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	<title>Kai Ehlers &#187; Modernisierung</title>
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	<description>Kai Ehlers, Russlandforscher, stellt sich vor</description>
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		<title>Forum integrierte Gesellschaft: Brennpunkt Syrien</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/forum-integrierte-gesellschaft/2012-05-16-forum-integrierte-gesellschaft-brennpunkt-syrien</link>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 15:39:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auswertung des  17. Treffens zu &#8220;Brennpunkt Syrien&#8221; vom 12.05.2012 und Einladung zum Treffen am Sonntag 10.06.2012, 16.00 Uhr; Thema: Charta für ein Europa der Regionen . Liebe Freundinnen, liebe Freunde des Forums integrierte Gesellschaft, das Thema „Syrien“ geht zur Zeit jeden Tag durch die Medien. Es soll hier daher nicht der tägliche Informationsstand referiert werden. [...]
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auswertung des  17. Treffens zu &#8220;Brennpunkt Syrien&#8221; vom 12.05.2012</strong></p>
<p><strong>und Einladung zum Treffen am Sonntag 10.06.2012, 16.00 Uhr; </strong></p>
<p><strong>Thema: Charta für ein Europa der Regionen </strong></p>
<p>.</p>
<p>Liebe Freundinnen, liebe Freunde des Forums integrierte Gesellschaft,</p>
<p>das Thema „Syrien“ geht zur Zeit jeden Tag durch die Medien. Es soll hier daher nicht der tägliche Informationsstand referiert werden. Ich werde mich in diesem Bericht auf die Benennung der Grundfelder beschränken, auf denen sich das Gespräch im Forum bewegt hat – und darauf, worauf es sich unseres Erachtens bewegen sollte.</p>
<p>Anders als andere Themen, die uns bewegen, sahen wir uns außerstande, das Thema „Syrien“ auf eine Hauptfrage zu fokussieren – es sei denn man nehme die Tatsache, daß hier das gegenwärtige labile Gleichgewicht des Weltfriedens, besser zu sagen vielleicht, des Nicht geführten Weltkrieges zur Debatte steht.</p>
<p>Womit beginnen? Wie immer, versteht sich, mit dem Versuch einer Bestandsaufnahme der Interessenfelder, die sich hier in vielfältigster, kaum entwirrbarer Form überlagern:</p>
<p>Syrien als ein Glied in der Kette der muslimisch geprägten arabischen Welt. Das ist offensichtlich. Da gelten die gleichen allgemeinen Entwicklungstendenzen wie im gesamten arabisch-mittelmeerisch-muslimischen Kulturraum: Aufbruch einer sich rapide vermehrenden Bevölkerung in dem Wunsch der Teilhabe an den Errungenschaften der europäisch geprägten Moderne, konkret an den im Westen (Europa, USA und auch Rußland) als Ergebnis ihrer Jahrhunderte dauernden kolonialen Vorherrschaft konzentrierten wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten.</p>
<p>Gleichzeitig treten starke Tendenzen der Rückbesinnung auf die Qualitäten der eigenen muslimischen Geschichte und Kultur auf – von gemäßigten bis zu radikalen Positionen.</p>
<p>Diese Motive und Strömungen im Einzelnen, wie sie in Syrien jetzt in Erscheinung treten, auseinander zu halten und nach fortschrittlich oder rückschrittlich, berechtigt oder unberechtigt zu sortieren, dürfte zur Zeit nicht einmal Spezialisten gelingen – und ich denke auch, daß es nicht unsere Aufgabe ist, solche Sortierungen von außen her vorzunehmen.</p>
<p>Sicher ist, daß die unterschiedlichen Strömungen und gesellschaftlichen Fraktionen im Zuge der allgemeinen Entwicklungsprozesse des arabisch-mittelmeerischen Raumes heute an dem gewaltsam hergestellten Konsens einer nach-kolonialen autoritären Modernisierung rütteln, die nicht der Mehrheit der Bevölkerung, sondern nur Teilen der zur Zeit Herrschenden zugute kommt. Sicher ist auch, daß dies eine Entwicklung ist, durch die sich eingesessene Herrschaftsinteressen der westlichen Welt existentiell bedroht sehen.</p>
<p>Der arabische Modernisierungsprozeß, ist nicht als eindeutige Hinwendung zum Westen, aber auch nicht als Rückwendung zu einem wie immer gearteten muslimischen Fundamentalismus zu begreifen. Es geht um eine Besinnung auf die Kraft der eigenen Kultur, aber auch um Überwindung von Entwicklungshemmnissen in der eigenen Kultur. Das ist ein Prozeß, der seine eigene innere Dynamik hat, in den einzugreifen für den Westen nicht ratsam ist.</p>
<p>Darin waren wir uns einig. Es gehen in diesen Prozeß, über diese Tatsachen hinaus, aber auch noch schwer kalkulierbare ethnische und kulturelle Konfliktpotentiale mit ein, die aus den von den westlichen Kolonialmächten zu vorgenommenen willkürlichen Grenzziehungen am Ende der Kolonialzeit hervorgehen – ein syrischer „Nationalismus“, der nur durch die Macht der Einparteienherrschaft der Bathpartei aufgebaut werden konnte und der jetzt innerhalb des Gebietes, das heute Syrien umschließt, gegenüber diversen Sonderinteressen im wesentlichen autoritär gehalten wird.</p>
<p>Strukturell dürfte sich Syrien damit wenig von den anderen Staaten des arabisch-mittelmeerischen Raumes unterscheiden  – ausgenommen Israel und Palästina, die sich unter dem Druck des israelisch-palästinensischen Dauerkonfliktes gewissermaßen in das verwandelt haben, was man, ins Internationale gehoben, eine „Einpunkt-Bewegung“ nennen könnte: für oder gegen ein Existenzrecht Israels in diesem Teil der Welt.</p>
<p>Konkret aber sieht es so aus, als ob die Fraktionierung der im syrischen Gebiet lebenden Bevölkerung auf Grund des historisch undefinierten ethnischen und kulturellen Pluralismus eines Durchgangsraumes zwischen den unmittelbaren Nachbarn der Türkei im Norden, des Irak und des Iran im Osten, des Dauerkrisengebietes Israel/Palästina im Süden und den dies alles durchziehenden globalen Interessen der USA, Rußlands, Chinas weitaus tiefer gehen als in den übrigen Ländern der arabisch-mittelmeerischen Welt.</p>
<p>Das alles bedeutet, daß eine innere Destabilisierung des Landes, ebenso wie eine einseitige Orientierung an einer der genannten regionalen oder auch globalen Mächte sich sehr schnell zu einer Destabilisierung des gesamten mittelmeerisch-arabischen Raumes auswachsen kann. Dies gibt der Herrschaft Assads eine Rolle, die nicht einfach umgangen werden kann, ohne unkontrollierbare Folgen für den Raum nach sich zu ziehen.. Einfach gesagt: Syrien ist nicht Libyen.</p>
<p>Es wären dem bisher Gesagten selbstverständlich noch reichlich Einzelheiten hinzuzufügen, um die Zerrissenheit des Landes und die darauf als Klammer sitzende autoritäre Struktur noch besser zu verstehen. Hier soll aber jetzt zur entscheidenden Frage weitergegangen werden; sie lautet: Wie sollen, wie können wir, wie kann die Welt sich zu „Syrien“ verhalten?</p>
<p>Zwei „Optionen“ stehen sich gegenüber, beide auch benannt in den Texten, insbesondere dem, des österreichischen Friedensforschers Galtung, die wir das letzte Mal mit herumgegeben hatten. Kurz und direkt gesagt: die westliche „Libysche“ Variante (NATO-„Hilfe“ für einen Regimewechsel) und die russisch-chinesische Variante der „Gespräche“</p>
<p>Vor dem Hintergrund, daß jedes gewaltsame Eingreifen von außen, in diesem Gebiet der Welt speziell von Seiten des Westens als Dejá vu des westlichen Kolonialismus erlebt wird, vor dem weiteren Hintergrund, daß eine Beseitigung der mit dem Iran verbundenen Herrschaft Assads den Weg für westliches (Israelisch/amerikanisches) Vorgehen gegen den Iran freimachen würde und schließlich angesichts unbestreitbaren Tatsache, daß die „Friedensmissionen“ der NATO in Afghanistan, Pakistan, Libyen keineswegs zu demokratischen Verhältnissen und geführt haben – und selbstverständlich aus prinzipiellen Erwägungen heraus, daß tragfähiger Frieden und eine tatsächliche demokratische Entwicklung nicht mit Waffengewalt erzwungen werden können, sondern die Erhaltung einer Mindest-Stabilität dafür Voraussetzung ist, kamen wir in unserer Gesprächrunde darin überein, uns für die russische Variante zu entscheiden, d.h., einen „runden Tisch“ zwischen allen Beteiligten – Assad und Kritikern &#8211; zu fördern, auch wenn klar ist, daß dies der schwierigere Weg ist und auch dann noch und immer wieder, wenn schon keine Hoffnung mehr zu bestehen scheint. In der Realität vor Ort hat Leben immer Priorität!</p>
<p>Wobei die Paradoxie offenkundig ist und auch Bestandteil der komplizierten Gemengelage in der syrischen Problematik, daß die Variante des „runden Tisches“ ausgerechnet von autoritär regierten Staaten wie Rußland oder auch China vorgeschlagen wird, die ihrerseits reichlich Probleme mit, freundlich gesprochen, verschleppten Reformen haben.</p>
<p>Sich für Gespräche einzusetzen bedeutet daher nicht, das sei unmißverständlich gesagt, das blutige Vorgehen der herrschenden syrischen Kräfte gegen ihr Kritiker, zu rechtfertigen oder auch nur gut zu heißen, es bedeutet auch nicht Rußland oder China zu Mustern demokratischer Politik zu erklären, es bedeutet nur einfach, sich der Dämonisierung Assads nach Art der Dämonisierung Saddam Husseins oder Gaddaffis zu widersetzen – wie gesagt: das Leben hat Priorität! In dieser Frage folgen wir einstimmig der Argumentation des Friedensforschers Galtung. (Wir geben sie deshalb diesem Bericht zur nochmaligen Kenntnisnahme bei).</p>
<p>Wir kamen damit wieder einmal zu der Frage, was wir selbst, über die Enttarnung der in den Medien betriebenen Desinformation hinaus zur Entwicklung von tatsächlichen demokratischen Kräften beitragen können. Unsere vorläufige Antwort:</p>
<p>Wir werden uns beim nächsten Treffen mit der in Entstehung begriffenen „Charta für ein Europa der Regionen“  befassen. In ihr geht es darum, ein Europa zu denken und zu gestalten, daß bei sich selbst Ernst macht mit Selbstorganisation, Entwicklung demokratischer Strukturen und – Menschenrechten.</p>
<p><strong>Wir treffen uns zu dieser Frage am Sonntag, d. 10. Juni 2012 um 16.00 Uhr</strong></p>
<p><strong>Anmeldung über <a title="Kontakt" href="http://kai-ehlers.de/starttexte/1988-08-08-kontakt">Kontakt</a> zu mir</strong></p>
<p>Zur Vorbereitung liegt diesem Bericht eine vorläufige Fassung der „Charta für ein Europa der Regionen“ samt erläuternden (ebenso vorläufigen) Anhängen bei, außerdem bisher noch nicht eingearbeitete kritische Anmerkungen von mir. (Kai Ehlers). Es handelt sich bei dem jetzigen Stand der „Charta“ nicht um eine endgültige Vorlage für eine endgültige Verfassung, sondern um ein Diskussionsangebot für ein anderes als ein imperial-bürokratisches Europa.</p>
<p>Erarbeitet wurde dieser Entwurf als Ergebnis des „Kongresses integrale Politik“ vom August 2008 in St. Arbogast/Österreich. Er soll dem diesjährigen zweiten „Kongreß integrale Politik“ als Vorlage zugeführt werden. Wir können unseren Beitrag mit einfließen lassen.</p>
<p>Wer aktiv teilnehmen möchte, kann das Vorbereitungsmaterial bei mir über <a title="Kontakt" href="http://kai-ehlers.de/starttexte/1988-08-08-kontakt">Kontakt</a> bestellen.</p>
<p>Liebe Freunde, liebe Freundinnen, wir würden uns freuen, Dich und Dich und Dich in diesen Diskussions- und Findungsprozeß mit einbeziehen zu können: Die Zeit ist reif.  Wir freuen uns auf Dein Kommen oder auch auf Deinen Beitrag.</p>
<p>Im Namen des „Forums integrierte Gesellschaft“</p>
<p>Herzlich, Kai Ehlers</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Presse: &#8212; Rußland: Zwischentöne zur Wahl</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/2011-12-20-rusland-zwischentone-zur-wahl</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 15:39:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rußland hat gewählt. Eine neue Duma wird zusammentreten. In ihr wird die „Partei der Macht“, Einheitliches Rußland, die Partei Medwedews und Putins mit 238 von 450 Sitzen zwar noch die absolute Mehrheit haben. Ein Weiter-So auf einem von einem willigen Parlament abgestützten Tandem, auf dem Medwedew und Putin nach Belieben die Plätze tauschen, wird es dennoch nicht geben. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rußland hat gewählt. Eine neue Duma wird zusammentreten. In ihr wird die „Partei der Macht“, Einheitliches Rußland, die Partei Medwedews und Putins mit 238 von 450 Sitzen zwar noch die absolute Mehrheit haben. Ein Weiter-So auf einem von einem willigen Parlament abgestützten Tandem, auf dem Medwedew und Putin nach Belieben die Plätze tauschen, wird es dennoch nicht geben. Putins Rating war schon im November unter 50% gesunken, als er und Medwedew den unter sich ausgehandelten Ämtertausch der Öffentlichkeit vorstellten. Der Versuch, über Druck auf die Dumawahl den Abwärtstrend der „Partei der Macht“ aufzuhalten, verwandelte sich in Massenproteste gegen das „System Putin“. Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) hat ihre Stimmen fast verdoppelt, auch „Gerechtes Russland“ und die rechtsextreme Liberal-Demokratische Partei Russlands (LDPR) von Wladimir Schirinowski haben Stimmen zugelegt. Die bisher unangefochtenen Macher der „gelenkten Demokratie“ sehen sich gezwungen, über neue Koalitionen in der Duma nachzudenken und Wege zur Integration der jetzt aufgebrochenen  Proteste zu finden.</p>
<p>Dieses Ergebnis ist als ein dynamisches Signal für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen wie auch für die bevorstehende neue Legislaturperiode Rußlands zu verstehen. Es bedeutet, daß die russische Gesellschaft wieder in Bewegung kommt, nachdem sie in den letzten Jahren allen Liberalisierungsankündigungen Medwedews und auch Putins zum Trotz in den Fesseln der autoritären Modernisierung der Nach-Jelzin-Ära gefangen blieb.</p>
<p>Von „Arabellion“, „weißer Revolution“ und dergleichen zu reden, wie man es in westlicher und westlich orientierter Presse nach den Massenprotesten vom 10.12. 2011 lesen konnte, dürfte allerdings nicht nur verfrüht, sondern überhaupt sinnlos sein. Förderlicher als solche Spekulationen anzustellen, ist es zweifellos, die aktuellen Vorgänge im Detail zu analysieren und vor dem Hintergrund der langen Wellen der Perestroika anzuschauen.</p>
<p>Beginnen wir mit der Wahl: „Gefälscht“ wurde schon immer, das heißt, seit im nach-sowjetischen Rußland sog. freie Wahlen eingeführt wurden. Basis möglicher Einflußnahmen waren die traditionellen Kollektive, betriebliche, kommunale und dörfliche Strukturen, in denen politische Meinungsbildung und –äußerung noch immer unter patriarchaler Aufsicht stattfindet. Bei früheren Wahlen, in denen die „Partei der Macht“ sich im Aufwind befand, hat sich nur niemand außer den kleinen Parteien darum bekümmert. Ihre Klagen blieben ohne Widerhall in der Bevölkerung. Nach Umfragen russischer Meinungsforschungsinstitute, interessieren sich 56% der Bevölkerung ohnehin nicht für die Duma-Wahlen. Selbst bei politisch Interessierten galten die Wahlen zur Duma bisher als Vorgeplänkel zu der „eigentlichen“ Wahl, der Wahl des Präsidenten im darauf folgenden Frühjahr.</p>
<p>Solange Putins Rating bei 70% und mehr lag, waren die Unregelmäßigkeiten der früheren Wahlen für die Mehrheit der russischen Bevölkerung uninteressant. Das galt auch noch, als Putin vor vier Jahren Medwedew als seinen Nachfolger präsentierte. Die ganze Aktion hatte zu der Zeit, obwohl ungewöhnlich, sogar für Kritiker Putins etwas Beruhigendes, insofern er in ausdrücklicher Anerkennung der Verfassung auf eine dritte Amtszeit verzichtete, die er sich problemlos hätte verschaffen können. Der damalige Ämtertausch weckte im Gegenteil Hoffnungen auf neue Bewegung.</p>
<p>Angesichts der unvermittelten Verwandlung des damaligen Ämtertausches in einen ohne öffentliche Beteiligung vorgenommenen Rücktausch und angesichts der Tatsache, daß Putin schon vor den Wahlen mit neuer Programmatik (Stichwort „Eurasische Union“) als Quasi-Präsident zu handeln begann, also die Funktion des Präsidenten unter Umgehung des eingespielten Wahlrituals von Duma- und darauffolgender Präsidentenwahl faktisch usurpierte, bekam diese Duma-Wahl 2011 jedoch unvermutet einen anderen Stellenwert. Sie wurde zum Glaubwürdigkeitstest für Putin und die ihn tragende politische Infrastruktur der „Partei der Macht“: Würde er es wagen, an der Bevölkerung vorbei zu regieren?</p>
<p>Zusätzliche Bedeutung wuchs den diesjährigen Wahlen in Rußland durch die „bunten Revolutionen“ in den arabischen Ländern zu. Sie aktualisierten die Reihe der „bunten Revolutionen“, die sich alle an vermeintlichen oder tatsächlichen Wahlfälschungen entzündeten. Die letzte dieser Revolutionen, die „orangene“ in der Ukraine 2004 wirkte eindeutig und nachgewiesener Maßen als Instrument US-amerikanischer Intervention in den geopolitischen Raum hinein, den Rußland generell als seine Einflußsphäre definiert.</p>
<p>Eine Eurasische Union, die Putin jetzt zu seinem Programm erklärt hat, ist aber ohne die Ukraine nicht realisierbar. Hier sind die verdeckten Konfrontationslinien, die auch in die russische Innenpolitik hineinwirken, für jeden erkennbar deutlich gezogen. Putins Vorwürfe, vom Ausland her werde versucht, über die Wahl in Rußlands Innenpolitik einzugreifen, sind von hier aus zu beurteilen. Unter den genannten Umständen ist es selbstverständlich bemerkenswert, wie unterschiedlich die Wahlvorgänge in Rußland bewertet wurden: Die Wahlbeobachtungsorganisation „Golos“ kam zu dem Ergebnis, daß diese Wahlen „weder frei noch fair“ verlaufen seien. Das betrifft nach den Erhebungen von „Golos“ sowohl die Vorwahlzeit als auch die Wahlabläufe selbst. Zu einer differenzierteren Bewertung kam die Wahlbeobachtung der OSZE. Sie registrierte ebenfalls Verstöße, konstatierte aber einen im Vergleich zu früheren Wahlen „verbesserten“ rechtlichen Rahmen, erklärte, die Fernsehdebatten, hätten eine „ausgeglichene Plattform für alle Kandidaten zur Verfügung gestellt“ usw. Noch anders äußerten sich die Beobachtermissionen der GUS, die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), sowie eine Gruppe internationaler Beobachter, die – wenn man der Erklärung des russischen Außenministeriums, die zugleich eine Untersuchung der beobachteten Verstöße ankündigte, glauben will, „die Legitimität der stattgefundenen Wahl, ihre Anpassung an die Wahlstandards nicht infrage“ gestellt hätten.</p>
<p>Anzumerken ist noch, daß die tatsächlichen amtlichen Ergebnisse der Wahlen allen möglichen Manipulationen zum Trotz nur wenig von den Exit-Polls, also den am Wahltag selbst ermittelten Hochrechnungen abwichen. Hier die Daten zweier Institute zu den vier in die Duma gewählten Parteien: „Einiges Rußland“, Hochrechnung am Wahltag: 48,5% / 45,5% – amtliches Ergebnis: 49,47%;  KPRF,  Hochrechnung: 19,8% / 21,0% &#8211; amtlich: 19,17%; „Gerechtes Rußland“, Hochrechnung: 12,8% / 14,0% &#8211; amtlich: 13,22%; LDPR, Hochrechnung: 11,67% / 13,2% &#8211; amtlich: 11,67%  Diese Zahlen beweisen selbstverständlich nicht, daß es keine Fälschungen gegeben habe; sie grenzen jedoch die faktischen Erfolge der vermuteten Fälschungen ziemlich eng ein.</p>
<p>Das tatsächliche Ausmaß der möglichen Verfälschung des gesamtrussischen Wählerwillens, heißt dies alles, ist nicht genau meßbar; es wird auch bei nachträglichen Auszählungen nicht meßbarer sein werden. Eine große Interpretationsbreite gibt es auch für die Bewertung der  Maßstäbe, nach denen die unterschiedlichen Wahlbeobachtergruppen vorgegangen sind. Was tatsächlich bleibt, ist das Mißtrauen der Menschen gegenüber der herrschenden Macht, der zugetraut wird, die Wahlen manipulieren zu wollen. In diesem Mißtrauen liegt der eigentliche Zündstoff, für den die dokumentierten Unregelmäßigkeiten der Funke waren, der gereicht hat reicht, um die Menschen auf die Straße zu bringen.</p>
<p>Damit stellt sich die nächste Frage: Wer ging auf die Straße und mit welchen Zielen? Waren die, die da auf Moskaus Plätzen und an einigen anderen Orten demonstrierten, der Kern der russischen Zivilgesellschaft, wie es die westliche und westorientierte Berichterstattung darstellt? Und wenn, welchen Charakter hat dieser Kern?</p>
<p>50.000 Menschen wie aus dem Nichts durch das Internet und systemkritische Kleinstmedien mobilisiert, die gerechte Wahlen, ein Ende der Korruption, Meinungsfreiheit und generell eine Ende der „gelenkten Demokratie“ fordern – das läßt Vorstellungen einer außerparlamentarischen Opposition nach westlichem Muster aufkommen.</p>
<p>Bei genauem Hinsehen trübt sich dieses schöne Bild aber bedauerlicherweise: Zwar war das Gesamtbild der Züge von liberalen Forderungen nach Freiheit, nach Beendigung der Korruption, nach Rücktritt Putins bestimmt, das ist eine wichtige Botschaft für Rußland – aber Freiheit für wen, Gerechtigkeit für wen, Herrschaft für wen? Ersten Analysen westlicher Beobachter nach zu urteilen, veröffentlicht beispielsweise in den renommierten „Rußland Analysen“ (231 vom 16.12.2011), entstammte die Mehrzahl der Demonstranten der „neuen Mittelklasse“ Rußlands. Presse und Bildmedien war zu entnehmen, daß so gut wie keine sozialen Forderungen auf den Plakaten und Spruchbändern der Demonstranten getragen worden seien. Einheimische Moskauer Beobachter berichten, man habe keine Arbeiter auf dem Platz gesehen. Sie sprechen von einer Demonstration der Satten, also derer, deren Grundbedarf an Konsum gedeckt ist, die aber zum Konsum jetzt auch das Recht auf Selbstverwirklichung fordern. So wie auf Plakaten etwa zu lesen war: „Ich will mein Recht!“</p>
<p>Massenhaft zu sehen waren aber, neben den liberalen Forderungen, anti-kaukasische, nationalistische Parolen und Embleme rechter Gruppen. Das gibt zu denken, nicht zuletzt deshalb, weil auch die KPRF mit zu den Protesten aufgerufen hatte.</p>
<p>In den Mainstream-Medien wird diese Seite der Proteste nicht wahrgenommen. Ein kleines Schlaglicht auf das, was da verschwiegen wird, wirft jedoch ein Miniabsatz in einem ansonsten strikt Putin-kritischen Artikel der FAZ-Kommentatorin Kerstin Holm. In diesem Absatz berichtet sie, daß der „patriotische Journalist Maxim Schewtschenko“ in der Talksendung „Ehrlicher Montag“ Folgendes geäußert habe: „Er verurteile die Wahlfälschungen, habe (aber – d.V.) nicht mitdemonstriert, weil viele der auf dem Bolotnaja-Platz Versammelten  die Kaukasus-Republik am liebsten loswerden und die Russische Föderation zerfallen lassen würden.“ (FAZ, 16.12.2011)</p>
<p>Einen besonderen Platz in der Geschichte der rechten Ausleger der Poteste, die noch viel genauer untersucht und dargestellt werden müssen, als das hier zur Zeit möglich ist, nimmt der Blogger Aleksei Nawalny ein. In den Medien wird es als einer der wichtigsten Organisatoren der Proteste und als Held der demokratischen Opposition gefeiert. Die „taz“ nannte ihn gar eine „neue Kultfigur der Opposition“. Aber bitte, dies wenigstens kurz: Im Oktober 2011, also in aktuellem Zusammenhang zu heute, trat derselbe Nawalny in Moskau als Teilnehmer des diesjährigen „russischen Marsches“ hervor, zu  dem sich Rußlands anti.-kaukasische, nationalistische und offen faschistische Rechte seit Jahren zusammenrottet. Unter Losungen wie „Es reicht den Kaukasus zu füttern!“ hatte er selbst zu dem Marsch aufgerufen und dort geredet. In einem Video vergleicht er militante Kaukasier mit Kakerlaken, die anders als die Schabe nicht mit einer Fliegenklatsche oder einen Pantoffel, sondern nur mit einer Pistole zu bekämpfen seien. (Wikipedia und für Russischsprachige: http://www.youtube.com/watch?v=oVNJiO10SWw)</p>
<p>Nawalnys Rolle wirft auch die Frage nach den übrigen Organisatoren der Proteste auf. Diese Frage führt tief in das zerstrittene und zugleich um ihr gemeinsames politisches Überleben kämpfende Kader einer Opposition, die seit dem Niedergang der Liberalen am Ausgang der Jelzin Ära und nach deren endgültigem Ausscheiden aus der Duma in den Wahlen 2004 nur noch ein Ziel kennt: den Sturz Putins und die Wiedereinführung jener „Freiheiten“, die Putin nach Jelzin im Zuge der von ihm eingeleiteten restaurativen Stabilisierungspolitik abschaffte. Spitze Zungen sprechen daher von einer Versammlung politischer Bankrotteure, die nur eines verbinde, das Scheitern ihrer liberalen Konzeptionen und ihr Haß auf Putin, der den Liberalismus der Jelzin Ära stoppte; ein über die Putin-Feindschaft hinausführendes gemeinsames Programm gebe es nicht.</p>
<p>Treibende Kraft dieser Gruppe ist Solidarnost, ein Bündnis von Ultra-Liberalen, Ex-Funktionären der Jelzin- und früher Putin-Zeit, führend darin Boris Nemzow, Minister unter Jelzin, Michail Kassianow, Minister unter Putin, Garry Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister, der sich den Sturz Putins zum Lebensziel gesetzt hat. Sie agieren in einem Umfeld von in den Medien so genannten „heterogenen Kräften“. Deren Einzugsbereich reicht von linksradikalen und anarchistischen Putinfeinden,  teils durchaus ehrbaren Leuten der menschenrechtlerischen und früheren dissidentischen Szenen, über die verbotenen National-Bolschewisten um Eduard Limonow bis weit in den nationalen rechtsliberalen bis rechtsradikalen Sumpf. Die meisten Personen dieser Szene sind aus dem „Marsch der Unzufriedenen“ (zwischen 2005 und 2007 mehrfach wiederholt) und dem 2008 aus dieser Gruppe heraus gegründeten „Komitee für freie Wahlen 2008“ sattsam bekannt.</p>
<p>Dies alles läßt sich übrigens, nicht anders als weitere Daten zu Nawalny, in Wikipedia, Facebook und Youtube Name für Name mit allen nötigen Verweisen auf das Netz der „heterogenen“ Freunde anhören, anschauen und nachlesen bis hin zu dem Hinweis Nemzows, die Revolution in Rußland werde nicht orange, sondern braun sein.</p>
<p>In die herrschende Berichterstattung zu den gegenwärtigen Protesten finden diese Informationen und Tatsachen bezeichnenderweise keinen Eingang.</p>
<p>Bleibt am Ende die Frage, ob aus den aktuellen Protesten eine allgemeine Bewegung hervorgehen werde und was daraus für die Zukunft Rußlands folgen könnte. Die Frage muß in doppelter Weise beantwortet werden: Zunächst Nein – es ist nicht zu erwarten, daß sich die Mehrheit der Bevölkerung mit den Protesten verbindet, auch wenn es jetzt noch weitere Demonstrationen zur Wahl geben wird. Der Liberalismus der Jelzintage ist nicht rückholbar; zu tief sitzt noch der Schock der sozialen und politischen Desintegration jener Zeit. Zu tief ist inzwischen auch, trotz relativer Stabilisierung unter Putin und Medwedew, die Spaltung zwischen den besser verdienenden und angenehmer lebenden Teilen der Bevölkerung und jenen, die noch immer damit beschäftigt sind, ihren Lebensstandard über der Armutsgrenze zu halten. Für die Mehrheit der russischen Bevölkerung steht die soziale Frage immer noch vor der politischen, das heißt, für sie ist soziale Sicherheit wichtiger als formale Freiheit. Anders und genauer gesagt: Für sie ist soziale Sicherheit Voraussetzung für ihre Freiheit.</p>
<p>Andererseits ist eine Generation von gut verdienenden Städtern und deren Kindern herangewachsen, die die Not der Transformationszeit schon nicht mehr kennen oder gar nicht erst kennengelernt haben. Ihnen reicht die relative Stabilität der Putinschen Restauration als Lebensperspektive nicht mehr aus, mehr noch und sehr problematisch, sie sehen ihren relativen Wohlstand durch Einwanderer aus den ärmeren Teilen der Föderation, aus dem Kaukasusus, aus Zentralasien sowie generell aus Süden und aus dem Osten bedroht.</p>
<p>Hier deutet sich eine politische Bewegung an, die bereit sein könnte, im Namen der Freiheit die eigenen Privilegien gegen ärmere Teile der Gesellschaft und vor allem gegen Einwanderer zu verteidigen. Beispiele für solche Verwandlungen des Liberalismus in eine fremdenfeindliche, rassistische, antiliberale Kraft sind aus Europa bereits bekannt. Diese Tendenz könnte auch Rußland erreichen.</p>
<p>Das vorsichtige Agieren der Staatsmacht gegenüber den Protesten vom 10.12.2011, die  Signale Putins und Medwedews, man sei bereit zu neuen Koalitionen, die öffentlich geäußerten Überlegungen des Kreml-Ideologen Surkow, man brauche eine liberale Partei lassen erkennen, daß die herrschenden Kreise Rußlands die Gefahr des Auseinanderdriftens der Gesellschaft erkannt haben, wenn es ihnen nicht gelingt, die Proteste in einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu integrieren. Der mag nationaler oder liberaler ausgerichtet sein als zur Zeit, eins aber ist unübersehbar: Die Zeiten, in denen es möglich war, von oben einen Blitzableiter zu installieren, an dem Proteste oder Alternativen sich totlaufen, sind mit Sicherheit vorbei, auch wenn die aktuellen Proteste vorläufig wieder abebben sollten.</p>
<p>Wer immer im Frühjahr 2012 Präsident werden wird, muß eine echte Integrationsleistung auf den Weg zu bringen. Recht verstanden, liegt darin Rußlands einzige Chance.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kai Ehlers</p>
<p><a href="http://www.kai-ehlers.de/">www.kai-ehlers.de</a></p>
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		<title>Vortrag: &#8212; Das „chinesische Prinzip“: Ökonomische Freiheit – politische Lenkung:  Der bessere Weg zur globalen Perestroika? Ein Vergleich.</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Oct 2011 09:18:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer heute an China denkt, hat zwei Bilder vor Augen: Das eine wird von China-Reisenden als „happy China“ beschrieben, das andere als Parteiendiktatur, die die Menschenrechte nicht achte und jeden Ansatz zu einer Opposition ersticke. Wohin führt dieser Weg? Diese Frage wird in diesem Text anhand eines Vergleiches von Perestroika und den chinesischen Reformen vor dem Hingergrund der Geschichte beider Gesellschaften untersucht. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer heute an China denkt, hat zwei Bilder vor Augen: Das eine wird von China-Reisenden als „happy China“ beschrieben, das andere als Parteiendiktatur, die die Menschenrechte nicht achte und jeden Ansatz zu einer Opposition ersticke.  Für beides lassen sich reichlich Belege anführen: Die fröhliche Betriebsamkeit auf Chinas Plätzen und Straßen wird von westlichen Touristen inzwischen auf Fotos festgehalten, die sie ihren erstaunten Freunden nach ihrer Rückkehr zeigen; chinesische Betriebsamkeit überzieht den ganzen Globus mit Ware „made in China“; Chinas Politiker laden westliches Know how ein, sich im Land frei zu entwickeln; chinesische Banken zeigen sich neuerdings bereit, faule Wertpapiere aufzukaufen, um die Weltfinanzen stabil zu halten. Dem stehen Meldungen über Zensur der Presse, über Repressalien gegen kritische Blogger, über die Inhaftierung und Verschleppung Oppositioneller bis hin zur Internierung tausender Mitglieder der Falun Gong Bewegung in speziell für sie geschaffenen Lagern und das nicht zu vergessende Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegenüber. Ökonomische Freiheit bei politischer Repression &#8211; wie paßt das zusammen? Und wohin geht dieser Zug?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man muß hinter den Alltag in die 4000jährige Entwicklung des Landes blicken, um das zu verstehen: In die Hochkultur der chinesischen Kaiserreiche, in die koloniale Erniedrigung seit dem 18. und 19., in die Kämpfe für die nationale Befreiung am Anfang des vorigen Jahrhunderts; in die Gründung der VR-China 1949 und die ersten Jahre danach und schließlich in den zwar immer wieder von Rückschlägen aufgehaltenen, aber doch beharrlichen, schrittweisen Wiederaufstieg Chinas zu einer der führenden Weltmächte des 20. Jahrhunderts in den letzten Jahrzehnten. Am Besten läßt sich die Frage, was es mit der Freiheit in China auf sich hat und was dies über China hinaus bedeutet, jedoch im Vergleich zweier Prozesse verfolgen, die heute zeitgleich stattfinden, die einander ähneln und doch grundverschieden ablaufen. In ihnen findet auch die Geschichte ihren Ausdruck. Die Rede ist von Perestroika und ihren Folgen in Rußland und dem langen Weg der Reformen vom Tod Maos bis zum jetzt deklarierten „Anfangsstadium des Sozialismus“ im heutigen China.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vergleichbar sind die Voraussetzungen: Revolutionen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Rußland wie auch in China, die zur Gründung von Staaten mit kommunistischem, dann sozialistischem Anspruch führten. Basis waren in beiden Fällen – mit unterschiedlichen Ausprägungen, versteht sich – vorindustrielle, agrarische Verhältnisse, in denen Geld- und Naturalwirtschaft noch nebeneinander existierten. Dabei war die Naturalwirtschaft mit traditionellen Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung und familiärer Zusatzwirtschaft eng verknüpft. In Rußland war das die Tradition der „Óbschtschina“, der sich selbst versorgenden Bauerngemeinschaft unter der Herrschaft eines absoluten Zentrums, der zaristischen Selbstherrschaft; in China waren es die strengen Familienhierarchien unter dem absoluten Kaisertum.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sind diese Grundformen agrarisch geprägten gemeinschaftlichen Lebens auf Basis örtlicher Selbstversorgung bei zentralistischer, bis despotische Lenkung, die Marx und Engels seinerzeit mangels eines besseren Begriffes als asiatische Produktions- und Lebensweise bezeichneten. Für Rußland beschreibt der russisch-englische Ökonom Theodor Schanin diese Wirtschafts- und Lebensweise heute als „expolare Wirtschaft“, eine Wirtschaft, die weder „kapitalistisch“ noch „sozialistisch“ sei; ein wesentliches Element darin sei, eingebettet in eine Tradition der agrarisch basierten gemeinschaftlichen Selbstversorgung, die „Gunstwirtschaft“; die im Russischen mit dem Wort „blat“ umschrieben wird. Erwiesene Gunst stehe in dieser Wirtschaftsform an der Stelle, zumindest aber gleichberechtigt an der Seite des Geldes als Äquivalent für den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Austausch: ‚Du hast mir heute einen Gefallen getan; ich schulde Dir einen Gefallen, den ich Dir  morgen zurückgebe.’  Dabei spielt der Geldwert des Gefallens eine untergeordnete oder gar keine Rolle.<a title="" href="#_edn1">[1]</a> Geldverkehr hat nur Teile des gesellschaftlichen Lebens erfaßt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für China beschreibt die in den USA lebende chinesische Soziologin May-fair Mei-hui-Yang in ihrem 1994 veröffentlichten Buch „Gifts, favors and banquets: the art of social relationships in China“ unter dem Stichwort „Guanxixue“ eine vergleichbare Realität: „Guanxixue beinhaltet den Austausch von Geschenken, Gefallen und Gastmählern; die Kultivierung persönlicher Beziehungen und Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeiten; die Herstellung von gegenseitigen Verpflichtungen und Schulden. Was diese Praktiken und ihr einheimisches Verständnis ausmacht, ist die Konzeption der Priorität und der bindenden Kraft persönlicher Beziehungen und deren Bedeutung, die Nöte und Wünsche des Alltagslebens zu befriedigen.“<a title="" href="#_edn2">[2]</a> Auch „Guanxixue“ wurzelte in selbstversorgerischer agrarischer, teils auch nomadischer Lebensweise, von wo aus es die gesamte chinesische Gesellschaft durchdrang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So wie „Blat“ in die sowjetische, so wurde „Guanxixue“ nach der Revolution in die Gesellschaft der VR-Chinas als „2. Gesellschaft“, als Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft integriert. Der Westen konnte diese Strukturen, in denen das Private als Gunstwirtschaft, als familiäre Zusatzwirtschaft, also gewissermaßen als privates Rückzugsgebiet unter dem Diktat und im Rahmen der Kollektivierung überlebte, und nicht nur überlebte, sondern die Gesellschaft lebendig erhielt, nur als Korruption wahrnehmen. Zur Korruption werden „blat“ und „Guanxixue“, sowie andere Formen der Selbstversorgung aber erst, wenn die definierten staatlichen Strukturen durch die privaten unterlaufen oder beherrscht, das heißt, für persönliche Zwecke und Karrieren mißbraucht werden. Die Übergänge sind selbstverständlich fließend – wichtig ist jedoch zu verstehen, daß sowohl „Blat“ als auch „Guanxixue“ und die damit verbundenen Selbstversorgungsnetze eine von der Tradition getragene und tief im Volkskörper verwurzelte Realität des Lebens sind. Das gilt für China nicht anders als für Rußland. Mehr noch – angestoßen durch den Blick auf „Blat“ und „Guanxixue“ wird auch die glatte Oberfläche westlicher kapitalistischer Gesellschaften transparent für die ihnen unterliegenden Realitäten informeller Gunstbeziehungen, auch wenn diese hier inzwischen den substituierenden Charakter weitgehend verloren haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kehren wir aber zurück auf die Hauptspur unseres Vergleiches: Rußland wie auch China, also Lenin/Stalin ebenso wie dem Beispiel der Sowjetunion folgend Mao-Tse-Tung unterwarfen ihre agrarischen, teils auch nomadischen  Gesellschaften einer gewaltsamen, an westlichen Vorbildern orientierten nachholenden Industrialisierung. Sie brachte eine staatlich gelenkte Schwerindustrie und die Kollektivierung einer mechanisierten Landwirtschaft hervor. Die Bedürfnisse und Wünsche des Alltags wurden der Industrialisierung, wurden dem „sozialistischen Fortschritt“ untergeordnet, „Blat“, nicht viel anders als „Guanxixue“ blieben dabei aber substituierende Elemente der volkswirtschaftlichen Versorgung, noch klarer gesprochen, Rückversicherung des Überlebens auch unter krisenhaften Bedingungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In ihren Phasen, Tempi und einzelnen Abläufen unterscheiden sich der russische und der chinesische Ablauf von Revolution sowie gegenwärtiger Transformation  selbstverständlich voneinander: Rußland mußte keinen langen Befreiungskrieg führen; der Zarismus war selbst imperiale Macht; die Sowjetunion war der VR-China mit der Gründung eines sozialistischen Staates gut dreißig Jahre voraus; 1956 trennten die chinesischen Kommunisten sich sogar von ihrem sowjetischen Vorbild, nachdem Nikita Chruschtschow erklärt hatte, daß die Phase des „Sozialismus in einem Lande“ vorbei sei und künftig von einer der „Koexistenz“ abgelöst werden müsse. Mao dagegen blies zur selben Zeit zum „Großen Sprung“, der China ganz und gar auf seine eigene revolutionäre Entwicklung fokussieren sollte. Dem folgte 1966 – 1977 die Kulturrevolution, die diese Orientierung noch einmal ins Extrem trieb, während die Sowjetunion unter Leonid Breschnew den Weg der Koexistenz praktisch erprobte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ungeachtet dieser unterschiedlichen Dynamiken aber baute sich gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in China wie auch in der Sowjetunion ein Entwicklungsstau auf, der nach grundlegenden Reformen verlangte. In der Sowjetunion verstrickte sich die überalterte Partei seit 1979 im Afghanistankrieg, der die schon Jahre zuvor erkennbare Modernisierungskrise soweit zuspitzte, daß ein weiteres Ausweichen nicht mehr möglich war. In China hinterließ der Tod Mao Tse Tungs 1976 zwar ein industriell, genauer schwerindustriell hochgerüstetes Land; dessen Gesellschaft war aber durch die Kulturrevolution zurückgeworfen, dessen Umwelt war verwüstet und es erzeugte pro Kopf nicht mehr Getreide als 1957 vor  Beginn des „Großen Sprungs“.<a title="" href="#_edn3">[3]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber wie unterschiedlich liefen die Reformen in Rußland und in China! Michael Gorbatschow schwebte ein schrittweiser ökonomischer Umbau vor, eine Reform des Sozialismus. Mit seinen Parolen von Glasnost und Perestroika öffnete er jedoch alle Schleusen der Kapitalisierung zugleich. Unter den Parolen „Nehmt Euch soviel Souveränität wie ihr wollt!“,  „Bereichert Euch!“ und „Abschaffung des Monopols der KP als alleiniger Staatspartei “ beschleunigte Boris Jelzin diesen Ansatz 1990/91 zur „Schocktherapie“, die viele Menschen als Zwangsprivatisierung erlebten. Sie ging in die russische Sprache schlicht als „Prichwatisierung“ ein, Raub. „Das Alte wird zerstört, Neues wird nicht aufgebaut“, kommentierte der Volksmund. Ergebnis war die Bereicherung einiger Weniger, die das Volksvermögen an sich rissen – während die große Mehrheit der Bevölkerung verarmte. Salopp gesagt: Jelzins „Reform“ lebte vom Speck, den die Sowjetunion, konkret die Arbeitskollektive sich in den Jahren des „realen Sozialismus“ zugelegt hatten und in denen der Einzelne versorgt war. Es mußte ein Restaurator, Putin, kommen, um den Zerfall zu stoppen. Seitdem ächzt die russische Entwicklung im Korsett der Restauration, in dem sich die ständig wiederholten Modernisierungsaufrufe verfangen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie anders in China! Deng Hsiao Ping, der Mao-Tse Tung nach dessen Tod 1976 in der Parteispitze folgte, hat Worte wie Glasnost, Perestroika, Privatisierung, Entkollektivierung, Souveränität, Abschaffung des Monopols der kommunistischen Partei und dergleichen nicht in den Mund genommen. Vor allem aber hat er es nicht zugelassen, die Partei, das heißt., die zu der Zeit einzige organisierende Struktur des Landes, aufzulösen. Statt dessen hat er das Experimentierfeld einer schrittweisen Zulassung privater Interessiertheit geöffnet, beginnend mit dem Zugeständnis an einige Bauernkollektive einer abgelegenen Provinz, ihr gemeinsames Land in eigener Regie zu bebauen. Die Bauern nutzten das Zugeständnis, das nach wie vor im Gemeinschaftsbesitz verbleibende Land individuell zu bearbeiten. Als die Produktivität in diesen Kollektiven auf diese Weise erkennbar stieg, gab die Partei Grünes Licht, diesem Modell im ganzen Lande zu folgen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so ging es Schritt für Schritt: Die Landwirtschaft boomte, die Bauern kamen zu bescheidenem Wohlstand. Sie brauchten Landmaschinen, Geräte und Maschinen für Haus und Hof. Es entstanden kleine Produktionsbetriebe auf dem Lande, Dienstleistungsangebote. Jetzt gab die Partei weiteres grünes Licht für die Gründung von Betrieben auf dem Lande. Vom Land sprang die Bewegung auf die Städte über: Die Partei erlaubte dort zunächst kleine Betriebe mit sieben Beschäftigten, wenig später wurde auch diese Beschränkung aufgehoben. Staatlicher und privater Sektor entwickelten sich nebeneinander. Sonderwirtschaftszonen wurden eingerichtet, in denen privates Wirtschaften in Konkurrenz zu den Staatsbetrieben  erprobt wurde. Inzwischen ist der staatliche Sektor zugunsten des privaten bis auf die strategischen Betriebe abgespeckt usw. usf. Weitere Details sollen hier nicht aufgezählt werden. Ein Blick auf die Chronologie der letzten Jahre zeigt, daß dieser Prozeß sich bis heute Schritt für Schritt fortsetzt. Alles dies geschah und geschieht unter Aufsicht der Partei. Sie legalisierte die „Experimente“ zunächst als „sozialistische Marktwirtschaft“, erweiterte ihre Definition dann auf das „Anfangsstadium des Sozialismus“. Wer zu weit aus der Reihe tanzte, wurde abgestraft. Opposition war und ist nur innerhalb der Partei, nicht außerhalb möglich. Aber Schritt für Schritt erweiterte sich der individuelle Spielraum für eigene, selbst verantwortete und selbst organisierte wirtschaftliche Tätigkeit und mit ihm, wenn auch zögernd und widerständig, der individuelle Rechtsraum. Neuere Beispiele dafür sind die Parteitagsbeschlüsse zum Schutz des Privateigentums 2006, die Einführung eines allgemeinen Arbeitsvertragsrechtes 2008, die Kodifizierung einer erneuerten Sozialgesetzgebung, selbst Ansätze zur Reform des Strafrechts, welche die sog. „administrativen Maßnahmen“, d.h., Verhaftungen und Verurteilungen ohne gerichtliche Verfahren abschaffen sollen. Interessanterweise geschieht dieser Ausbau des Rechtsraumes in intensiver Zusammenarbeit mit deutschen Beratern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Unterschied zwischen dem chinesischen und dem russischen Transformationsprozeß könnte krasser kaum sein und er wirft prinzipielle Fragen auf: Glasnost und Perestroika gaben Freiheit, ja! Selten konnte man sich in der Welt so unbehelligt bewegen wie im Rußland Jelzins. Aber was für eine Freiheit war das, die zugleich alle sozialen Sicherungssysteme auflöste und so die Bewegungsfreiheit der Mehrheit der Bevölkerung ökonomisch drastisch einengte? Im Ergebnis hat diese Freiheit zur Verelendung der Mehrheit der russischen Bevölkerung geführt, was nur deshalb nicht zu Hungereinbrüchen führte, weil die Menschen sich auf die Netzwerke der familiären Zusatzwirtschaft, Datscha, und ihre Gunstbeziehungen stützen konnten. Viele ältere Menschen können heute nicht einmal mehr den Bus zur Datscha bezahlen. Freiheit ist zu einer leeren Vokabel geworden. Putins restaurative Notbremse hat diesen Prozeß nur bedingt stoppen können, mehr noch, der Einschränkung, die die Bevölkerung durch den Verlust ihrer gemeinschaftlichen Sicherungssysteme erlitt, hat er im Bestreben, die Staatsmacht zu restaurieren, noch die Abschaffung der Basisorgane der örtlichen und regionalen Selbstverwaltung hinzugefügt und sie durch das System, der „gelenkten Demokratie“ ersetzt, die Initiativen von unten nach oben kaum durchläßt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Deng Hsiao Ping und seine Nachfolger dagegen schafften es, das Niveau persönlicher Interessiertheit und Produktivität wie auch der sozialen und rechtliche Absicherung Schritt für Schritt zu heben, indem sie die Erweiterung ökonomischer Spielräume davon abhängig machten, ob sie zur Anhebung der gemeinschaftlichen Versorgungsmöglichkeiten beizutragen geeignet wären.<a title="" href="#_edn4">[4]</a> Freiheit ist in China erkennbar kein Wert an sich, der individuell definiert wird, sondern eine Funktion des allgemeinen Volkswohlstandes, der Stabilität, Motto: Je höher das allgemeine Versorgungsniveau, desto größer die Bewegungsfreiheit für die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Die Partei kontrolliert diesen Prozeß, in dem sie sich auch selbst verändert, das heißt, in dem sie um die Zulassung dieser oder jener Neuerungen, die Lösung dieses oder jenes Problems wie etwa das der Wanderarbeiter interne Richtungskämpfe austrägt. Opposition findet innerhalb der Partei statt; sie repräsentiert das Ganze. Wer die Partei in Frage stellt, stellt China in Frage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Extremer könnten sich zwei unterschiedliche Verständnisse von Freiheit nicht gegenüberstehen: In Rußland verfassungsrechtlich garantierte individuelle Freiheit, die sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse für die Mehrheit der Bevölkerung jedoch in Abhängigkeit verwandelt, in China Parteidiktatur, unter deren Kontrolle sich an der Basis der Bevölkerung zunehmende individuelle Selbstständigkeit im Rahmen eines allgemein wachsenden Wohlstandes entwickelt. Angesichts dieser Tatsachen sagen heute nicht wenige Menschen in Rußland: ‚Ach, wären wir doch auch den chinesischen Weg gegangen!“ Auch aus dem Westen sind solche Stimmen zu hören. Aber ist dies wirklich eine Option?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Drei Fragen müssen dafür noch genauer betrachtet werden:</p>
<p>1. Was ist der Kern des Unterschiedes zwischen dem chinesischen und dem russischem Weg? Wo liegen seine kulturellen Wurzeln?</p>
<p>2. Hätte Rußland den chinesischen Weg gehen können? Kann es das jetzt?</p>
<p>3. Ist der chinesische Weg – auch mit Blick auf die heutigen globalen Probleme – der richtigere, oder gar einer, der die Zukunft bestimmt?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Um mit der Frage nach dem Kern zu beginnen: Er liegt im unterschiedlichen Verständnis von der Rolle des Staates. Im traditionellen Denken Chinas ist der Mensch Teil eines ganzheitlichen Kosmos, dazu berufen, die Beziehungen zwischen Himmel und Erde als harmonische Ordnung zu erkennen und diese Harmonie in seinem sittlichen Handeln zu fördern. Ein Jenseits hinter dieser Harmonie gibt es nicht, also auch keine Hoffnungen auf eine Erlösung aus dem diesseitigen „Jammertal“ in ein jenseitiges Paradies. Die Erfüllung des Lebens findet hier und jetzt statt. Der Staat ist dann gut, wenn er diesen Zielen dient. Und viele chinesische Kaiser haben versucht so zu handeln.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rußland steht, obwohl auch durch Asien stark beeinflußt, eher in der Tradition orthodoxer christlicher Jenseitigkeit, in der das leibliche Wohl dem geistigen, das Diesseits dem Jenseits untergeordnet wurde. Scharf gesprochen: Die Kirche kümmerte sich um die „Seelen“, die Körper blieben staatlicher Willkür überlassen. Die Frage einer allgemeinen Wohlfahrt im Diesseits wurde erst von der Oktoberrevolution auf die Tagesordnung gebracht, erwies sich aber mit deren Orientierung auf den kommenden Kommunismus, in dem es keinen Staat, keine Ausbeutung und keine Unterdrückung mehr geben werde, als Fortsetzung der traditionellen Vertröstungen auf das bessere Jenseits.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zur Verdeutlichung des chinesischen Verständnisses der Beziehung von Mensch, Staat und Welt sei hier zitiert, wie der Religionsforscher Helmuth von Glasenapp die „Grundgedanken der chinesischen Weltanschauung“ beschreibt. Unter dem Stichwort „Universalismus“ heißt es bei ihm: „Nach diesem bilden Himmel, Erde und Mensch die drei Komponenten des einheitlichen Alls, sie stehen in innigen Wechselbeziehungen zueinander und werden von einem allumfassenden Gesetz regiert. Alle Erscheinungen des Makrokosmos haben im physischen, geistigen und sittlichen Leben des Menschen ihre  Entsprechung, andererseits aber ist auch das, was die Ordnung in der menschlichen Gesellschaft aufrechterhält, die Richtschnur für das Weltgebäude. So heißt es im Buch der Sitte: ‚Die Kraft der Sitte ist es, durch die Himmel und Erde zusammenwirken, durch die die vier Jahreszeiten in Harmonie kommen, durch die Sonne und Mond scheinen, durch die die Sterne ihre Bahnen ziehen, durch die Gut und Böse geschieden wird, durch die Freude und Zorn den rechten Ausdruck finden, durch die die Unteren gehorchen, durch die die Oberen erleuchtet sind, durch die alle Dinge trotz ihrer Veränderungen nicht in Verwirrung kommen.’ In einem der ältesten Stücke des ‚Shu-ching’ heißt es:’ Es ist ein innerster Zusammenhang zwischen dem Himmel oben und dem Volke unten, und wer das im tiefsten Grunde erkennt, der ist der wahre Weise.“<a title="" href="#_edn5">[5]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Mensch dürfe sich aber nicht damit begnügen, den Kreislauf der Natur zu beobachten, schreibt Glasenapp weiter, er müsse vielmehr „auch bestrebt sein, durch seine ethische Gesinnung das erhabene Beispiel des Himmels nachzuahmen. Was für das Individuum gilt, gilt aber auch für die Gemeinschaft. Denn die Ordnung (tao) in der Natur, im Reich, in der Gesellschaft und im Leben des einzelnen sind auf innigste miteinander  verflochten: das eine bedingt das andere, und eine Störung in dem einen Teil des Universums hat auch Disharmonien in den anderen zur Folge.“ Für das chinesische Staatsverständnis bedeute das: „Der Herrscher des Reiches der Mitte galt ihnen daher als der alleinige und rechtmäßige Vertreter des Himmels auf Erden. Nach dem erhabenen Vorbild des Himmels hatte er das Weltreich zu  regieren; dem Himmel war er für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich.“<a title="" href="#_edn6">[6]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei Laotse, mit Konfuzius einer der bekanntesten Philosophen des chinesischen Altertums, aber im Unterschied zu diesem keineswegs ein Freund übertriebener staatlicher Kontrolle, nimmt dieses Denken in der Strophe 3 seines „Tao-Te-King“ folgende Form an:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Die Tüchtigen nicht bevorzugen,</em></p>
<p><em>so macht man, daß das Volk nicht streitet.</em></p>
<p><em>Kostbarkeiten nicht schätzen, so macht man, daß das Volk nicht stielt.</em></p>
<p><em>Nichts Begehrenswertes zeigen,</em></p>
<p><em>so macht man, daß des Volkes Herz nicht wirr wird.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Darum regiert der Berufene also:</em></p>
<p><em>Er leert ihre Herzen und füllt ihren Leib.</em></p>
<p><em>Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen</em></p>
<p><em>Und macht, daß das Volk ohne Wissen</em></p>
<p><em>Und ohne Wünsche bleibt,</em></p>
<p><em>und sorgt dafür,</em></p>
<p><em>daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen. </em></p>
<p><em>Er macht das Nichtmachen. So kommt alles in Ordnung.“ <a title="" href="#_edn7"><strong>[7]</strong></a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei gleich erklärt: Das „Herz“ ist im Chinesischen der Sitz der Begierden; „Wille“ ist im Sinne von Willkür und Ehrgeiz zu verstehen; „Wissen“ ist gleichbedeutend mit überflüssiger Information, inhaltslosem Intellektualismus; „jene Wissenden“ sind diejenigen, die das Volk mit falscher Gelehrsamkeit oder sinnlosen Informationen in die Irre führen oder gar betrügen. Der „Berufene“ ist der Erkennende, im Idealfall die höchste Kraft im Staate, der Kaiser, der dafür zu sorgen hat, daß die Ordnung des Himmels (und der Erde) nicht gestört, sondern durch kluges „Nichtmachen“ gewahrt und gefördert wird. „Nichtmachen“ bedeutet aber nicht etwa nichts zu tun, sondern sich entsprechend der dem Kosmos immanenten Gesetze zu bewegen. Das setzt ein Studium dieser Gesetze und den Willen voraus, ihnen zur Geltung zu verhelfen. Ordnung, so faßte es Konfuzius, der in dieser Frage strenger war als Laotse, ist die Voraussetzung für Freiheit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Durchaus zutreffend wird in dies in Wikipedia folgendermaßen beschrieben:</p>
<p>„Zentraler Gegenstand der Lehre des Konfuzius ist die (Gesellschafts-)Ordnung, also das Verhältnis zwischen Kind und Eltern, Vorgesetzten und Untergebenen, die Ahnenverehrung, Riten und Sitten. Konfuzius lehrte, daß erst durch die Ordnung sich überhaupt Freiheit für den Menschen eröffnet. So wie die Regeln eines Spiels Bedingung dafür sind, daß die Freiheit des Spielens entsteht, so bringt die wohlgeordnete Gesellschaft erst die Strukturen für ein freies Leben des Menschen hervor. Wie jeder Spieler aus Freiheit die Regeln akzeptiert, so akzeptiert auch der Edle Sittlichkeit und Pflichten. Ordnung unterdrückt also nicht die Freiheit, sondern eröffnet erst einen Handlungsraum, in dem menschliche Tätigkeiten einen Sinn bekommen…“.<a title="" href="#_edn8">[8]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es darf nicht übersehen werden, daß die konfuzianische Ethik ein Ideal ist, das im tatsächlichen Verlauf der chinesischen Geschichte immer wieder auch zur Erstarrung neigte., besonders aber im späten Kaisertum. Als dogmatischer Ritualismus, der an seinen festgefahrenen Zeremonien erstickte, trug es nicht unwesentlich zu dessen Niedergang im 17. und 18. Jahrhundert bei. Der revolutionäre Aufbruch Mao Tse Tungs, der dem „Nichtmachen“ der chinesischen Traditionalisten den Kampf gegen „alte Zöpfe“, den nationalen Befreiungskampf für die Gründung der VR-China und die von ihm eingeleitete Industrialisierung entgegensetzte, riß China aus dieser Erstarrung. Die Kulturrevolution machte sich zur Aufgabe die Wurzeln des Traditionalismus für alle Ewigkeit auszureißen. Mit dem Pragmatiker Deng Hsiao Ping, der Demokratie als Funktion wirtschaftlicher Stabilität begriff, kehrte die alte chinesische Staatsweisheit, in deren Verständnis Entwicklungen nicht erzwungen, sondern nur zugelassen werden können und die Rechte des Einzelnen untrennbar an seine seinen Pflichten für das Wohlergehen der Gemeinschaft gebunden sind, in modernisierter Form an ihren angestammten Platz zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Daß es auch in der heutigen Erneuerung des Verständnisses vom „guten Kaiser“ keineswegs alles „harmonisch“ verläuft, das sei hier noch einmal ausdrücklich betont, beweisen Ereignisse wie die am Platz des himmlischen Friedens, der Unterdrückung der Falun Gong Bewegung und auch die wachsende Spaltung der chinesischen Gesellschaft in Superreiche und das Heer der „Überflüssigen“, die keine Arbeit finden. Unübersehbar ist aber auch, daß die übergroße Mehrheit der chinesischen Bevölkerung der Partei heute vertraut und den von ihr vorgegebenen Rahmen sowie die darin geltenden Regeln als ihre eigenen akzeptiert, die man zwar um individuelle Spielräume erweitern möchte, die man aber nicht grundsätzlich in Frage stellt. Welche Verbindung dieses Verständnis mit der sich beschleunigenden Kapitalisierung Chinas in Zukunft eingehen wird, ist selbstverständlich eine offene Frage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz im Gegensatz dazu steht Rußland. Damit kommen wir zu der zweiten Frage, ob Rußland einen chinesischen Weg hätte gehen können, bzw. heute gehen könnte: Es sei gleich gesagt: Nein, konnte es nicht und könnte es nicht. Warum? Ausgehend von einem grundlegend anderen Staatsverständnis und entsprechenden historischen Erfahrungen, nämlich denen, daß der Staat seinen Zweck nicht darin sieht, dem Volk den ‚Leib zu füllen’ und die ‚Knochen zu stärken’, sondern im Gegenteil, sich am Volk zu bereichern, notfalls auch mit brutaler Gewalt, ist die russische, besser gesagt, die multi-ethnische russländische Bevölkerung von einem grundlegenden Mißtrauen gegenüber allem erfüllt, was mit dem Staat zu tun hat. Der Staat ist immer das Fremde, dem die eigene Welt, die eigene Gemeinschaft gegenübersteht. Freiheit, Vertrauen, Ethik liegen für die Mehrheit russländischer Menschen nicht innerhalb, sondern außerhalb staatlicher Ordnung. Der russische Begriff für dieses Verständnis von Freiheit lautet „volje“, was soviel wie Losgelassenheit, unbeschränkte Spontaneität, Regellosigkeit bedeutet, schließlich auch Wille, der in seinem Drang zur Selbstverwirklichung keine Rücksicht auf die bestehende Ordnung, ja nicht einmal auf das eigene Leben zu nehmen bereit ist. Damit geht „volje“ bereits in Willkür über. Dieses Verständnis von Freiheit ist tief in der russischen Kultur verankert, die in den schroffen Gegensätzen von derber, nicht selten brutaler Diesseitigkeit lebt und der extremen Sehnsucht ihr zu entkommen. Das Wesen dieser Sehnsucht ist eine irrationale Ungeduld, die auf Verwirklichung des Lebens hier und jetzt, auf Alles oder Nichts setzt – gleich, was es kostet. Dem gegenüber ist das modernere, gemäßigtere, eher westlich orientierte Verständnis eines weiteren Begriffes für Freiheit, „Swoboda“, als Freiheit von äußerem Zwang, von Bevormundung und individueller Unabhängigkeit in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft eher von ergänzender Bedeutung, ohne daß beide Elemente immer klar voneinander zu unterscheiden wären.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Ergebnis hat dieses in  sich widersprüchliche Verständnis von Freiheit jedoch systemsprengende Kraft, die ihrerseits die Gewalt der Staatsmacht auf den Plan ruft. So eskalieren sich beide Seiten gegenseitig. Das galt schon für die Zeit des Zarismus. Das galt, um den Druck der gewaltsamen Industrialisierung verstärkt, auch für die Zeit nach der Revolution und die weiteren Jahre der Sowjetunion unter Stalin und danach: Der Staat blieb der Fremde, wurde geradezu zum Feind, dem eine Gegengesellschaft, genauer ein ganzes Netz von Gegengesellschaften entgegenwuchs.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kurz gesagt: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte sich ein Potential an Ungeduld in der Bevölkerung der Union angesammelt, das nicht mehr unter dem Deckel gehalten werden konnte – es sei denn durch eine Wiederholung von Repression stalinschen Ausmaßes. Gorbatschow und die hinter ihm stehenden Kräfte hatten, so gesehen, überhaupt keine Wahl. Eine andere Frage ist, ob Jelzins Beschleunigung der Perestroika zur „Schocktherapie“ unvermeidlich war. Tatsache ist, daß schon Jelzin mit der Beschießung des „weißen Hauses“ und der Eröffnung des Krieges gegen die Tschetschenische Unabhängigkeitsbewegung den Rückwärtsgang einlegte, den Wladimir Putin dann mit voller Kraft fortsetzte. Das Grundproblem Rußlands, die tiefe Entfremdung der Bevölkerung vom Staat, der von der Bevölkerung immer noch, ja, durch den räuberischen Gang der Privatisierung erneut verstärkt, als Monster, als Betrüger, als Krake erlebt wird, die alle aussaugen will, ist auch nach zwölf Jahren Putinscher Restauration (Medwedew mit eingerechnet) nicht gelöst. Das reduziert die Chancen Rußlands, jetzt noch einen „chinesischen Weg“ einzuschlagen, das heißt, die Bevölkerung für einen dem chin esischen auch njur annähernd vergleichbaren nationalen Aufbruch zu stimulieren, in dem persönliche Freiheit als Funktion allgemeinen Wohlstands begriffen wird, ziemlich weit gegen Null – es sei denn, es gelänge einem zukünftigen Präsidenten Putin, der russischen Bevölkerung glaubhaft vorzuführen, daß das Ziel staatlichen Handelns darin läge, das Wohlergehen der Mehrheit der Bevölkerung mit allen Mitteln zu fördern. Dies müßte aber vor allem anderen heißen, das von Putin selbst installierte System der “gelenkten Demokratie“ in Frage zu stellen, ja, dessen Aufhebung zu fördern und die Modernisierung von oben, die der individuellen Bereicherung einiger Weniger nützt, durch eine Förderung von wirtschaftlichen Aktivitäten von unten abzulösen oder zumindest aktiv zu ergänzen, die den Wohlstand in Dörfern und Kommunen und Regionen höbe. Ob Putin dieses Kunststück einer Selbstdemontage aus eigener Kraft zustande bringt, muß bezweifelt werden.</p>
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<p>Hilfe liegt vielleicht in einer engeren Kooperation Rußlands mit China – und damit sind wir bei der dritten Frage, nämlich, ob der chinesische Weg der richtigere, vielleicht gar ein die Zukunft bestimmender sein könnte. Auch diese Frage ist, so gestellt, zunächst klar mit Nein zu beantworten. Kein Land in der Welt kann wie China, auf eine so alte und so tief verankerte Tradition der Einordnung des Individuellen in ein kosmisch begründetes Allgemeininteresse zurückgreifen. Das gilt wie gezeigt auch für Rußland. Die traditionelle chinesische Ethik, so hoch sie steht, kann nicht einfach auf die Welt übertragen werden, nicht einmal auf das China von heute – dies um so weniger, als sie durch die Flecken aus der jüngsten Geschichte beschmutzt ist. Zudem ist offen, wie China zukünftig mit Opposition umgehen wird, wenn die weitere Kapitalisierung des Landes zu schärferen sozialen Spannungen führen sollte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nicht zu übersehen ist jedoch auch, daß die in der UNO vertretenen Völker, ungeachtet westlicher Kritik an der Verletzung der Menschenrechte durch China, sich immer wieder hinter die Position Chinas stellen, wonach Menschenrechte nicht nur individuell, sondern auch kollektiv zu verstehen und die Rechte auf Entwicklung, Nahrung und Arbeit als vollgültige Menschenrechte zu werten seien.<a title="" href="#_edn9">[9]</a> Nicht von der Hand zu weisen ist auch, daß chinesischer Pragmatismus, getragen von dem Wunsch, die „himmlische Ordnung“ im eigenen Interesse auch auf dem Feld der globalen Politik verwirklicht zu sehen, potentiellen Brandstiftern der Weltpolitik in den Arm fällt. Das könnte Rußland die notwendige Atempause, aber auch anderen „global playern“, sowie kleineren Völkern die notwendige Ruhe geben, am Übergang von einer aus dem Ruder laufenden globalen Finanzdiktatur, die Freiheit nur als Recht der individuellen Bereicherung kennt, zu einer internationalen Ordnung zu arbeiten, deren Freiheitsverständnis an der Entwicklung eines Wohlstands für alle Menschen, genauer, an einer Verbindung von individueller Freiheit und Gemeinwohl orientiert ist. In einer Welt der zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeiten stehen wir heute offensichtlich an der Schwelle, vom Entweder-Oder der Art: Schutz des Einzelnen vor der Gemeinschaft oder Schutz der Gemeinschaft vor dem Einzelnen in eine Welt des Sowohl-als-Auch überzugehen. Das bedeutet, die Wechselwirkung chinesischen und westlichen Verständnisses der Menschenrechte als Bereicherung für die Welt von morgen zu begreifen.</p>
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<p>Kai Ehlers, <a href="http://www.kai-ehlers.de/">www.kai-ehlers.de</a>                                                                   16.10.2010</p>
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<p><strong>Aktuelle Ergänzung:</strong></p>
<p><strong>US-Amerikaner aermer als Chinesen</strong></p>
<p><strong>Gallup-Umfrage dokumentiert globale Verschiebung</strong></p>
<p>Nach einer aktuellen Umfrage des amerikanischen Gallup-Instituts ist inzwischen die Armut in den USA sehr viel verbreiteter, als etwa in China. Damit widersprechen die Ergebnisse dieser Umfrage dem landläufig von den Medien gezeichneten Bild von unterversorgten Chinesen und vergleichsweise reichen Amerikanern. Den Teilnehmern der Umfrage zur Ermittlung des sogenannten &#8220;Well-Being-Index&#8221;, die in insgesamt 27 Ländern durchgeführt wurde dabei unter anderem die Frage gestellt, ob sie im vergangenen Jahr Schwierigkeiten gehabt haetten, sich ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Daß dies so sei wurde von 19% der Amerikaner bestätigt, während es im Jahr 2008 noch 8% gewesen waren.</p>
<p>Gegenüber China haben sich damit die Verhältnisse umgekehrt: 2008 lag der Anteil der befragten Chinesen, die entsprechend ihre Unterversorgung zur Kenntnis gaben, bei 16%. Bei der aktuellen Umfrage erklärten dies nur noch 6%.</p>
<p>Von seiten des chinesischen Staates war die Behebung sozialer Notlagen in der Bevölkerung zum vorrangigen Ziel erklärt worden. Auch war ein neues Arbeitsrecht eingeführt worden, das Beschäftigten eine Reihe von neuen Rechten zusichert, wie das auf einen Arbeitsvertrag, Kündigungsschutz, Abfindungen usw.. Als Vorlage dieser Gesetzgebung diente das deutsche Arbeitsrecht. In den USA wurden Versuche, die Sozialleistungen für Arme und Arbeitslose zu verbessern, weitgehend blockiert, während die Steuerbefreiungen für reiche US-Bürger ausgedehnt wurden. Auch die Konsequenzen der Finanzkrise treffen in erster Linie die armen Amerikaner und die Mittelschicht, während die Finanzindustrie wieder Rekord-Boni ausschüttete.</p>
<p>Daß die Anklagen gegenüber dem einen Prozent der reichsten Amerikaner erheblich radikaler vorgetragen werden, als etwa in Deutschland, wo sich die Protestbewegung noch vergleichsweise zahm zu Wort meldet, daß offen von &#8220;Diebstahl&#8221; und kriminellem Verhalten der Reichen und Mächtigen gesprochen wird, ist nach der hier dokumentierten Entwicklung unschwer nachvollziehbar.</p>
<p>Der Erweckungsprediger Reverend Billy bei der Besetzung der Wallstreet</p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=nsMUpkckTaE&amp;feature=related">http://www.youtube.com/watch?v=nsMUpkckTaE&amp;feature=related</a></p>
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<p>Quelle: Attac Info, <a href="mailto:gw@web.de">gw@web.de</a>, 16.10.2010</p>
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<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ednref1">[1]</a> Mehr dazu in meinem Buch „Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation,“ edition 8, Zürich, 2004</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref2">[2]</a> May-fair Mei-hui Yang, „Gifts, favors and banquets: the art of social relationships in China“, 1994, Cornell University, USA</p>
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<p><a title="" href="#_ednref3">[3]</a> Siehe dazu: Konrad Seitz, China im 21. Jahrhundert , Alfred Herrhausen Gesellschaf für den internationalen Dialog, März 2000</p>
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<div>
<p><a title="" href="#_ednref4">[4]</a> Siehe dazu den nebenstehenden Kasten</p>
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<div>
<p><a title="" href="#_ednref5">[5]</a> Helmuth Glasenapp, „Die fünf Weltreligionen“, Heyne, München, 2001, S.  142</p>
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<div>
<p><a title="" href="#_ednref6">[6]</a> ebda S. 153</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref7">[7]</a> Laotse, Tao-Te-King, Das Buch vom Sinn und Leben, in einer Übersetzung von Richard Wilhelm, 1910, Diederichs gelbe Reihe, München, 2004</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref8">[8]</a> http://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref9">[9]</a> Siehe dazu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China">http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China</a>, 15.10.2011</p>
</div>
</div>
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		<title>Forum integrierte Gesellschaft: &#8212; Arabien, Japan &#8211; Übergänge wohin?</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 10:10:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist eine beunruhigende Reihe: Islam, China, Arabien, Japan - bevor wir Zeit und Kraft gefunden haben, das Eine wahrzunehmen, werden wir schon wieder getrieben, uns dem Nächsten zuzuwenden? Wann gab es zuletzt eine solche Phase, in der sich die Ereignisse derart verdichteten? 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Forum integrierte Gesellschaft                                         Mittwoch, 23. März 2011<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p>Liebe Freundinnen, liebe Freunde<br />
des Forums integrierte Gesellschaft,</p>
<p>Es ist eine beunruhigende Reihe: China hatten wir auf die Tagesordnung unseres vorletzten Treffens gesetzt – wir sahen uns veranlasst, uns mit den arabischen Ereignissen zu befassen. Arabien sollte auch weiterhin das Thema sein – da kam Japan dazu. Wie hängt das Eine mit dem anderen zusammen? Oder werden wir einfach nur durch zufällige Ereignisse gehetzt? Bevor wir Zeit und Kraft gefunden haben, das Eine wahrzunehmen, schon wieder getrieben, uns dem Nächsten zuzuwenden? Atemlos?<br />
Wann gab es zuletzt eine solche Phase, in der sich die Ereignisse derart verdichteten? Die Wende ab 1986/87/88? Ja, mit der Auflösung der Sowjetunion als Höhepunkt, dem Ende der Systemteilung, der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, der rasanten Osterweiterung von EU und NATO. Die Nachbeben spüren wir bis heute.<br />
Jetzt haben die Schauplätze gewechselt. Europa liegt plötzlich, wie es scheint, am Rande des Weltgeschehens, das „uns“ zu überrollen scheint: China, Arabien, Japan. Was wird morgen dazukommen? Können wir es noch fassen, konkret, die Konflikte, die Not, das Leiden, strategisch, die Dimension der Veränderung? Oder werden wir wieder einmal erst Jahre nach den gegenwärtigen Ereignissen ansatzweise begreifen, was mit uns geschehen ist?<br />
Die einen kämpfen um Teilhabe an den Errungenschaften der Moderne – Arabien, die anderen demonstrieren mit ihrer Not eben deren Hilflosigkeit. Eine Offenbarung der Grenzen unserer gegenwärtigen Ordnung liegt in beidem:<br />
In Arabien kommt die nach-koloniale Ordnung einer immer noch in 1., 2. und 3.  Welt klassifizierten „Globalisierung“ an die Grenze, in der sie in eine tatsächliche Öffnung der globalen Entwicklungsdynamik übergehen könnte. Die demografische Schrumpfung des Nordens und die explodierende Entwicklung des Südens gehen in den Prozess des Ausgleiches über; wohin dies führen wird, ist eine offene Frage. Die „entwickelte Welt“ zeigt sich verunsichert, gespalten, wie sie reagieren soll, wie sie reagieren kann. Die Zeiten, in denen die Massen der „unterentwickelten Länder“ Afrikas und Asiens von Autokraten und Despoten stellvertretend für den Westen ruhig gehalten werden konnten, scheinen vorbei. Soll man das politische Erwachen dieser Menschen stützen, fördern, nutzen – oder soll man es lieber einschränken und wenn, dann mit welchen Mitteln? Darüber spaltet sich der „Westen“. Die Angst ist groß, dass den bisherigen Hegemonen die Entwicklung aus dem Ruder läuft – zumal auch noch unklar ist, welche Rolle der Islam als Angebot einer anderen als der gegenwärtigen neo-liberalen Globalisierungs-Botschaft dabei spielen wird.<br />
Und Japan? Japan offenbart die Grenzen der technischen Beherrschbarkeit von Natur und Welt – wieder einmal, muss man einschränkend sagen, denn schon frühere Havarien wie in Harrisburg, wie in Tschernobyl haben schon ausreichend belegt, dass diese Technik nicht beherrschbar ist. Endgültig, das wäre daher die den Vorgängen in Japan angemessenere Bewertung – und man muss sich dafür einsetzen, dass sie greift. Aber es stellt sich angesichts der Stellungnahmen, die sich für den weiteren Bau von Atomanlagen aussprechen, schon die Frage, wie viele solcher Offenbarungen es noch geben muss, bevor wir als Menschheit in der Lage sind, daraus Schlussfolgerungen für unsere Lebensweise zu ziehen. Das gilt für jeden einzelnen Menschen ebenso wie für die Völker, Gesellschaften und Staaten, die heute den Globus bewohnen.<br />
Die soziale Verantwortung, das war der Gedanke, der bei diesem Stand des Gespräches hier ins Zentrum trat; sie beginnt dort, wo der einzelne Mensch sich um seine eigenen Entwicklungsmöglichkeiten als Mensch sorgt. Eine eigene, freie, lebensbejahende Entwicklung ist für den Einzelnen nur möglich, wo er oder sie sich dafür einsetzt, dass auch andere Menschen diese Möglichkeiten haben. Diesen Grundgedanken muss ich hier nicht weiter ausbreiten. Er ist klar. Offen ist aber die Frage, ob wir heute so weit sind, diese uralte Erkenntnis zu praktizieren, bzw. genauer, ob die sich häufenden Grenzerfahrungen, die in immer schnelleren Abständen auftretenden Offenbarungen uns dazu führen, diese Erkenntnis praktisch werden zu lassen – ohne uns dabei als ungläubig, gottlos, dogmatisch oder unaufgeklärt zu beschimpfen und uns gegenseitig unter Zwang, Druck oder auch direkte Gewaltanwendung zu setzen. Es geht doch vielmehr, so kristallisierte es sich im weiteren Gespräch heraus, um eine doppelte Bewegung, zum einen darum, dass der einzelne Mensch (westlicher Prägung) auf der Basis seiner Selbstbestimmung seine Verantwortlichkeit gegenüber der Gesamtheit der mit ihm lebenden Menschen, der Erde, des Kosmos erneuert, sie auf neuem Niveau entwickelt. Die andere Bewegung, die vornehmlich aus dem muslimischen und genereller nicht-christlichen Kulturraum heranwächst, kommt dem Individualismus spiegelbildlich entgegen. Bei ihr geht es darum, aus der ethischen, aus der gemeinschaftlich, aus der sozial-religiös und ganzheitlich-kosmisch erlebten Eingebundenheit, aus Glaubensgemeinschaften heraus die Verantwortung für eine eigene, eine individuelle Tat in dieser gemeinsamen Welt zu erkennen und praktisch zu entwickeln. Nur in der Wechselwirkung dieser beiden Pole, die man auch als Ost-West-Pole beschreiben könnte, ohne damit Festlegungen treffen zu wollen, wird das Bewusstsein entstehen, das wir heute brauchen, um nicht nur zu überleben, sondern in eine neue Phase unserer Entwicklung hineinzugehen.</p>
<p>Hier, liebe Freundinnen, liebe Freunde, streikt der Protokollant und übergibt jedem von Euch den Stab für eine eigene Runde. Im Forum wollen wir uns das nächstes Mal mit der Frage befassen, welche Schlussfolgerungen aus den gegenwärtigen Offenbarungen gezogen werden und welche wir selber ziehen wollen. Dabei wollen wir die unterschiedlichen kulturellen Färbungen – China, Japan, Muslimischer Kulturraum,<br />
Westen – aktiv einbeziehen.</p>
<p>Unser nächstes Treffen wird am Sonntag, d. 08.05.2011 um 16.00 Uhr stattfinden.<br />
Wie üblich in der Rummelsburgerstr. 78, 22147 Hamburg (U1-Farmsen)<br />
Bitte bringt Kleinigkeiten zum Knabbern mit. Übernachtungen sind möglich.</p>
<p>Herzlich im Namen des Forums, Kai Ehlers</p>
<p>Bisherige Auswertungen unter: www.kai-ehlers.de/forum-integrierte-gesellschaft</p>
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		<title>Forum integrierte Gesellschaft: &#8212; &#8220;Happy China&#8221; als &#8220;chinesische Prinzip&#8221;? Einladung zum Treffen des &#8220;Forums integrierte Gesellschaft&#8221;</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/forum-integrierte-gesellschaft/2011-02-05-happy-china-und-chinesisches-prinzip</link>
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		<pubDate>Sat, 05 Feb 2011 16:10:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forum Integrierte Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Demographie]]></category>
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		<category><![CDATA[Privatisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere zweite Reise nach China brachte ebenso eine Überraschung wie unsere erste vor einem Monat – nur mit umgekehrten Vorzeichen.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Unsere zweite Reise nach China brachte ebenso eine Überraschung wie unsere erste vor einem Monat – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Geplant hatten wir ausdrücklich, positive Eindrücke, Fakten, Vorstellungen zu China zusammenzutragen, um dem Bild eines autoritären Monsters, das uns letztes Mal bedrängt hatte, die Frage entgegenzustellen, ob in China nicht auch Entwicklungen stattfänden, die dem von Jeremy Rifkin benutzen Begriff einer kommenden „empatischen Zivilisation“ entsprechen könnten und wenn, dann welche. Das Ergebnis war verblüffend – mit dem für dieses Mal gewählten Ansatz landeten wir genau auf der anderen Seite des Themas wie letztes Mal, nämlich bei dem Bild einer Bevölkerung, die trotz Effektivitätsstresses staatlich geplanter Modernisierung und ungeachtet des im Westen verbreiteten Eindrucks, dort herrsche eine Diktatur, ihren Alltag in einem für westliche Begriffe nur schwer verstehbaren lockeren Gleichmut lebt.</p>
<p>Unsere Diskussion entwickelte sich dieses Mal entlang eines Fotovortrag, mit dem einer der Teilnehmer der Runde seine Eindrücke von mehrfachen Reisen nach China vorstellte. Schwerpunkte seines Vortrags waren der Bauboom am Beispiel Shanghais, der gleichwohl Raum lasse für „gemütlichen“ Altbestand. Des weiteren zeigte er Bilder, aus denen ersichtlich wurde, wie wenig, fast gar nicht Militärisches im öffentlichen Alltag präsent ist und schließlich Beobachtungen aus dem öffentlichen Raum, die eine verblüffende Diversität, Buntheit und Gelassenheit des alltäglichen Lebens ausstrahlen.</p>
<p>Andere Mitglieder unserer Runde, die sich in China aufgehalten haben – u.a. ich bei meiner Reise entlang der russisch-chinesisch-mongolischen Grenze 2002 – konnten diesen Eindrücken einer emsigen, praktisch orientierten und zugleich lässig sich um seine Alltagsbelange kümmernden Bevölkerung weitgehend zustimmen: Ja, diese Bilder einer geschäftigen, zielstrebigen und zugleich lockeren Vielfalt sind typisch für das China von  heute, gleich ob in Schanghai oder an anderen Orten des Landes – wenn man sich nicht gerade in Konfliktzonen bewegt wie in den  Uigurischen oder tibetischen Provinzen. Auf der Straße ist keine Diktatur erkennbar. In den öffentlichen Szenen dokumentiert sich so etwas wie ein „Chinesisches Prinzip“, das schon bei Laotse und Kungfutse nachzulesen ist, nämlich, dass weise Staatskunst darin bestehe, dem Volk den Bauch zu füllen, feste Rituale zu geben, den Kopf aber leer zu halten von überflüssigem Wissen. Dieses Prinzip hat die kommunistische Partei nicht erfunden; das ist uralte chinesische Staatskunst und allgemeiner kultureller Bestand.</p>
<p>Widerspruch rief jedoch ein Foto hervor, das zwei Männer zeigt, offensichtlich arbeitslose Wanderarbeiter, die mitten in der Stadt auf einer der ausladenden Eingangsballustraden eines hoch offiziellen Gebäudes kampieren. (siehe dazu das Bild im Anhang) Locker hocken sie mit nacktem Oberkörper auf ihren ausgebreiteten Decken, offensichtlich im angeregten Gespräch miteinander beschäftigt – und dies nicht  nur ein paar Stunden oder einen Tag, sondern offenbar für längere Zeit, mindestens eine Woche, ohne dass irgendjemand daran Anstoß genommen habe oder die Ordnungskräfte sie dort vertrieben hätte. Von Diktatur öffentlich nichts zu sehen, so unser Fotograf, so etwas solle man sich einmal versuchen für Deutschland vorzustellen.</p>
<p>Hier entzündete sich eine Kontroverse, in der die Sichtweisen und Meinungen heftig aufeinander prallten. Als Kern schälte sich die unterschiedliche Bewertung der  Situation der Wanderarbeiter  sowie der Rolle heraus, die sie für den gegenwärtigen Aufbruch Chinas spielen: Sind sie Opfer einer fehlgeleiteten Modernisierung, welche die Grundlage bäuerlichern Existenzen zerstört und die Menschen verarmt und entwurzelt in die Zentren treibt oder ziehen junge Leute freiwillig in die industriellen Zentren, weil sie dort bessere Entwicklungschancen für sich sehen? Wie sehen sie ihre eigene Situation? Sind sie Gestrandete oder sind sie Aufbrechende? Sind sie gleichmütig, für westliches Verständnis  vielleicht unverständlich gleichmütig, oder wächst hier ein Protestpotential heran, das die chinesische Gesellschaft mit unabsehbaren Folgen für China und für die Welt sprengen könnte? Ist die gegenwärtig stattfindende Industrialisierung und Urbanisierung Chinas ein unaufhaltsamer, sich frei nach Marx hinter dem Rücken möglicher Planbarkeit vollziehender Prozess oder hat der Mensch, auch der Mensch in China – sei es von der Partei, sei es vom Einzelnen her gedacht – Möglichkeiten in die Entwicklung steuernd einzugreifen, wenn beispielsweise deutlich würde, dass die bäuerliche und landwirtschaftliche Basis des Landes zerstört zu werden droht? Läge darin überhaupt ein Problem? Hat Landwirtschaft heute noch die gleiche grundlegende Bedeutung für die Existenz der Gesellschaft wie früher? Beruht Modernisierung heute nicht auf anderen als landwirtschaftlichen Grundlagen?</p>
<p>Also, wie schnell zu erkennen: Fragen über Fragen, zu denen es vermutlich kein Entweder-oder gibt, sondern eher ein Sowohl-als-auch. Dementsprechend gingen die Meinungen zu diesen Fragen in der Runde deutlich auseinander. Einigkeit fanden wir darin, dass diese Fragen in Bezug auf China nur dann weiter geklärt werden können, wenn man sich konkret anschaut, was bei 1,25 Milliarden Menschen 250 bis 300 Millionen Wanderarbeiter bedeuten. Darüber hinaus ist die Frage nach den Millionen der chinesischen Wanderarbeiter natürlich in die Tatsache einzugliedern, dass durch den Prozess der Industrialisierung generell immer weniger Menschen physisch für die Produktion unserer Grundversorgung wie auch für die übrige Warenproduktion gebraucht werden, während die Weltbevölkerung gleichzeitig weiter wächst. Das gilt nicht nur für China, es gilt global und ist mit Sicherheit auch als Hintergrund für die aktuellen Unruhen in den arabischen Ländern zu sehen. Aber China steht, schon wegen seiner Größenordnung, exemplarisch für diesen Prozess.</p>
<p>Wir haben deshalb beschlossen, unser Gespräch an dieser Frage fortzusetzen, die nächstes Mal Thema sein soll, nämlich:</p>
<p><strong>Wie ist die Lage chinesischen Wanderarbeiter und welche Rolle spielen sie im Modernisierungsprozess Chinas für China selbst und über China hinaus?</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das nächste Treffen ist für Samstag, 26.02.2011 angesetzt, selber Ort, selbe Zeit. 16,00 Uhr, Rummelsburgerstr. 78</strong></p>
<p><strong>Im Anhang findet Ihr einen Text von mir: „Die demographische Falle und die Kraft der Überflüssigen“, der allgemeine Anregungen zum Thema der in der Produktion von heute und morgen nicht mehr Gebrauchten liefert. Zum konkreten Stand der chinesischen Wanderarbeiter bitte ich alle Interessierten, selbst nach Euren Möglichkeiten zu recherchieren. </strong></p>
<p>Aus gegebenem Anlass sei noch einmal gesagt: Wir verstehen das Forum integrierte Gesellschaft als Begegnungsrunde, in der das Gespräch im Mittelpunkt steht. Bringt also Fragen mit, wenn´s geht gute Laune, Zeit, eine Kleinigkeit zu knabbern und Eure Freunde oder Freundinnen. Aber bitte meldet Euch vorher an und wenn ihr Tipps und Links zum Thema habt, lasst es mich vorher wissen, damit sie herumgehen können.</p>
<p>Berichte von früheren Treffen unter Kategorie: Forum integrierte Gesellschaft</p>
<p>Wer sich angesprochen fühlt für eine Beteiligung: <a title="Kontakt" href="http://kai-ehlers.de/?p=2330">Kontakt</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Chinas Aufbruch &#8211; Chance oder Bedrohung für die Welt?</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Jan 2011 16:12:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forum Integrierte Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Unsere Eingangsfrage lautete:  Welches Bewusstsein wächst heute in China und über China hinaus in Asien heran?
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Treffen des &#8220;Forums integrierte Gesellschaft&#8221;: Unser letztes Treffen zum Thema „China“ verlief bemerkenswert. Um es einmal ganz „chinesisch“ zu sagen: Es stand voll und ganz im Zeichen der ineinander übergehenden Komplementarität der Dualität von Yin und Yang. Unsere Eingangsfrage lautete:  Welches Bewusstsein wächst heute in China und über China hinaus in Asien heran? Diese Frage knüpfte an die vorhergehenden an, die nach dem Signal gefragt hatten, das von der gegenwärtigen Dynamik des Islam, bzw. auch des Islamismus ausgeht. Unsicherheiten waren aufgetreten, ob unsere Fragestellung nach einem Miteinander der Religionen, mehr noch nach einem überkonfessionellen, über die Grenzen der einzelnen Religionen hinausgehenden mitmenschlichen Diskurs, in dessen Mittelpunkt das gegenseitige Interesse an einer Verwirklichung als selbstbewusster, selbstverantwortlicher Mensch steht, auch die Menschen der chinesischen Kultur mit einschließt. Scharf wurde gefragt: Ist in der chinesischen Kultur, die keinen monotheistischen Gott kennt, dem der Einzelne sich gegenüberstellen oder es (als „Sünder“) auch  lassen kann, sondern in der sich der Menschen als Teil des Kosmos begreift, eine Freiheit des Einzelnen denkbar? Ist er nicht einfach Teil des Ganzen – ob er oder sie will oder nicht? Und ist die heutige gesellschaftliche Realität Chinas nicht Ausdruck dieses Bewusstseins?     Die Frage führte zunächst direkt zum Zeichen des Yin und Yang als originärem Ausdruck chinesischen Denkens. Himmel und Erde, Mann und Frau, Staat und Volk, die einander komplementär gegenübergesetzt aber eins im anderen angelegt sind und eins auf das andere einwirken. Der Mensch ist im Kosmos verwoben, Objekt und Subjekt zugleich. Himmel und Erde wirken auf ihn, seine Handlungen wirken auf Himmel und Erde. So wird der Herrscher verantwortlich gemacht, wenn Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen oder andere Nöte die Menschen plagen. Der Himmel ist durch sein schlechtes Handeln in Unordnung geraten und das wirkt auf die Erde zurück. Der Herrscher muss  durch gutes Handeln die Ordnung wieder herstellen oder den Platz als Herrscher räumen. Ich will auf die Details, die wir an diesem Abend zu diesen traditionellen Vorstellungen gehört haben, hier nicht weiter eingehen. Nur soviel an dieser Stelle: Vor uns öffnete sich ein Bild Chinas, dessen Entwicklung bei aller Kontinuität seiner über 3000jährigen Geschichte durch ständige Korrekturen, Umbrüche und Revolten – kleine und große – gegen die jeweilige Zentralmacht gekennzeichnet ist. Unsere Vorstellung von „China“ als einem Ganzen zerfiel in eine Vielheit von Völkern, Räumen, Sprachen, Epochen, Dynastien, Klassen und Schichten – die am Ende keine andere Gemeinsamkeit mehr erkennen ließ als ihre pure Gegenbewegung: die immer wiederkehrenden Maßnahmen einer Zentralisierung dieses Großraumes, weil nur eine Zentralgewalt ein Überleben und eine Entwicklung ermöglichte – das „Reich der Mitte“, das seinen eigenen Kosmos definierte und diesen Kosmos immer wieder auch mit Gewalt wiederherstellte – bis hin zur heutigen Parteidiktatur.     Ich darf ehrlich sagen, dass unser Gang durch die chinesische Geschichte bis hier hin, bei allen Versuchen, eine geistesgeschichtliche oder gar eine realgeschichtliche Kontinuität zu erkennen und     bei aller Informiertheit derer, die China aus eigenem Studium und aus eigener Erfahrung schildern konnten, eher etwas vom Tasten im Nebel hatte, bei dem das vormals vorhandene Bild der „chinesischen Kultur“ sich in viele einander widersprechende Facetten auflöste und die Frage nach einer erkennbaren heutigen Bewusstseinsentwicklung des heutigen China immer unfassbarer wurde.     In den Vordergrund schob sich dagegen immer drängender der „Bruch“ durch die Revolution, die die „alten Zöpfe“ mit Gewalt abgeschnitten habe, Massenchaos durch die „Kulturrevolution“, die heutige Realität der Parteidiktatur. Die Schilderungen der autoritären Strukturen, der Unterdrückung im Namen der Partei, die immer noch das Label des „Kommunismus“ und der „Weltrevolution“ vor sich her trage, obwohl sie inzwischen faktisch eine Partei des herrschenden Kapitals sei, begann den Gang der Diskussion zu bedrücken – als ob es in China, trotz aller vorher diskutierten Unterschiede &#8211; nur die Perspektive einer gleichmacherischen Modernisierung gebe.      An dieser Stelle geschah, was geschehen musste: Der weiße Punkt in der schwarzen Hälfte des Yin/Yang Zeichens weitere sich zu der Frage, ob es denn nicht eine Gegenbewegung gegen die vom System mit Gewalt forcierte Modernisierung gebe. Und siehe da! Wie von ungefähr stand auf einmal der Satz im Raum: „In China ist alles möglich!“ Mehr noch: „Die Menschen Chinas“, erklärte der Referent des Abends, „sehnen sich nach Möglichkeiten der persönlichen Verwirklichung, nach Mitgefühl und Empathie / Liebe. Zahllose Initiativen und Alternativen schießen aus dem Boden.“      Damit waren wir – zur Erleichterung aller – wieder beim Ausgangsthema angekommen, jetzt zugespitzt auf die Frage, ob die gewaltsame Modernisierung in China Kräfte der Empathie hervorbringe und welche. Unter dem Motto „In China ist alles möglich“ beschlossen wir, diese Frage zum Thema unseres nächsten Treffens zu machen.  Das nächste Treffen wird stattfinden<br />
am Samstag, den 29. 01, 2011 um 16.00 Uhr  Thema: In China ist alles möglich – Ansätze für die Entwicklung von emphatischem Bewusstsein in China.  Wir setzen darauf, dass sich alle nach ihren Möglichkeiten aktuelle Infos zu dieser Frage beschaffen, ggflls. auch „ergoogeln“.  Habt Ihr interessante Quellen, schickt sie mir; ich gebe sie weiter. Wir vom Forum aus tragen ebenfalls das unsere dazu bei.<br />
Für die, die sich über die konkrete chinesische Situation hinaus vorbereiten wollen, empfehle ich: Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation, Wege zu einem globalen Bewusstsein, Campus.<br />
Erinnert sei auch noch einmal an: Kai Ehlers, Asiens Sprung in die Gegenwart, Die Entwicklung eines Kulturraums „Inneres Asien“, Pforte</p>
<p>Im Übrigen gilt, was immer für unsere Einladung gilt: Kommt pünktlich, bringt Neugier und eine Kleinigkeit zum Knabbern mit.<br />
Und bitte meldet Euch an.  Herzlich,<br />
im Namen des Forums integrierte Gesellschaft<br />
Kai Ehlers, www.kai-ehlers.de</p>
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		<title>Kartoffeln haben wir immer</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/zu-themen-meiner-bucher/2010-05-17-kartoffeln-haben-wir-immer-2</link>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 13:04:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(Über)leben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha. Das heutige Russland als Beispiel für eine sich für die Zukunft abzeichnenden  Symbiose gemeinschaftlicher Selbstversorgung und industrieller Fremdversorgung.  
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong>(Über)leben in Russland <a title="Kartoffeln haben wir immer" href="http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/zu-themen-meiner-bucher/2012-05-17-kartoffeln-haben-wir-immer-2">zwischen Supermarkt und Datscha</a>. Das heutige Russland als Beispiel für eine sich für die Zukunft abzeichnenden  Symbiose gemeinschaftlicher Selbstversorgung und industrieller Fremdversorgung.</p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>Kritischer Blick auf Medwedew</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/aktuelle-beitrage/2009-12-19-kritischer-blick-auf-medwedew</link>
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		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 19:42:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wollte man den Worten Medwedews glauben, dann begann in Russland im Frühjahr 2008 eine neue Phase der Reformen. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wollte man den Worten Medwedews glauben, dann begann in Russland im Frühjahr 2008 eine neue Phase der Reformen. Noch vor dem Wechsel der Präsidenten hatte Medwedew auf ein Wachstum orientiert, das die bis dahin erreichte 7% Marke übersteigen sollte. Dabei, so hatte er angekündigt, wolle er sich aktiv der „Förderung der sozialen Sphäre“ widmen: Im Schweizer Davos hatte er, ebenfalls noch vor dem Wechsel, den versammelten Vertretern des ausländischen Kapitals optimale Investitionsmöglichkeiten versprochen. Auf dem russischen Wirtschaftsforum in Krasnojarsk erklärte er, er werde sich als Präsident auf die „Vier großen I´s“ konzentrieren – Institute, Infrastruktur, Innovationen, Investitionen – und zudem die schon unter Putin beschlossenen vier „nationalen Projekte“ verwirklichen, ohne die eine Modernisierung nicht möglich sei. Das waren Programme zur Förderung des Wohnungs-, des Bildungs-, des Gesundheitswesens sowie der Agrarwirtschaft, die von Wladimir Putin im Jahre 2005 ausgerufen worden waren, dann aber stecken blieben.<br />
Für die Realisierung eines solchen Weges brauche das Land gesetzestreue Bürger und eine freie Presse, teilte Medwedew der Öffentlichkeit mit. Oberstes Ziel des Regierungshandelns müssten Garantie und Schutz des Privateigentums sein. „Freiheit ist besser als Unfreiheit“, lautete der Wahlspruch, den Medwedew verkündete. Dabei gehe es um „Freiheit in allen Bereichen: um die persönliche Freiheit, um die wirtschaftliche Freiheit und letztlich um die Freiheit der Selbstverwirklichung.“<br />
Nach der Wahl setzte Medwedew diese Linie bei Besuchen in Peking, danach in Berlin und weiter beim Wirtschaftstag in St. Petersburg fort. Nach diesen Äußerungen wurde er unter Hinweis auf seine juristische Biographie als Liberaler gelobt. Seine Reden über Marktwirtschaft und bürgerliche Freiheiten „waren spektakulär in unseren Ohren“, so der damalige deutsche Außenminister Steinmeier, auch wenn man natürlich abwarten müsse, was tatsächlich geschehe. Der Vertreter des „Ostaussschusses der deutschen Wirtschaft“, Klaus Mangold, begrüßte nach vollzogenem Wechsel von Putin auf Medwdew vor Journalisten in Moskau die „Intensivierung des Modernisierungsprozesses“ in Russland als Schritt zum „zügigen Beitritt Russlands zur WTO“. In der russischen  Presse wurde Medwedew, zwar verhaltener, aber doch mehrheitlich als mögliche national-liberale Ablösung des autoritären Kurses Wladimir Putins begrüßt. Die Frage stellte sich nur, ob er sich werde durchsetzen können. Von spöttischer Charakterisierung Medwedews als „Liliput“ bis zur Hoffnung, es werde ein operatives „Tandem“ des alten und des neuen Präsidenten geben, gingen die Einschätzungen.<br />
Was dann kam , nannten Spötter die „drei großen K´s“. In der Tat, statt der „vier großen I´s“ bestimmten Krieg, Krise und Korruption die ersten Monate on Medwedews Amtsführung. In der Auseinandersetzung im mit Saakaschwili musste er im August 2008 als Kriegsherr auftreten; die darauf einsetzende Weltfinanzkrise traf Russland an seiner empfindlichsten Stelle, den Einahmen aus Öl- und Gasexport, auf denen der Boom der vorangehenden Jahre unter Putin beruht hatte. Medwedew konnte seine Wachstumsprognosen selbstverständlich nicht halten, als der Ölpreis innerhalb weniger Monate um mehr als zwei  Drittel sank. Die Korruption, auch unter Putin durchaus Thema, nahm unter diesen Umständen Maßstäbe an, die Medwedew dazu veranlassten, den Kampf dagegen zur Haupt- und Chefsache zu erklären.<br />
Aber während die westliche Welt wieder einmal erwartete, dass Russland in die Kniee gehen werde,  dass das “Tandem“ Medwedew/Putin an dieser Situation auseinanderbrechen könne, schlossen Medwedew und Putin sich arbeitsteilig umso fester zusammen. Medwedew gewann Legitimität, indem er zu neuem Aufbruch mahnte, Entbürokratisierung förderte, zu neuen Anstrengungen in der Modernisierung ermutigte, dem Ausland mit Vorschlägen für „eine neue europäische Sicherheitsarchitektur“ neue Perspektiven anbot. Manche russische Kommentatoren identifizierten ihn gar als Vertreter einer „Perestroika II“. Putin als Ministerpräsident betätigte sich indes als Mann „für´s Grobe“.<br />
Exemplarisch, wie die beiden im Mai 2009 arbeitsteilig kooperierten, als im Mai 2009 die Einwohner der Monostadt Pikaljewo die für St. Petersburg einberufene russische Wirtschaftstagung durch Barrikaden der Magistrale darauf aufmerksam machten, dass der Oligarch Deripaska drauf und dran war, eine ganze Stadt durch Stillegung der ein seinem Besitz befindlichen Zementproduktion und Verweigerung von Lohnzahlungen glattweg auszuhungern: Während Medwedew den Wirtschaftstag durchführte und für Perspektiven der Modernisierung warb, widmete Putin sich der Lösung des Problem direkt vor Ort, in dem er Derikpaska vor laufenden Kameras dazu verdonnerte, die Produktion wieder aufzunehmen, die Löhne zu zahlen, also, seinen konkreten sozialen Verpflichtungen nachzukommen – ungeachtet der Frage, welchen Stellenwert das für eine generelle Krisenlösung hatte.<br />
Auch die aktuellsten Aufforderungen Medwedews zu beschleunigter Modernisierung, vom Westen weithin als Kritik an Putin verstanden, sind nicht etwa Ausdruck eines Zerwürfnisses zwischen den Präsident und Ministerpräsident; im Gegenteil stellte Putin sich in einer Rede vor der Partei „Einheitliches Russland“ demonstrativ hinter die Mahnungen seines Präsidenten, der Modernisierung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Umgekehrt erklärte Medwedew“ Alle Versuche mit dem Namen der Demokratie Unruhe zu schaffen werden unterbunden.“<br />
Auch Medwedew bleibt –  allen Versprechungen der Entbürokratisierung , allen Aufforderungen zur Selbstorganisation, allen Vorlieben für westliche Kultur zum Trotz – jener russischen Tradition verpflichtet, welche die Wirtschaft und die Gesellschaft von oben lenkt, wenn auch er die Betriebsbürokraten und Oligarchen auffordert ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen. Hierin unterscheidet er sich nicht von Putin. Sie bekleiden lediglich unterschiedliche Ämter. Was so entstehen könnte, das formulieren russische Soziologen als neue mögliche Aussicht, ist ein sozial orientierter russischer Oligarchismus, der von einer staatlichen Bürokratie kontrolliert wird.<br />
Schließlich sei noch angemerkt: Dem Versuch Obamas, Europa bis zum Ural zu umarmen, um so das atlantische Bündnis zu erneuern, begegnete Medwedew souverän, diplomatischer, könnte man sagen, als Putin, ohne dabei russische Interessen aufzugeben. Um Gegenteil, um nur die aktuellsten Schritte zu nennen: Mit der Unterschrift Frankreichs unter das Gasprom-Projekt der South-Stream Pipeline ist die Nabucco-Konkurrenz der EU vom Tisch; mit der Gründung einer Zollunion von Kasachstan, Weißrussland und Russland gewinnt Russland wirtschaftlichen Spielraum. Auch die bevorstehenden neuen Vereinbarungen zur atomaren Abrüstung sind ein Ausdruck davon.<br />
Auch diese äußeren Daten zeugen davon, dass es für das „Tandem“ Medwedew/Putin zur Zeit keine Gründe gibt, seine Arbeitsteilung neu zu organisieren – es sei denn, die materiellen Bedingungen der Politik änderten sich. Darüber zu spekulieren ist sinnlos.</p>
<p><strong>Kai Ehlers<br />
www.kai-ehlers.de</strong></p>
<p><strong>Zum Thema erscheint im Februar<br />
Russland: „Kartoffeln haben wir immer“ – Überleben zwischen Supermarkt und Datscha.“<br />
Horlemann Verlag</strong></p>
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		<item>
		<title>EU-Russland-Gipfel: Kriegsbeil begraben – oder nur versteckt?</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/artikel-zur-lage/2009-11-22-eu-russland-gipfel-kriegsbeil-begraben-%e2%80%93-oder-nur-versteckt</link>
		<comments>http://kai-ehlers.de/texte/artikel-zur-lage/2009-11-22-eu-russland-gipfel-kriegsbeil-begraben-%e2%80%93-oder-nur-versteckt#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 20:27:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Serie der Überraschungen der Nach-Bush-Ära geht weiter: Nichts Angenehmes war vom EU-Russlandgipfel in Stockholm vom 18. November zu erwarten gewesen
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Serie der Überraschungen der Nach-Bush-Ära geht weiter: Nichts Angenehmes war vom EU-Russlandgipfel in Stockholm vom 18. November zu erwarten gewesen, nachdem das letzte EU-Russland-Treffen in Chabarowsk im Mai 2009 praktisch ergebnislos geendet hatte und nachdem Schweden, das zur Zeit die Ratspräsidentschaft der EU hält, den Vorschlag einer „östlichen Partnerschaft“ vorgelegt hatte, der die ehemaligen Sowjetrepubliken Aserbeidschan, Armenien, Georgien, Ukraine, Moldawien und Weißrussland als besonderes Interessengebiet der EU definiert. Darin sind die zukünftigen Auseinandersetzungen um die Ukrainie, um Georgien, um die „eingefrorenen Konflikte“ Moldawien, Prednestrowien, Berg Karabach, um Ossetien und Abchasien mit eingeschlossen.<br />
Der schwedische Vorschlag doppelt die bisherige Politik des „Ost-West-Korridors“, mit dem die EU und USA Russland seit dem Ende der Sowjetunion Russland von seinen früheren südlichen Einflusszonen abzuschnüren bemüht waren und immer noch sind, nunmehr durch den Versuch, dem Ost-West-Korridor einen Nord-Süd-Korridor hinzuzufügen, der vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee reicht. Faktisch sind die neuen EU-Mitglieder, insbesondere Polen und die die baltischen Staaten als nördliche Verlängerung dieses Korridors ein Bestandteil dieses Korridors, zudem ein sehr aktiver. Russlands Außenminister Lawrow wies den Vorstoß der „östlichen Partnerschaft“ denn auch scharf als „nicht hinnehmbar“ zurück.<br />
Nichts Gutes hatte sich auch im Pipeline-Krieg angekündigt, nachdem in Chabarowsk Anfang des Jahres keinerlei Einigung erzielt werden konnte. Unvermittelt stand: Nabucco contra South-Stream im Süden, Ostseepipeline ja oder nein im Norden. Anfang Mai feierte die EU auf ihrem Gipfel in Prag den erfolgreichen Abschluss von Lieferverträgen mit Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan, ohne deren Zuleitungen an Gas, die Nabucco-Linie eine Totgeburt bliebe. Im Mai schloss Gazprom im Gegenzug in Sotschi neue Abkommen mit Energiefirmen in Bulgarien, Serbien, Rumänien und Italien über deren Beteiligung am Bau der South-Stream-Pipeline. Schweden forcierte noch einmal seine Einwände gegen die Osteepipeline. Im März vereinbarte die EU mit der Ukraine einen Masterplan zur Modernisierung des ukrainischen Pipelinnetzes, der Russland umging.<br />
Sollten die Interessen Russlands nicht berücksichtigt werden, erklärte Putin daraufhin , müsse die Führung in Moskau ihre Beziehungen zur Europäischen Union überdenken. Für ihn sei der Plan „gelinde gesagt fehlgeleitet und unprofessionell“, wenn er ohne Russland als Hauptliefereant diskutiert werde. Wenige Wochen darauf sah man Putin mit Frau Timoschenko verhandeln.<br />
Das Europäische Parlament legte eine Woche vor dem Treffen in Stockholm eine Entschließung vor, in der es nach zahllosen „“Hinweisen“, „Erwägungen“ und „Kenntnisnahmen“ zu Problemen in den Beziehungen zwischen EU und Russland und Forderungen zu deren Lösung u.a. erklärte, dass die vom 18. 9 – 5.10.2009 von Russland und Weißrussland durchgeführten strategischen Manöver „ernsthafte Besorgnisse darüber auslösten, ob dies auch dem Geist der guten Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respektes  zwischen Russland und der Europäischen Union gerecht wird.“<br />
Gemeint waren Manöver, die im Rahmen der „Organisation des Vertrages über die kollektive Sicherheit“ (ODKB) im September 2009 durchgeführt wurden, nachdem sich Lukaschenko noch im März dagegen gesperrt hatte. Der ODKB gehören Armenien, Kasachstan, Kirgisien, Russland, Tadschikistan und Weißrussland an. Die Organisation galt lange als politisch tot; seit dem Krieg erlebt sie offenbar eine Renaissance.<br />
Nur wenige Tage vor dem Gipfel war scheinbar alles wieder im Fluss: Schweden hatte seinen Widerspruch zur Ostseepipeline zurückgezogen, EU, Ukraine und Russland hatten die Einrichtung eines „Frühwarnsystems“ zur Sicherung der Energieversorgung rechtzeitig zum Gipfel unter Dach und Fach gebracht. „Entwicklung von Infrastrukturverbindungen zwischen der EU und der Russischen Förderation“, gab das EU-Parlament in seiner Entschließung seinen Gipfel-Vertretern vorsichtig mit auf den Weg, sei „vorteilhaft für beide Seiten“ müsse deshalb mit einer „Minimierung der ökonomischen und umweltbezogenen Kosten“ gefördert werden. Gemeint war der Ausbau der Pipelinenetze. Tief blicken jedoch ließ die „Erwägung“, die den EU-Vertretern vom Parlament mit auf den Weggegeben wurde, „dass es für die Europäische Union wichtig ist mit einer Stimme zu sprechen, eine starke interne Solidarität zu zeigen, eine gemeinsame Haltung einzunehmen und Russlands Angebote zur Intensivierung der bilateralen Beziehungen mit Mitgliedstaaten, die dazu bereit sind, n i c h t (Hervorh. Verf.) zu akzeptieren.“<br />
Angesichts der Alleingänge Bulgariens, Serbiens, Rumäniens und Italiens in Sachen South-Stream, mit denen ja nur frühere Alleingänge aktualisiert werden, wird deutlich, worum es geht: Die Politik der EU gegenüber Russland ist alles andere als kohärent. Sie schwankt zwischen der immer wieder beschworenen strategischen Partnerschaft und offener Konkurrenz im Kampf um die Grenzräume zwischen Russland und EU – im Westen, Süden und im Osten. Der Entwurf einer „Zentralasienpolitik der EU“ hat auch hier soeben neue Ansprüche formuliert, die in Konkurrenz zu russischen Interessen stehen. Auch Medwedews Vorschlag einer „Sicherheitspartnerschaft von Vancouver bis Wladiwostok“, blieb von der EU bisher unbeachtet, ganz zu schweigen von einer aktiven Aufnahme der prinzipiellen russischen Vorschläge zur Entwicklung einer multipolaren Weltordnung.<br />
Umso verblüffter durfte man sein, als Präsident Medwedew den EU nun anbot, die von ihr propagierten Klimaziele zu unterstützen, indem Russland seinen CO2-Aussstoß gemessen an 1990 um 25% zu senken bereit sei. Verblüffend auch, die Erklärung, Russland wolle nun auf dem schnellsten Wege der WTO beitreten: „Kriegsbeil begraben“, „Neuanfang“, „klarer Modernisierungskurs Russlands“ und so ähnlich lauteten die Kommentare. Die Erklärungen Medwedews sind allerdings wohl eher Gesten: Faktisch hat Russlands CO2-Aussstoss sich durch den Rückgang seiner industriellen Produktion seit 1990 ohnehin um fast den Betrag verringert, den Medwedew jetzt angeboten hat. Und was „so schnell wie möglich“ im Bezug auf den WTO-Beitritt bedeutet, ist nach wie vor offen. Nahezu vollkommen übersehen wurde, dass nicht eines der fundamentalen Probleme gelöst wurde – die sich zwischen den Integrationsräumen von EU und Russland stellen, ganz zu schweigen davon, dass politische Impulse erkennbar geworden wären, die über die gegenwärtige Konfrontation der Interessen auf eine Neuordnung dieser Räume hinausliefen, die den neuen Kräfteverhältnissen in der Welt entspricht. Eher schon kann man Medwedews Vorstoß, einschließlich seiner Rede zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, bei der er Russlands Verdienste für die nachsowjetischen Öffnungen herausstellte, als Korrekturversuch gegenüber einer überschwänglichen Obama-Verehrung verstehen. Gelöst wurde erst einmal nichts, versteckt dagegen sehr viel. Man wird sich auf weitere Überraschungen einstellen müssen.</p>
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		<title>Russland &#8211; Herzschlag einer Weltmacht</title>
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		<pubDate>Sun, 17 May 2009 13:18:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Russland – Herzschlag einer Weltmacht. Im Gespräch mit Jefim Berschin, Grafiken von Herman Prigann.  Russlands Rolle in der gegenwärtigen Neuordnung der Welt. Fragen der ethischen Neuorientierung nach dem Ende der Systemteilung der Welt.  
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="Russland – Herzschlag einer Weltmacht" href="http://kai-ehlers.de/buch/russland-herzschlag-einer-weltmacht">Russland – Herzschlag einer Weltmacht.</a> Im Gespräch mit Jefim Berschin, Grafiken von Herman Prigann.  Russlands Rolle in der gegenwärtigen Neuordnung der Welt. Fragen der ethischen Neuorientierung nach dem Ende der Systemteilung der Welt.</p>
<p><strong><em> </em></strong></p>
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