomadischen Lebens ein Problem sehe, versteht er überhaupt nicht. Er sieht die Schwierigkeiten ganz woanders:

0-Ton 11: Forts. Zegur Dortsch             0,29
Samie glawnie..
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Das größte Problem für die Stadt sind die Kinder und die Rentner. Denen hilft der Staat heute überhaupt nicht. Die Viehzüchter haben noch andere Probleme, es gibt ja keinen wirklichen Markt, aber denen hilft auch keiner. Früher gab es alle möglichen Koooperativen, Initiativen und Gemeinschaften. Der Staat hat immer allen geholfen. Heut muß man alles alleine schaffen, egal ob in der Stadt oder auf dem Lande. Das ist das Problem.“
…gorodski Ludi

Erzähler:
Mongolbaiar ist ein weiterer Verwandter. Er ist in Ulaanbaator als Verkehrspolizist tätig. Bei ihm verstehe ich, daß Verwandtschaft auch die des zweiten, dritten oder noch vielfacheren Grades sein kann. Insgesamt werden neun Generationen zurückgerechnet. Entscheidend ist so nicht die Familien-, sondern die Stammeslinie. Mongolbaier sieht die Dinge in hellerem Licht. Daß jeder heut machen könne, was er wolle, sei eine Chance, meint er. Zwar beklagt er, schon aus Profession, daß sich mit den Reformen eine unziemliche Regellosigkeit im Lande ausbreite. Aber Mafia wie in Rußland?

O-Ton 12: Polizist Mongolbaiar            0,25
U nas Mafia paka…
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Bei uns ist die Mafia zur Zeit nicht so offen zu sehen. Später vielleicht; kann sein, daß wir demnächst auch so etwas bekommen. Aber jetzt? Nein! Warum? Warum kann man bei uns nicht von Mafia sprechen? Nun, hier in der Mongolei sind wir nur wenige Menschen. Deswegen kann die Mafia nicht agieren.“
..nje destwuit

Erzähler:
Im Verlaufe des dritten Tages kündigt sich ein besonderes Ereignis an: Die Hauptjurte wird ausgeräumt; alles, was zwei Beine hat, strömt in ihr zusammen. Was geht da vor?

O-Ton 13: Umsetzen einer Jurte        118
Hurra, Geschrei, Kinder….
Regie: Ton kommen lassen, etwas länger stehen lassen, abblenden, unterlegt halten, hin und wieder hochziehen

Erzähler:
Nun ist es klar! Männer, Frauen und die schon etwas größeren Kinder haben sich rund um die Innenwände der leeren Jurte aufgestellt. Auf Kommando heben sie das ganze Gestell und setzen es zwanzig Meter weiter wieder auf den Boden. Am Morgen sei ein Fohlen tot aufgefunden worden, erklärt man mir. Nach geltender Tradition müsse die Familie danach den Ort wechseln, da der Boden, auf dem sie lebe, nun als verunreinigt gelte. Mit dem Versetzen um zwanzig Meter ist dieser Regel offenbar Genüge getan. Die Alte besprengt den Innenkreis der Jurte rundum mit frischer Milch. So bittet sie die Götter um Segen. Das Einräumen vollzieht sich in Windeseile. Zuerst wird das Faß mit Kymis hineingetragen, dann die Herdstelle eingerichtet, das zur Mittelöffnung hinausragende Ofenrohr wieder aufgesteckt. Zwei Betten, zwei Schränkchen, der Hausaltar, das flache Tischchen davor, die paar schlichten Hocker – schon ist die Einrichtung wieder perfekt. Das Ganze hat nicht länger als eine halbe Stunde gedauert. Während die Jurtenwirtin zusammen mit anderen Frauen noch dabei ist, die Herdstelle wieder anzuheizen, Wasser für Tee aufsetzt, Trockenfleisch und andere Nahrungsvorräte unter den Betten verstaut, wo sie bei hochgeschlagenen Jurtenboden im Sommer am kühlsten lagern, lassen die Männer bereits den Becher mit Kymis kreisen. So wird der neue Platz eingeweiht. Der Mann ist das Haupt der Familie, heißt es. Erst nach ihm trinken die Frauen.
…Stimme: „Sami perwi Kumis“, Stampfen

Erzähler:
Das Stampfen des Kumys noch im Ohr, finde ich mich wenig später bei Dr. Nalgar Erdennetsogt in der Universität für Landwirtschaft der Stadt Ulaanbaator wieder. Dr. Nalgar Erdennetsogt ist ökologischer Berater an der biologischen Fakultät der Universität. Er hat sich bereit erklärt, mir die Grundzüge nomadischen Lebens wissenschaftlich zu erläutern. Echte nomadische Tierhaltung gebe es praktisch nur in der Mongolei, erklärt er.
Dafür nennt er mehrere Gründe:

O-Ton 14: Nalgar Erdennetsogt            0,52
Smisle tom, schto…
Regie: Ton kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Erstens das kontinentale Klima: Alle Gebiete der Mongolei erheben sich weit über den Meeresspiegel; davon sind nur einzelne Stellen ausgenommen. Aus dieser Lage ergibt sich eine besondere Pflanzendecke. Auf dieser ökologischen Decke hat sich, das ist das Zweite, die fünfache Tierhaltung entwickelt: Pferde, Schafe, Ziegen, Rinderarten und Kamele. Diese fünfgegliederte Tierwelt ist wie eine einzige Rasse, die in symbiotischen Beziehungen miteinander und mit den Menschen lebt. Das Dritte ist die gänzliche Entlegenheit des Landes von jeglichen Meeren. Das Vierte ist: Das mongolische Land ist umgeben von hohen Gebirgen. Ein solches Land gibt es vermutlich nicht noch einmal in der Welt. Das ist eine entlegende, wilde, in sich geschlossene, eine ganz und gar andere höhere Welt. Andersartigkeit durch und durch!“
…sowsjem inaja.

Erzähler:
Dr. Erdennetsogts wissenschaftliche Erkenntnisse gingen von der Streßforschung aus, die er bei den in der Mongolei gehaltenen fünf Tierarten durchgeführt hat. Dies übrigens schon 1973, also lange vor Beginn der aktuellen privatwirtschaftlichen Wende. In diesen Forschungen hat er eine Erklärung für die Besonderheiten des mongolischen nomadischen Lebens gefunden:

O-Ton 15: Erdennetsogt, Forts.        ?? 0,30 ??
Eta tak, eta tak…
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen.

Übersetzer:
„Das ist so: Die Menschen, Intellektuelle vornehmlich, denken, daß die nomadischen Tierhalter kein Wissen haben, daß sie äußerst bararisch und sehr primitiv seien. In der Praxis ist den Hirten der Streß jedoch bekannt. Sie wissen genau, wann ihre Tiere stressen und wann nicht, wann sich der Streß legt, wann nicht und wie man den Streß abbaut. Sie machen es durch das Hin-und-Herziehen, eben das Nomadisieren: Nicht Nomadisieren – das ist der Tod.“
…jest i smert.

Erzähler:
Die streßhaftesten Situationen habe es dann wohl gegeben, vermute ich, als sowjetische Wissenschaftler seinerzeit einreisten, um die Herden für eine industrialisierte Tierwirtschaft zu spezialisieren? „Genau!“ ruft der Doktor, „diese gesonderte Zucht ist Streß in Vollkommenheit!“ und wenn Streß auftauche, dann verschlechtere sich die Fähigkeit zur Adaption. Wenn das geschehe, träten sehr leicht Krankheiten auf. Viele Tierärzte seien dann hilflos und die Herden gingen verloren.
Mein Hinweis, daß auch westliche Ökologen heute das Prinzip der gestaffelten biologischen Lebensräume dem der industrieorientierten Spezialisierungen entgegenstellten, sich hier also offenbar uraltes Wissen mit modernsten ökologischen Erkenntnissen treffe, entlockt dem Doktor erst ein Stöhnen. Dann platzt er begeistert los:

O-Ton 16: Erdennetsogt, Forts.        1,15
Stöhnen! O,tak, kak istik…
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Oh, wie wahr! Wie das zusammenkommt! Da kann ich Ihnen nur eine Sache sagen, über das Nomadisieren: Nomadisieren – das ist Ökologie! Die universellste Art der Wandlung, das ist das Nomadisieren. Was bedeutet denn Nomadisieren? – Das ist die universelle ökologische Situation ständiger Veränderung! Es bedeutet, daß du die ökologischen Verhältnisse an jedem beliebigen Ort kennst, so machst du deine Umzüge zusammen mit den Tieren. Wenn du diese Bewegung mit den Tieren richtig machst, dann sind sie produktiv, dann sind sie gesund, dann leiden sie nicht unter Krankheiten. Aber klar ist auch, wenn ich nicht zur rechten Zeit umziehe, dann treffe ich auf widrige, unangenehme und manchmal sogar gefährliche Naturverhältnise. Bei richtiger nomadisierender Bewegung aber wird es in dem ganzen riesigen Territorium der Mongolei nicht ein einem einzigen Bezirk bedrängende Armut geben.“
…takoi betstwi.

Erzähler:
Die Frage, wie Industriewelt und ursprüngliche ökologische Lebensweise sich in der heutigen Mongolei treffe, will der Doktor jedoch nicht mehr beantworten. Hier ende das Gespräch, erklärt er kategorisch. Heute gebe es zwei Zivilisationsformen, kann ich ihm nur noch entlocken, die europäische und die asiatische, genauer, die nomadische und die nicht-nomadische. Beide hätten Vor- und auch Nachteile. Was wir bräuchten, sei eine dritte Zivilisation. Wenn ich dies aber zitieren wolle, wiederholt er mehrmals, dann müsse ich angeben, woher diese neue Idee komme: Diese dritte Zivilisation beginne nämlich auf mongolischem Boden.
Ich bin verblüfft. Es scheint, daß ich auf verletzten Nationalstolz, mindestens aber auf ein Trauma langandauernder Unterdrückung gestoßen bin. Offensichtlich will er geistiges Eigentum der Mongolei vor fremdem Zugriff schützen. Um genauere Antworten zu finden, muß wohl selbst weiter auf die Suche gehen.

O-Ton 17: Autofahrt, Athmo        0,53
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, zwischendurch hochziehen vor Erzähler (2) hochziehen, danach wieder abblenden

Erzähler:
Wenige Tage später habe ich Gelegenheit, mit Saja und Sarja, zwei mongolischen Frauen, in die Jurtenvororte von Ulaanbaator zu fahren. Saja und Sarja, beide um die vierzig, verteilen im Namen einer von Deutschen gegründeten Hilfsorganisation namens „Die Jurte“ Spendengelder an Bedürftige, vor allem an unvollständige Familien. Das sind alleinstehende Frauen mit Kindern, manchmal auch Väter ohne Frauen oder Großeltern, die allein für ihre Enkel sorgen. Zwanzig Deutsche Mark pro Kind geben die Frauen an insgesamt 110 Kinder; das sind ungefähr dreißig Familien. Die Zahl schwankt, da immer wieder Veränderungen auftreten. Eine Familie zieht einfach fort, ohne daß man wüßte wohin; Kinder verlassen die Familien, um auf der Straße zu leben. Zwischen fünf und zehntausend Straßenkinder werden in Ulaanbator zur Zeit vermutet. Die Adressen erhalten Saja und Saja von den Bezirksverwaltungen. Das Geld muß persönlich übergeben werden. Dabei überprüfen die Frauen seine Verwendung. Das ergibt rund dreißig, manchmal mehr Besuche im Monat, die die Frauen mit einem gemieteten Fahrer absolvieren.
…Autogeräusche, zweimal Türenschlagen

Regie: hochziehen, wiederabblenden

Erzähler:
Die erste Adresse – Fehlanzeige: Wo im letzten Monat noch eine Jurte stand, ist der Platz leer. Die Nachbarn wissen nichts über den Verbleib. Unter der zweiten Adresse finden wir eine fast leere Jurte, darin drei halbwüchsige Kinder, eins davon ein Krüppel. Einen Vater gibt es nicht, erklärt Saja. Die Mutter arbeitet für 9000 Togrö als Putzfrau. Das sind rund zehn Mark, gerade genug, ein Brot pro Tag zu kaufen.
Wie lange sie schon hier leben, frage ich die Kinder.

O-Ton 18: Vorortjurte            0,25
Kinder: „Tin,Tin“ – Mongolisch…
Regie: langsam kommen lassen, kurz stehen lassen, unterlegen

Erzähler:
Zehn Jahre. Früher haben sie außerhalb der Stadt gewohnt. Die Kinder erinnern sich noch. Da war es besser, meint das Mädchen. Da hatten wir Oma und Opa, ergänzt der Junge. Da hatten wir auch Kühe und andere Tiere, fährt er fort. Aber Oma und Opa sind gestorben. Ob sie zurück wollen? Die Antwort ist kaum zu verstehen, aber doch ein unmißverständliches: „Ja“.
… gehaucht Aha

Erzähler:
Unter der nächsten Adresse finden wir eine Bretterhütte, eingerichtet wie eine Jurte: Ein Ofen, zwei Betten, zwei Schränkchen. Hier wohnt eine Frau, die neun Kinder geboren hat, drei davon noch immer schulpflichtig. Wovon sie lebe, frage ich. Saja übersetzt mir ihre Antworten:

O-Ton 19: Mutter von 9 Kindern        0,37
Frau: Mongolisch…
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen, abbblenden

Übersetzerin:
„Sie arbeitet als Inspektorin für Hygiene. Dafür bekommt sie ebenfalls 9000 Togrö. Das ist kein festes Gehalt. Sie bekommt Prozente, wenn sie Strafen verhängt. Sie kann natürlich nicht immer Strafen verhängen, sagt sie, weil die Menschen eben so leben. Sie tun ihr leid. Aber das bedeutet auch, daß sie nur auf 9000 kommt. Dazu kommen noch 9000 Leibrente von ihrem verstorbenen Mann. Davon kann sie nicht leben, erst recht die Schule nicht bezahlen.  Sozialhilfe gibt es nicht. Von dem Hilfsgeld hat der älteste Sohn Holz gekauft und Möbel gebaut. Das gibt ihr Kraft. Daraus kann vielleicht etwas Neues entstehen, meint sie.“
…Frau, Russisch: pomogaet…

Erzähler:
Unter der nächsten Adresse finden wir einen ca. 12jährigen Jungen. Er sitzt apathisch auf einem fast nackten Bettgestell zwischen vier ebenso nackten Dünnbetonwänden. Der Junge müßte in die Schule gehen, erklärt Saja. Aber die Mutter kümmert sich nicht um ihn, sie verkauft Wodka an einem nahen Kiosk. Als die Frauen sie dort aufsuchen, ist sie betrunken. Schweren Herzens entscheiden Saja und Sarja, das Geld diesesmal zurückzuhalten. Vielleicht nächstesmal, sagen sie. Hoffnungsvoll klingt das nicht.

O-Ton 20: Fahrt                0,52
Türenklappen, Fahrgeräusche….
Regie: langsam kommen lassen, kurz stehen lassen, unterlegen, nach Übersetzerin hochziehen

Erzählung:
Wieder sind wir unterwegs. Noch drei Familien schaffen wir an diesem Tag. Die Muster wiederholen sich: Die Wohnverhältnisse sind primitiv, kein Wasser, keine sanitären Anlagen. Die Freiheit der Jurte wird hier zur Katastrophe: Kein Licht, kein Wasser, kein Klo, statt der Steppe ein zugesiedeltes, verbrettertes und versifftes Vorstadtgelände. Ungefähr 400.00 Familien leben unter solchen Verhältnissen. Das sind 250.000 Menschen, ein Drittel der Stadtbevölkerung. Saja ist bedrückt:

Übersetzerin:
„Sie machen einfach so weiter wie früher. Warum versuchen sie es nicht zu ändern? Ich habe auf diese Frage noch keine Antwort gefunden. Man muß doch seine Art zu leben verändern! Die Leute haben TV, sie schauen Filme, warum müssen sie in der alten Weise weiterleben? Ich verstehe es nicht. Mag sein, daß sie einfach müde sind vom Leben, von ihrer Armut. Sie haben keinerlei Verlangen nach irgendeiner Zukunft, ihnen ist schon alles egal, wahrscheinlich.“
…nawerna

Erzähler:
Von Modernisierung kann auch in der Stadt unter solchen Umständen keine Rede sein. Nötig wäre die Entwicklung einer auf die Bedürfnisse der Nomadenwirtschaft orientierten Industrie, um das technische Niveau der Nomadenwirtschaft zu heben und den Städtern sinnvolle Arbeit zu schaffen. Faktisch entwickeln sich Stadt und Land aber auseinander: Die Hirten kehren zu vorindustrieller Tauschwirtschaft zurück, in der sich ihr Reichtum an Tieren in die Armut des unverkäuflichen Überangebots zu verwandeln droht. Das Wachstum der Stadt Ulaanbaator, die jetzt bereits mehr als ein Viertel der mongolischen Bevölkerung umfaßt, schreitet andererseits unaufhaltsam voran – aber nicht die Produktion steigt, sondern die Arbeitslosigkeit, nicht der Ausbau der Infrastruktur geht voran, sondern ihr Zerfall. Daß beides zugleich möglich ist, Rückkehr aufs Land und weitere Verstädterung, hat seine Ursache in dem enormen Geburtenüberschuß, der die Bevölkerung in der Stadt und auf dem Lande zugleich wachsen läßt. Darin liegt eine gro0e Kraft der mongolischen Bevölkerung, darin liegt aber auch der Keim einer möglichen Katastrophe, die nur solange ausbleibt, wie Hirten und Städter Tierprodukte und Industriewaren  auf dem Wege der gegenseitigen Verwandtschaftshilfe bargeldlos tauschen. Eine Geld- bzw. Marktwirtschaft westlichen Typs ist das jedoch nicht.
Am Tag meiner Abreise hatte ich Gelegenheit, mit Professor Bira, dem Sekretär der „Internationalen Assoziation der Mongolisten“ in Ulaanbaator über diese Beobachtungen zu sprechen.

O-Ton 21: Prof. Bira            0,50
This is the…

Übersetzer:
„Ja, das ist das Problem, das in der Mongolei zur Zeit am schwierigsten zu lösen ist. Es ist sehr wichtig, diese Situation in der Mongolei zu erkennen. Vor allem auch für diejenigen, die kommen, um uns Mongolen zu helfen. Mir scheint, das die ausländischen Ratgeber ohne jede Kenntnis darüber zu uns kommen. Sie kommen mit Autorität von oben, sie geben uns Modelle, die für seßhafe landwirtschaftliche Länder ausgearbeitet sind, für osteuropäische oder für Rußland. Fast dasselbe wurde seinerzeit von den russischen Kommunisten gemacht. Natürlich gab es einige Verbesserungen, aber so konnten keine wirklich guten Ergebnisse erzielt werden. Das gilt auch für die jetzigen sog. demokratischen Reformen. Nichts ist wirklich besser geworden. Mir scheint, all das Geld und all diese wirtschaftliche Hilfe geht in eine falsche Richtung. Deshalb ist davon auch nicht mehr zu sehen…“
…not sovisible results

Erzähler:
Als Beispiel verweist der Professor auf  die beabsichtigte Privatisierung des Weidelandes. Da werde man einen Weg finden müssen, der den nomadischen Bedingungen entspreche:

O-Ton 22: Prof. Bira, Forts.        0,25
There are only two ways…
Regie: kurz stehen lassen, abblenden, unterlegen, nach Übersetzer hochziehen

Übersetzer:
„Das ist eine Frage des Überlebens für dieses kleine Land. Es gibt nur zwei Wege: Entweder werden wir, wie der Historiker Toynbee meinte, ähnlich wie andere kleinere nomadische Nationen vom Erdboden verschwinden oder wir finden einen Weg, auf eigener Basis zu überleben.“
..survive

Erzähler:
Die Gefahren für die Mongolei sind groß. Die Tatsache allerdings, daß die Mongolei anders als andere nomadische Nationen im Schnittpunkt geostrategischer Interessen zwischen Ost und West liegt, eröffnet die Chance, daß hier der Weg für eine Modernisierung gefunden wird, die ursprüngliche nomadische Ökologie und industriellen Fortschritt miteinander verbindet.

O-Ton 24: Musik        0,20
Regie: allmählich unter dem Erzähler hochziehen, kurz stehen lassen, mit Applaus abblenden.

Erzähler:
Das Bild dafür ist die Jurte, die durch einen Sonnenkollektor oder
durch mobile Windgeneratoren mit elektrischem Strom versorgt wird. Vereinzelt kann man solche Bilder in der heutigen Mongolei bereits sehen.

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