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	<title>Kai Ehlers &#187; WTO</title>
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	<description>Kai Ehlers, Russlandforscher, stellt sich vor</description>
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		<title>EU-Russland-Gipfel: Kriegsbeil begraben – oder nur versteckt?</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 20:27:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel zur Lage]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Nachbarschaftspolitik ENP]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Serie der Überraschungen der Nach-Bush-Ära geht weiter: Nichts Angenehmes war vom EU-Russlandgipfel in Stockholm vom 18. November zu erwarten gewesen
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Serie der Überraschungen der Nach-Bush-Ära geht weiter: Nichts Angenehmes war vom EU-Russlandgipfel in Stockholm vom 18. November zu erwarten gewesen, nachdem das letzte EU-Russland-Treffen in Chabarowsk im Mai 2009 praktisch ergebnislos geendet hatte und nachdem Schweden, das zur Zeit die Ratspräsidentschaft der EU hält, den Vorschlag einer „östlichen Partnerschaft“ vorgelegt hatte, der die ehemaligen Sowjetrepubliken Aserbeidschan, Armenien, Georgien, Ukraine, Moldawien und Weißrussland als besonderes Interessengebiet der EU definiert. Darin sind die zukünftigen Auseinandersetzungen um die Ukrainie, um Georgien, um die „eingefrorenen Konflikte“ Moldawien, Prednestrowien, Berg Karabach, um Ossetien und Abchasien mit eingeschlossen.<br />
Der schwedische Vorschlag doppelt die bisherige Politik des „Ost-West-Korridors“, mit dem die EU und USA Russland seit dem Ende der Sowjetunion Russland von seinen früheren südlichen Einflusszonen abzuschnüren bemüht waren und immer noch sind, nunmehr durch den Versuch, dem Ost-West-Korridor einen Nord-Süd-Korridor hinzuzufügen, der vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee reicht. Faktisch sind die neuen EU-Mitglieder, insbesondere Polen und die die baltischen Staaten als nördliche Verlängerung dieses Korridors ein Bestandteil dieses Korridors, zudem ein sehr aktiver. Russlands Außenminister Lawrow wies den Vorstoß der „östlichen Partnerschaft“ denn auch scharf als „nicht hinnehmbar“ zurück.<br />
Nichts Gutes hatte sich auch im Pipeline-Krieg angekündigt, nachdem in Chabarowsk Anfang des Jahres keinerlei Einigung erzielt werden konnte. Unvermittelt stand: Nabucco contra South-Stream im Süden, Ostseepipeline ja oder nein im Norden. Anfang Mai feierte die EU auf ihrem Gipfel in Prag den erfolgreichen Abschluss von Lieferverträgen mit Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan, ohne deren Zuleitungen an Gas, die Nabucco-Linie eine Totgeburt bliebe. Im Mai schloss Gazprom im Gegenzug in Sotschi neue Abkommen mit Energiefirmen in Bulgarien, Serbien, Rumänien und Italien über deren Beteiligung am Bau der South-Stream-Pipeline. Schweden forcierte noch einmal seine Einwände gegen die Osteepipeline. Im März vereinbarte die EU mit der Ukraine einen Masterplan zur Modernisierung des ukrainischen Pipelinnetzes, der Russland umging.<br />
Sollten die Interessen Russlands nicht berücksichtigt werden, erklärte Putin daraufhin , müsse die Führung in Moskau ihre Beziehungen zur Europäischen Union überdenken. Für ihn sei der Plan „gelinde gesagt fehlgeleitet und unprofessionell“, wenn er ohne Russland als Hauptliefereant diskutiert werde. Wenige Wochen darauf sah man Putin mit Frau Timoschenko verhandeln.<br />
Das Europäische Parlament legte eine Woche vor dem Treffen in Stockholm eine Entschließung vor, in der es nach zahllosen „“Hinweisen“, „Erwägungen“ und „Kenntnisnahmen“ zu Problemen in den Beziehungen zwischen EU und Russland und Forderungen zu deren Lösung u.a. erklärte, dass die vom 18. 9 – 5.10.2009 von Russland und Weißrussland durchgeführten strategischen Manöver „ernsthafte Besorgnisse darüber auslösten, ob dies auch dem Geist der guten Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respektes  zwischen Russland und der Europäischen Union gerecht wird.“<br />
Gemeint waren Manöver, die im Rahmen der „Organisation des Vertrages über die kollektive Sicherheit“ (ODKB) im September 2009 durchgeführt wurden, nachdem sich Lukaschenko noch im März dagegen gesperrt hatte. Der ODKB gehören Armenien, Kasachstan, Kirgisien, Russland, Tadschikistan und Weißrussland an. Die Organisation galt lange als politisch tot; seit dem Krieg erlebt sie offenbar eine Renaissance.<br />
Nur wenige Tage vor dem Gipfel war scheinbar alles wieder im Fluss: Schweden hatte seinen Widerspruch zur Ostseepipeline zurückgezogen, EU, Ukraine und Russland hatten die Einrichtung eines „Frühwarnsystems“ zur Sicherung der Energieversorgung rechtzeitig zum Gipfel unter Dach und Fach gebracht. „Entwicklung von Infrastrukturverbindungen zwischen der EU und der Russischen Förderation“, gab das EU-Parlament in seiner Entschließung seinen Gipfel-Vertretern vorsichtig mit auf den Weg, sei „vorteilhaft für beide Seiten“ müsse deshalb mit einer „Minimierung der ökonomischen und umweltbezogenen Kosten“ gefördert werden. Gemeint war der Ausbau der Pipelinenetze. Tief blicken jedoch ließ die „Erwägung“, die den EU-Vertretern vom Parlament mit auf den Weggegeben wurde, „dass es für die Europäische Union wichtig ist mit einer Stimme zu sprechen, eine starke interne Solidarität zu zeigen, eine gemeinsame Haltung einzunehmen und Russlands Angebote zur Intensivierung der bilateralen Beziehungen mit Mitgliedstaaten, die dazu bereit sind, n i c h t (Hervorh. Verf.) zu akzeptieren.“<br />
Angesichts der Alleingänge Bulgariens, Serbiens, Rumäniens und Italiens in Sachen South-Stream, mit denen ja nur frühere Alleingänge aktualisiert werden, wird deutlich, worum es geht: Die Politik der EU gegenüber Russland ist alles andere als kohärent. Sie schwankt zwischen der immer wieder beschworenen strategischen Partnerschaft und offener Konkurrenz im Kampf um die Grenzräume zwischen Russland und EU – im Westen, Süden und im Osten. Der Entwurf einer „Zentralasienpolitik der EU“ hat auch hier soeben neue Ansprüche formuliert, die in Konkurrenz zu russischen Interessen stehen. Auch Medwedews Vorschlag einer „Sicherheitspartnerschaft von Vancouver bis Wladiwostok“, blieb von der EU bisher unbeachtet, ganz zu schweigen von einer aktiven Aufnahme der prinzipiellen russischen Vorschläge zur Entwicklung einer multipolaren Weltordnung.<br />
Umso verblüffter durfte man sein, als Präsident Medwedew den EU nun anbot, die von ihr propagierten Klimaziele zu unterstützen, indem Russland seinen CO2-Aussstoß gemessen an 1990 um 25% zu senken bereit sei. Verblüffend auch, die Erklärung, Russland wolle nun auf dem schnellsten Wege der WTO beitreten: „Kriegsbeil begraben“, „Neuanfang“, „klarer Modernisierungskurs Russlands“ und so ähnlich lauteten die Kommentare. Die Erklärungen Medwedews sind allerdings wohl eher Gesten: Faktisch hat Russlands CO2-Aussstoss sich durch den Rückgang seiner industriellen Produktion seit 1990 ohnehin um fast den Betrag verringert, den Medwedew jetzt angeboten hat. Und was „so schnell wie möglich“ im Bezug auf den WTO-Beitritt bedeutet, ist nach wie vor offen. Nahezu vollkommen übersehen wurde, dass nicht eines der fundamentalen Probleme gelöst wurde – die sich zwischen den Integrationsräumen von EU und Russland stellen, ganz zu schweigen davon, dass politische Impulse erkennbar geworden wären, die über die gegenwärtige Konfrontation der Interessen auf eine Neuordnung dieser Räume hinausliefen, die den neuen Kräfteverhältnissen in der Welt entspricht. Eher schon kann man Medwedews Vorstoß, einschließlich seiner Rede zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, bei der er Russlands Verdienste für die nachsowjetischen Öffnungen herausstellte, als Korrekturversuch gegenüber einer überschwänglichen Obama-Verehrung verstehen. Gelöst wurde erst einmal nichts, versteckt dagegen sehr viel. Man wird sich auf weitere Überraschungen einstellen müssen.</p>
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		<title>Russland zwischen Supermarkt und Datscha</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jul 2009 14:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Thesen Positionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Thesen zur russischen Wahrnehmung der weltweiten Krise.

Wie wird die Krise in Russland wahrgenommen und welche Wege der Bewältigung sind erkennbar? Momentaufnahme einer Recherche im Sommer 2009. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Thesen zur russischen Wahrnehmung der weltweiten Krise.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wie wird die Krise in Russland wahrgenommen und welche Wege der Bewältigung sind erkennbar? Momentaufnahme einer Recherche im Sommer 2009. </strong></p>
<p>Boris Kagarlitzki, Direktor des russischen „Zentrums für Globalisierung und soziale Bewegungen“, schrieb angesichts des aktuellen Krisenverlaufes im Mai 2009<a href="#_edn1">[1]</a> zu der Frage, wie sich die gegenwärtige Krise von den Krisen 1990/1 und 1998 unterscheide: „In der Zeit des ökonomischen Aufschwungs veränderte sich die Situation des Arbeitsmarktes. Das ist jetzt schon nicht mehr die nachsowjetische Gesellschaft, in der die Menschen sich aus den Gärten ernähren konnten, in der Betriebe ihre Arbeiter halten konnten, während sie ihnen keinen Lohn auszahlten, die Menschen sich aber durch irgendwelche sozialen Vergünstigungen versorgten und an Werte des Arbeitskollektivs appellierten. Millionen Menschen siedelten inzwischen in die wachsenden großen Städte um, jetzt  können sie nicht zurückkehren und Kartoffeln  ziehen – sie haben einfach keine Gärten mehr und die Familien blieben sechs Tagereisen weit in anderen Oblasten und in einem anderen Leben zurück. Millionen Menschen, die sich in den 1990er Jahren aus Arbeitern oder Ingenieuren zu kleinen Händlern umschulen konnten, sind inzwischen umgeschult. Und was jetzt tun mit den Millionen für die Wirtschaft nicht benötigten Trägern weißer Kragen, den Haltern kreditierter Automobile, den durch Hypotheken finanzierten oder gemieteten Wohnungen, was tun mit den Arbeitern der Gesellschaften, die in den Bankrott gehen?“ Die heutige Krise, so Kagarlitzki,  lasse demjenigen, der ihr verfalle, im Unterschied zu der Krise von 1991, als es Aufstiegschancen für eine Minderheit gegeben habe, im Gegensatz zu der Krise von 1988, die kurz gewesen sei und die mit dem Aufstieg der Industrie und dem Anstieg der Ölpreise geendet habe, „auf individuellem Niveau &#8230; keinerlei Chancen“. Die Krise konfrontiere die russische Gesellschaft vielmehr mit der der Logik des kapitalistischen Systems, aus dem es keinen individuellen Ausweg gebe: Das Prinzip „Jeder für sich selbst“ funktioniere nicht mehr. Hoffen könne man nur noch auf „andere“ Wie könne man aber auf andere hoffen, wenn alle dahin getrimmt worden seien, dass jeder nur für sich selbstverantwortlich sei? Die „Nicht-Mehr-Gewohnheit für andere Verantwortung zu tragen“, schließt Kagarlitzki, sei daher das „hauptsächliche ‚systemische’ Problem der russischen Gesellschaft in der gegebenen Etappe ihrer Geschichte.“ Dies gelte es zu begreifen und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Welche, sagte Kagarlitzki in diesem Text nicht.</p>
<p>Die Umschau im Lande selbst ergab:</p>
<p>1. Mit dieser Position repräsentiert Kagarlitzki zur Zeit die radikalste Sicht auf die russische Krise. Diese Sicht kam auch auf der Konferenz „Russland , die globale Krise und die WTO“ zum Ausdruck, die vom „Institut Globalisierung und soziale Bewegung“ im Dezember 2008 in Moskau durchgeführt wurde: Die globale Krise wurde dort mehrheitlich als Systemkrise des Kapitalismus verstanden, die Russland infiziere und Russland damit konfrontiere erkennen zu müssen, wohin die kapitalistische Logik unausweichlicher Weise führe. Die Lasten der Krise würden auf die Bevölkerung abgewälzt. Aus dieser Analyse heraus kam die Konferenz zu der Position, dass ein möglicher Beitritt Russlands zur WTO kritisch zu überdenken und eine Kampagne dagegen zu entwickeln sei.<a href="#_edn2">[2]</a></p>
<p>2. In ihrer Einschätzung der Krise als systematisches Produkt kapitalistischer Logik ist die Kritik der radikaldemokratischen Linken zugleich Ausdruck der im Lande vorfindlichen allgemeinen Stimmung, welche die krisenhafte Entwicklung als Produkt des aus dem Westen importierten „Kapitalismus“ begreift – allerdings eher summarisch und athmosphärisch, als konkret und analytisch und ohne dass der Linken daraus personell direkt neue Potenzen erwüchsen. Die Bandbreite dieser Stimmung reicht von der schlichten Feststellung, alles hänge heute mit allem zusammen, bis zu dem Verdacht, Opfer westlicher Manipulationen zu sein, insbesondere US-amerikanischer, die bewusst angezettelt worden seien, um Russland durch den Zusammenbruch der Öl- und Gaspreise zu schwächen.</p>
<p>3. Aus dieser allgemeinen Gestimmtheit heraus werden die Maßnahmen der Regierung, insbesondere auch die demonstrativen Auftritte Putins ohne Ausnahme als Schritte verstanden, die von ihm aufgebaute Stabilität zu retten. Das gilt für Putins „Machtwort“ gegenüber den Bankern, die er bei Androhung von Haft anwies, die Stützungsgelder der Regierung tatsächlich als Kredite an die Industrie weiterzugeben. Das gilt für Modernisierungsprojekte wie die von Anatoly Tschubajs geleitete Kommission zur Entwicklung der NANO-Technologie, in die mit eigenem russischen Geld ausländisches Know-how ins Land gezogen werden soll. Das gilt ebenso für Putins demonstrative Auftritte, mit denen er vor Ort Krisenmanagement betreibt. So bei seinem Auftritt in dem Monostädtchen Pikaljéwo, wo er vor laufender Kamera den Oligarchen Deripaska verpflichtete, ausgesetzte Lohnzahlungen sofort zu begleichen und die Produktion sofort wieder aufzunehmen – ungeachtet der Frage, wo das Geld herkomme und ob der „Markt“ die Produkte aufnehmen könne. Eine Woche später prangerte Putin in einer Supermarktkette vor laufender Kamera die überhöhten Preise an – am Tag darauf waren die Preise um ein Drittel gesenkt. Der Beifall des TV-Volkes war ihm gewiss.</p>
<p>4. Differenzen gibt es in der Beurteilung, welchen Charakter die Stabilität habe und was die Auftritte Putins konkret bewirkten. Dem breiten Beifall für seine „entschlossene Aktionen“ stehen sehr kritische Sichtweisen gegenüber, und zwar sowohl aus Kreisen des „Busyness“ als auch aus der Tiefe der Bevölkerung, welche die Krise von einer ganz anderen Seite her beleuchten: Da ist zum einen die Position von „Insidern“, die die Krise mit den Augen des Geschäftsmannes sehen. Sie verstehen die Krise als Poker globaler Konzerne, an dem auch die russische Regierung zusammen mit Gasprom teilnehme. Als einer der zur Zeit potentesten Kapitalhalter habe Russland die dabei Chance, profitversprechende Produktionsstätten „für fast nichts“ zu kaufen wie Anteile von OPEL und andere. Dabei habe die Krise für das russische Inland zugleich den Effekt, das russische, wie auch das in Russland investierte ausländische Kapital von überflüssigen Arbeitskräften zu „reinigen“.</p>
<p>5. Aus der Sicht der abhängig Beschäftigten – vornehmlich ihrer kritischen Vertreter, versteht sich – steigert sich dieses Grundverständnis der Krise dahingehend, das gesamte Krisengeschehen für ein inszeniertes Theater halten, bei dem „Politik“ und „Kapital“ mit verteilten Rollen der Bevölkerung mehr Leistung abverlangten und gleichzeitig das Geld aus der Tasche ziehen wollten, um in dem internationalen Poker optimal mithalten zu können. Stichwort: „Sie nutzen die Krise, um sich zu sanieren.“ Aus dieser Sicht werden die Auftritte Putins als „peinlich“ erlebt, weil diese Noteinsätze deutlich machten, wie wenig die Regierung darüber wisse, wie das „Volk“ tatsächlich lebe und wie wenig ihr auch an einer tatsächlichen Beseitigung der Folgen der Krise für die Bevölkerung gelegen sei – denn es liege ja auf der Hand, dass letztlich keinerlei Verbesserung für die individuellen Opfer der Krise aus solchen Auftritten folge. Die Auftritte seien nur mediales Makeup zur sozialen Beruhigung.</p>
<p>6. In der Tat ändern die Auftritte Putins so gut wie nichts an den ökonomischen Auswirkungen und Folgen der Krise; sie verschärfen eher noch die auseinanderdriftende Polarität zwischen einer vom Bedarf losgelösten, nur um des Profites willen stattfindenden Produktion und der Verwandlung dieses Profites in eine Spekulationsware auf der einen und einen „Markt“, der nicht mehr in der Lage ist, die vom Bedarf losgelösten Produkte aufzunehmen auf der anderen Seite. Die Bevölkerung ist ja im Zuge der Krise noch weniger in der Lage, Produkte zu konsumieren, für die weder realer Bedarf noch ausreichend Geld vorhanden ist, wenn sie nicht mit aggressiver Werbung und Kreditversprechen künstlich dazu angereizt wird. Während Putin in Worten den unsozialen Umgang von Bankern, Oligarchen, Händlern und Spekulanten mit der Krise öffentlich geißelt, forciert er deren Verschärfung durch weitere Ankurbelung dieser vom Bedarf losgelösten Produktion. Das ist: Kritik des Neoliberalismus in Worten, dessen Fortsetzung in Taten. Diese Maßnahmen sind mit dem westlichen Krisenmanagement zu hundert Prozent vergleichbar.</p>
<p>7. Klare Unterschiede liegen dagegen in der Art der Regierungsauftritte, in denen Ökonomie durch Politik ersetzt wird. Manch westlicher Politiker dürfte die russische Regierung für Inszenierungen wie die in Pikaljéwo heimlich beneiden. In der Bewertung russischer Analytiker, wie übrigens auch im sozialen Alltag, trifft man sich in der Sicht, dass die autoritären Strukturen durch die Krise gestärkt werden; von basisgewerkschaftlicher Seite wird sogar zunehmende Repressionen beklagt, mit der Proteste niedergehalten würden. Andererseits wird die Bevölkerung sich selbst überlassen. Analytisch genauer formuliert: Die Krise reproduziert die traditionellen russischen Strukturen einer bürokratisch gelenkten Wirtschaft, während sie gleichzeitig die Individualisierung und Dezentralisierung weiter hervorbringt; ob das Zentrum, konkret das Tandem Putin Medwedew, daraus gestärkt hervorgehen wird oder eher geschwächt, darüber sind die Meinungen allerdings so geteilt wie die Ansichten zum morgigen Wetter.</p>
<p>9. Für die Bevölkerung bedeutet die Krise: Wegfall von „überflüssigen“ Arbeitsplätzen, die in der Boomzeit gehalten wurden, Entlassungen, Wegfall des in der Boomzeit üblichen „schwarzen“ Anteils der Lohntüte, offizielle Lohnkürzungen bis hin zur Zurückhaltung von Löhnen. Gleichzeitig steigen die Preise für Lebensmittel – allerdings nicht für alle Produkte, sondern auf Grund der Rubelabwertung für ausländische Waren. Die Preise für einfache Grundnahrungsmittel aus russischer Erzeugung sind zum Teil sogar gesunken. Dafür steigen die Kosten für infrastrukturelle und soziale Einrichtungen der Versorgung &#8211; Strom, Gas, Wasser, Verkehr usw. usw. Förderungen für öffentliche Initiativen, Kulturarbeit etc. werden rundum massiv gekürzt. Der Druck auf die Bevölkerung, die sich in der aufsteigenden Kreditwelle des zurückliegenden Booms vertrauensvoll und leichtsinnig verschuldet hat, steigt enorm. Darin ist Boris Kagarkitzki zuzustimmen,</p>
<p>10. Russland hat allerdings, das ist hier festzuhalten, gewissermaßen noch einmal Glück gehabt, von der Krise erfasst zu werden, b e v o r  die durch den Boom der letzten Jahre anrollende Kreditwelle im eigenen Lande zu den Ausmaßen anwachsen konnte wie im Ursprungsland der Krise, den USA. Russland ist an der Kreditfalle eben noch vorbeigeschrammt. In Erkenntnis dieser Tatsache wurde die Hürde für private Kreditaufnahmen zu Konsumzwecken, die im Jahr  zuvor noch leicht zu nehmen war, wenn man nur einen Arbeitsplatz nachweisen konnte, inzwischen entschieden erhöht. Jetzt wird nicht nur der Nachweis eines Arbeitsplatzes verlangt, sondern die Bonität des potentiellen Kreditkunden rundum geprüft. Eine allgemeine Verschuldung der Bevölkerung wie etwa in den USA wird es in Russland deshalb wohl nicht geben, eher eine Reduktion auf reale Formen des Austausches, eine Konzentration auf die eigenen Kräfte, auf den Erhalt und Ausbau persönlicher Autarkie in Form traditioneller und neuer Formen von Eigenversorgung. Genereller gesprochen gilt das auch für die Verschuldung des Staates; was den Staat angeht, liegt Russlands Problem sogar eher darin, die in den Boomjahren zurückgelegten Gelder so anzulegen, dass daraus keine inflationären Tendenzen erwachsen. Konsequenterweise bemüht man sich jetzt, damit dem norwegischen Modell folgend, verstärkt um Anlagen im Ausland,</p>
<p>11. Unbedingt zu relativieren ist vor diesem Hintergrund die Aussage, die russische Bevölkerung sei nach dem Boom der letzten acht Jahre nicht mehr in der Lage, auf Strukturen der Selbstversorgung zurückzugreifen. Es stimmt, dass der Boom Millionen von Menschen vom Land in die Städte gezogen hat, viele von ihnen als illegale Gastarbeiter. Wenn diese Millionen durch die Krise ihre Arbeit verlieren, werden nur die wenigsten in der Lage sein sich selbst zu versorgen. Dann bilden sie ein Krisenpotential in den großen Städten, von dem große Bedrohungen der sozialen Ruhe ausgehen können.</p>
<p>12. Tatsache ist aber, dass selbst in den Metropolen die Datscha, der Hofgarten, das eigene Stück Land vor der Stadt nach wie vor zur Grundausstattung vieler Familien gehören. Mehr noch, die Krise hat der „familiären Zusatzversorgung“ eine neue Bedeutung gegeben. Viele Menschen haben sich im Frühjahr 2009 entschieden, ihre Datscha wieder stärker zu bewirtschaften, ggflls. auch bewirtschaften zu lassen. Menschen aus der näheren Umgebung der Metropolen, die ihre Arbeit verloren, kehr in ihre Orte zurück. Zu diesen Bewegungen gibt es selbstverständlich keine Statistiken, aber Gartenausrüster wie OBI standen Anfang des Jahres nicht nur in den Regionen Russlands, sondern auch in Moskau im Boom; ihre Regale mit Samen und Pflanzen waren ausverkauft. Selbst in einem „Kurort“ wie Tarussa, 150 KM südlich von Moskau, gilt die Datscha heute immer noch &#8211; und wieder &#8211; als Lebensversicherung, hat die örtliche Verwaltung die Bevölkerung zur privaten Nutzung brachliegenden Landes vor der Stadt aufgerufen. Das gleiche Bild in Tscheboksary, der Hauptstadt Tschuwaschiens an der Wolga. Dort rief eine Versammlung des Tschuwaschischen Kulturzentrums zur erneuten Nutzung des brachliegenden Landes auf. Einzelne Personen, die aus dem Arbeitsprozess herausgefallen sind,  spielen mit dem Gedanken, ländliche Gemeinschaften zu bilden, die gemeinsam eine Datschensiedlung kultivieren. Auf gut dreißig bis vierzig Prozent der Bevölkerung wird der Anteil derer geschätzt, die sich zur Zeit über familiäre Zusatzwirtschaft selbst versorgen. Dieser Einschätzung muss, darauf direkt angesprochen, auch Boris Kagarlitzki zustimmen.</p>
<p>13. Die überbordende Urbanisierung, die Verödung des Landes, in dem die Felder brach liegen, der Verfall der Dörfer, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen, wurde auch von der Regierung als Problem erkannt. Im letzten Jahr wurde ein Agrarprogramm neu aufgelegt, das die Rekultivierung des ländlichen Raumes fördern soll. Mit der Europäischen Union wurde 2008 ein Agrarförderungsprogramm vereinbart. Einzelne Initiativen zur Revitalisierung der Dörfer, zur Stärkung regionaler Entwicklung werden mit staatlichen Geldern unterstützt. So ein Pilotprogramm zur Revitalisierung von Dörfern im Oblast Archangelsk, das der „Wosroschdennija russkich Derewen“, der „Widergeburt des russischen Dorfes“ gewidmet ist. Unter den Bedingungen der Krise bekommen alle diese Programme eine erkennbare Dringlichkeit.</p>
<p>14. Was sich – verstärkt durch die Krise &#8211; so herausbildet, ist ein Nebeneinander von beschleunigter Modernisierung der industriellen Produktion im westlichen Stil bei gleichzeitiger Abstützung der Volkswirtschaft, also letztlich des Modernisierungsprozesses auf die Strukturen der Eigen- und Selbstversorgung &#8211; des Landes wie auch des Einzelnen im Rahmen seiner individuellen Versorgungszusammenhänge. In dieser Polarisierung liegt zweifellos die Gefahr einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft in Tradition und Moderne, in Land und Stadt, in arm und superreich. Andererseits liegt gerade in dieser Konstellation auch die Chance, dass die Modernisierung des Landes zu einer Symbiose von industrieller Fremdversorgung und familiärer, lokaler, regionaler und sogar nationaler Eigenversorgung führt, wenn diese beiden Pole als unabweisbare, historisch gewachsene strategische Elemente begriffen werden, deren Wechselwirkung heute aktiv gefördert werden muss und kann. In dieser Symbiose wird ein möglicher Ausweg aus der Krise erkennbar, der auch über Russland hinaus Bedeutung haben könnte: eine moderne Kombination von Fremd- und Eigenversorgung, in der sich die allgemeine industrielle Produktion mit dem tatsächlichen Bedarf vor Ort verbindet, sich gegenseitig ergänzt, begrenzt und optimiert. In einer solchen Kombination liegt eine mögliche Botschaft Russlands für einen Weg aus der globalen Systemkrise.</p>
<hr size="1" /><a href="#_ednref1">[1]</a> Der Text erschien  unter der Überschrift: „Das Ende der Stabilität“ in der russischen Zeitschrift „Alternative“[1], 31.05.2009</p>
<p><a href="#_ednref2">[2]</a> Siehe dazu: Lewaja Politika, Nr. 9, Ende der Stabilität, S, 1. f</p>
<p>geschrieben für: <a href="Rosa-Luxemburg-Stiftung" target="_blank">Rosa Luxemburg Stiftung</a></p>
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