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	<title>Kai Ehlers &#187; Fremdversorgung</title>
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	<description>Kai Ehlers, Russlandforscher, stellt sich vor</description>
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		<title>VORSCHLÄGE: Themen für Sie: &#8220;Putin back&#8221; &#8211; und andere</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/2011-10-06-vorschlage-themen-fur-sie-putin-back-und-andere</link>
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		<pubDate>Thu, 06 Oct 2011 15:24:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Folgende Themen(bereiche)  schlage ich Ihnen zur Zeit für Vorträge oder Seminare vor:
Bitte wenden Sie sich an mich für konkrete Absprachen:
info@kai-ehlers.de, Tel: 040 / 64 789 791
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong><strong>Folgende Themen(bereiche)  schlage ich Ihnen zur Zeit für Vorträge oder Seminare vor:<br />
Bitte wenden Sie sich an mich für konkrete Absprachen:<br />
info@kai-ehlers.de, Tel: 040 / 64 789 791</strong></p>
<p>.</p>
<p><strong>Aktuell:</strong></p>
<p>Rußland, China:<br />
Geht Putin jetzt den chinesischen Weg?<br />
Putins eurasische Karte. Retten China und Rußland den Kapitalismus?</p>
<p>China/Rußland/Mongolei:<br />
Inneres Asien – Treibhaus der Evolution?<br />
Entstehung eines neuen Kulturraumes. Dialog der Diasporen?</p>
<p>Mongolei:<br />
Letzte Kolonie des Kapitals oder Kraftfeld für ökologisch orientierte Neutralität?<br />
Dazu auch meine Bücher: „Asiens Sprung in die Gegenwart – Entstehung eines Kulturraums Inneres Asien“ und „Zukunft der Jurte – Kulturkampf auch in der Mongolei“?</p>
<p>Islam – Signal für eine andere Welt?<br />
Betrachtung zur heutigen Rolle des Islam, ausgehend vom Beispiel eines aufgeklärten Islam in Kasan/Tatarstan. Blick auf die arabischen Staaten und auf die Türkei.<br />
Dazu auch mein Themenheft: „Modell Kasan“ und aktuelle Berichte vom Leben in Kasan.</p>
<p>Globale Perestroika:<br />
Gibt es ein Leben jenseits des Supermarktes?<br />
Dazu auch meine Bücher: Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation“; außerdem: „Kartoffeln haben wir immer! Russlands exemplarischer Umgang mit der Krise“, sowie „Grundeinkommen – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“.</p>
<p>Schrumpfendes Europa? Schrumpfende „westliche“ Kultur? „Explodierender Süden“? Auseinandersetzung mit demografisch begründeten neo-eugenischen Strategien. – Die Kraft der „Überflüssigen“. Menschenwürde zwischen (alter) Eugenik und aktueller Sozial- und Biotechnik. &#8211; Dazu auch Texte auf meiner Website: www.kai-ehlers.de</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Kulturkundliche (historische) Einführungen:</strong></p>
<p>Rußland:<br />
Was ist das Russische an Rußland?<br />
Geschichte und Aktualität der russischen Gemeinschaftsstrukturen.</p>
<p>Weiter auf der nächsten Seite<br />
China<br />
Das chinesische Prinzip:<br />
Den Leib füllen und die Herzen leeren<br />
Heute: ökonomische Freiheit bei politischer Kontrolle.</p>
<p>Mongolei:<br />
Kultur der Jurte<br />
Tengerismus, Tschingis Chan, 5-Tier-Kultur und ewige Steppe.</p>
<p>Deutschland / Rußland –<br />
Eine Ehe für die Ewigkeit?<br />
Geschichte und Aktualität der deutsch-russischen Beziehungen</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Alternativen / Denkschule / Kultur:</strong></p>
<p>Begriffe für eine Welt von morgen:<br />
Integrierte Gesellschaft, Wahlfamilie, Regionalisierung, geistige Selbstversorgung &#8211; auch: Multipolar, Multikulturell, multidimensional.</p>
<p>Grammatik des Labyrinthes:<br />
Anleitung zur persönlichen Ortsbestimmung in Zeiten des Umbruchs, einschließlich des Baues von Labyrinthen und ihrer Begehung. Einführung in die Kunst der Pause.</p>
<p>Öffnung des eurasischen Vorhangs:<br />
- Lesung aus dem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen<br />
tschuwaschischen Epos „Attil und Krimkilte“,  Blick auf den Nibelungensagenkreis aus hunnischer Sicht. Blick auf Geschichte, Epen, Mythen als gemeinsames Erbe Eurasiens.<br />
Dazu das von mir herausgegebene Buch: „Attil und Krimkilte – das Tschuwaschische Epos zum Sagenkreis der Nibelungen“.</p>
<p>Projekt 13 &#8211; Attila, Tschingis Chan, globale Perestroika heute:<br />
Die Mitte der Welt im Rhythmus der Ost-West-Zeitenwenden. Wo stehen wir heute? Was kommt auf uns zu? Dazu auch Texte auch auf meiner Website: www.kai-ehlers.de</p>
<p>Generell bin ich ansprechbar für alle Entwicklungen, die aus der nachsowjetischen Transformation hervorgehen – in Rußland selbst, in Eurasien, global und ebenso lokal; das schließt die Entwicklung sozialer Alternativen und persönlicher Orientierung in einer Welt mit ein, die nach einer zeitgerechten Ethik sucht. Die oben genannten Themen sind als Vorschläge zur Orientierung zu verstehen. Weitere Anregungen finden Sie auf meiner Website unter „Vorschläge/Angebote“ und „Vorträge/dokumentiert“. Verabredungen entlang aktueller Ereignisse, konkreter Fragestellungen von Ihrer Seite und Formen der Präsentation besprechen wir am Besten mündlich.</p>
<p>Ich freue mich auf Ihre Antwort<br />
Es grüßt Sie freundlich</p>
<p>Kai Ehlers<br />
www.kai-ehlers.de</p>
<p>den Sie sich an mich für konkrete Absprachen:<br />
info@kai-ehlers.de, Tel: 040 / 64 789 791</p>
<p>Aktuell:</p>
<p>Rußland, China:<br />
Geht Putin jetzt den chinesischen Weg?<br />
Putins eurasische Karte. Retten China und Rußland den Kapitalismus?</p>
<p>China/Rußland/Mongolei:<br />
Inneres Asien – Treibhaus der Evolution?<br />
Entstehung eines neuen Kulturraumes. Dialog der Diasporen?</p>
<p>Mongolei:<br />
Letzte Kolonie des Kapitals oder Kraftfeld für ökologisch orientierte Neutralität?<br />
Dazu auch meine Bücher: „Asiens Sprung in die Gegenwart – Entstehung eines Kulturraums Inneres Asien“ und „Zukunft der Jurte – Kulturkampf auch in der Mongolei“?</p>
<p>Islam – Signal für eine andere Welt?<br />
Betrachtung zur heutigen Rolle des Islam, ausgehend vom Beispiel eines aufgeklärten Islam in Kasan/Tatarstan. Blick auf die arabischen Staaten und auf die Türkei.<br />
Dazu auch mein Themenheft: „Modell Kasan“ und aktuelle Berichte vom Leben in Kasan.</p>
<p>Globale Perestroika:<br />
Gibt es ein Leben jenseits des Supermarktes?<br />
Dazu auch meine Bücher: Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation“; außerdem: „Kartoffeln haben wir immer! Russlands exemplarischer Umgang mit der Krise“, sowie „Grundeinkommen – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“.</p>
<p>Schrumpfendes Europa? Schrumpfende „westliche“ Kultur? „Explodierender Süden“? Auseinandersetzung mit demografisch begründeten neo-eugenischen Strategien. – Die Kraft der „Überflüssigen“. Menschenwürde zwischen (alter) Eugenik und aktueller Sozial- und Biotechnik. &#8211; Dazu auch Texte auf meiner Website: www.kai-ehlers.de</p>
<p>Kulturkundliche (historische) Einführungen:</p>
<p>Rußland:<br />
Was ist das Russische an Rußland?<br />
Geschichte und Aktualität der russischen Gemeinschaftsstrukturen.</p>
<p>Weiter auf der nächsten Seite<br />
China<br />
Das chinesische Prinzip:<br />
Den Leib füllen und die Herzen leeren<br />
Heute: ökonomische Freiheit bei politischer Kontrolle.</p>
<p>Mongolei:<br />
Kultur der Jurte<br />
Tengerismus, Tschingis Chan, 5-Tier-Kultur und ewige Steppe.</p>
<p>Deutschland / Rußland –<br />
Eine Ehe für die Ewigkeit?<br />
Geschichte und Aktualität der deutsch-russischen Beziehungen</p>
<p>Alternativen / Denkschule / Kultur:</p>
<p>Begriffe für eine Welt von morgen:<br />
Integrierte Gesellschaft, Wahlfamilie, Regionalisierung, geistige Selbstversorgung &#8211; auch: Multipolar, Multikulturell, multidimensional.</p>
<p>Grammatik des Labyrinthes:<br />
Anleitung zur persönlichen Ortsbestimmung in Zeiten des Umbruchs, einschließlich des Baues von Labyrinthen und ihrer Begehung. Einführung in die Kunst der Pause.</p>
<p>Öffnung des eurasischen Vorhangs:<br />
- Lesung aus dem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen<br />
tschuwaschischen Epos „Attil und Krimkilte“,  Blick auf den Nibelungensagenkreis aus hunnischer Sicht. Blick auf Geschichte, Epen, Mythen als gemeinsames Erbe Eurasiens.<br />
Dazu das von mir herausgegebene Buch: „Attil und Krimkilte – das Tschuwaschische Epos zum Sagenkreis der Nibelungen“.</p>
<p>Projekt 13 &#8211; Attila, Tschingis Chan, globale Perestroika heute:<br />
Die Mitte der Welt im Rhythmus der Ost-West-Zeitenwenden. Wo stehen wir heute? Was kommt auf uns zu? Dazu auch Texte auch auf meiner Website: www.kai-ehlers.de</p>
<p>Generell bin ich ansprechbar für alle Entwicklungen, die aus der nachsowjetischen Transformation hervorgehen – in Rußland selbst, in Eurasien, global und ebenso lokal; das schließt die Entwicklung sozialer Alternativen und persönlicher Orientierung in einer Welt mit ein, die nach einer zeitgerechten Ethik sucht. Die oben genannten Themen sind als Vorschläge zur Orientierung zu verstehen. Weitere Anregungen finden Sie auf meiner Website unter „Vorschläge/Angebote“ und „Vorträge/dokumentiert“. Verabredungen entlang aktueller Ereignisse, konkreter Fragestellungen von Ihrer Seite und Formen der Präsentation besprechen wir am Besten mündlich.</p>
<p>Ich freue mich auf Ihre Antwort<br />
Es grüßt Sie freundlich</p>
<p>Kai Ehlers<br />
www.kai-ehlers.de</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Was ist das Russische an Russland?</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/2011-02-02-was-ist-das-russische-an-russland</link>
		<comments>http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/2011-02-02-was-ist-das-russische-an-russland#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 02 Feb 2011 17:59:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Einführung in die Besonderheiten der russischen Geschichte und Gegenwart:
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: large;">Einführung in die Besonderheiten der russischen Geschichte und Gegenwart:  Vielvölkerstaat zwischen Asien und Europa. Multireligiöse, multikulturelle Geschichte.  Asiatische Produktionsweise.  Geschichte und Aktualität der russischen Gemeinschaftsstrukturen.  &#8220;Experimentierfeld&#8221; für die Verwirklichung des Sozialismus. Heutige Situation zwischen Nicht-Mehr-Sozialismus, aber Auch-Nicht-Kapitalismus. &#8211; Kurz, sachliche Auseinandersetzung mit dem, was landläufig im Westen &#8220;rusissche Seele&#8221; genannt wird. </span></p>
<p><span style="font-size: medium;">Dazu Texte:  <a title="Was ist das Russische an Russland? Geschichte und Aktualität des russischen Korporativismus" href="http://kai-ehlers.de/?p=1891">Was ist das Russische an Russland? Geschichte und Aktualität des russischen Korporativismus</a> und <a title="Was ist das Russische an Rußland? Der lange Marsch durch Rußlands Strukturen" href="http://kai-ehlers.de/?p=916">Was ist das Russische an Rußland? Der lange Marsch durch Rußlands Strukturen</a> und   <a title="Warum Russland nicht verhungert – Russlands andere, extrapolare Ökonomie." href="http://kai-ehlers.de/?p=860">Warum Russland nicht verhungert – Russlands andere, extrapolare Ökonomie.</a> außerdem: <a title="Weltmacht im Wartestand - ? Oder: Angst vor Russland, warum? Eine Bestandaufnahme jenseits von Putin" href="http://kai-ehlers.de/?p=1964">Weltmacht im Wartestand &#8211; ? Oder: Angst vor Russland, warum? Eine Bestandaufnahme jenseits von Putin</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: medium;">Von meinen Büchern insbesondere:  <a title="Erotik des Informellen.  Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus.  Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation." href="http://kai-ehlers.de/meine-buecher/?buch=erotik-des-informellen">Erotik des Informellen.  Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation.</a> außerdem:  <a title="Russland - Herzschlag einer Weltmacht" href="http://kai-ehlers.de/meine-buecher/?buch=russland-herzschlag-einer-weltmacht">Russland &#8211; Herzschlag einer Weltmacht</a> sowie:  <a title="Kartoffeln haben wir immer - (Über)leben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha" href="http://kai-ehlers.de/meine-buecher/?buch=1">Kartoffeln haben wir immer &#8211; (Über)leben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: medium;"> </span></p>
<p><a title="Auf der Suche nach dem Russischen (Langfassung)" href="http://kai-ehlers.de/?p=1044"></a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die demographische Falle – Beobachtungen zur Kraft der „Überflüssigen“ (Anregungen zur Kritik gängiger Wachstums- und Schrumpfungstheorien)</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/zukunft-heute/2011-01-31-die-demographische-falle-%e2%80%93-beobachtungen-zur-kraft-der-%e2%80%9euberflussigen%e2%80%9c-anregungen-zur-kritik-gangiger-wachstums-und-schrumpfungstheorien</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Jan 2011 09:51:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zukunft heute]]></category>
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		<description><![CDATA[Menschenwürde kann man nicht essen – aber ohne Essen gibt es keine Menschenwürde. Menschenwürde kann man nicht produzieren wie eine Ware – aber ohne Arbeit gibt es keine Menschenwürde. Menschenwürde kann man nicht berühren – aber ohne soziale Beziehungen gibt es keine Menschenwürde. Damit sind drei Bereiche der Realität genannt, die in der Beziehung von Wirtschaft und Menschenwürde untrennbar ineinander greifen: Versorgung, Arbeit, Kommunikation. Versorgung, das ist die ganze Spannbreite vom physischen Unterhalt bis zur Bildung, von der Selbstversorgung bis zur Fremdversorgung. Arbeit, das sind alle Veräußerung von Kraft, Fantasie und Lebenszeit, durch welche Menschen die Welt gestalten; Lohnarbeit ist nur ein besonderer, verabsolutierter Aspekt davon, der heute wieder an seinen Platz gerückt werden muss. Kommunikation, das sind die emotionalen, sozialen und kulturellen Beziehungen, die entstehen, wenn Menschen miteinander und füreinander tätig und aneinander interessiert sind.

Wie entwickelt sich das Dreieck dieser drei Elemente heute? Die Antwort auf diese Frage muss schockieren: In allen drei Bereichen tritt heute ein Problem vor allen anderen in den Vordergrund – die wachsende Zahl der so genannten „Überflüssigen“.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Menschenwürde und Wirtschaft – das sind zwei Begriffe, die uns im Alltag wie selbstverständlich von den Lippen gehen. Tatsächlich ist der eine Begriff heute so wenig selbstverständlich wie der andere. Worin besteht die Würde des Menschen? Wer einmal so zu fragen beginnt, verliert sich schnell in unendlich vielen Antworten.</p>
<p>Die Menschenwürde ist untastbar, lesen wir schließlich im deutschen Grundgesetz; tatsächlich wird sie tagtäglich angetastet, wenn sich – um nur dies zu nennen &#8211; Millionen von Erwerbslosen dem ausgesetzt sehen, was von Kritikern der Hartz IV Regeln mit Recht „Verfolgungsbetreuung“  genannt wird, wie sie durch die Arbeitsämter vorgenommen wird. Und noch gar nichts ist mit diesem Hinweis auf hiesige Verhältnisse darüber gesagt, in welchem Maße Menschenwürde in anderen Teilen der Welt mit Füßen getreten oder einfach missachtet  wird.</p>
<p>Nicht besser geht es uns mit der Wirtschaft. Vor dem Ende der Sowjetunion mochten „Kapitalismus“ oder „Realsozialismus“ bei vielen Menschen noch als reale Definitionen des Wirtschaftens gegolten haben, inzwischen sind solche scheinbaren Definitionssicherheiten auf die Befürchtung geschrumpft, dass „die Wirtschaft“ die Menschheit in die Krise zu treiben drohe, statt deren Überleben zu sichern – ungeachtet der Frage, ob dieser Prozess als Vor-, Spät- oder Nachkapitalismus, als Turbokapitalismus, Globalisierung, als nationaler Sozialismus oder, wie im Falle Chinas, gar noch als Kommunismus bezeichnet wird.</p>
<p>Noch erklärungsbedürftiger ist der Zusammenhang von Menschenwürde und Wirtschaft. Nur so viel ist unbezweifelbar: Menschenwürde kann man nicht essen – aber ohne Essen gibt es keine Menschenwürde. Menschenwürde kann man nicht produzieren wie eine Ware – aber ohne Arbeit gibt es keine Menschenwürde. Menschenwürde kann man nicht berühren – aber ohne soziale Beziehungen gibt es keine Menschenwürde. Damit sind drei Bereiche der Realität genannt, die in der Beziehung von Wirtschaft und Menschenwürde untrennbar ineinander greifen: Versorgung, Arbeit, Kommunikation. Versorgung, das ist die ganze Spannbreite vom physischen Unterhalt bis zur Bildung, von der Selbstversorgung bis zur Fremdversorgung. Arbeit, das sind alle Veräußerung von Kraft, Fantasie und Lebenszeit, durch welche Menschen die Welt gestalten; Lohnarbeit ist nur ein besonderer, verabsolutierter Aspekt davon, der heute wieder an seinen Platz gerückt werden muss. Kommunikation, das sind die emotionalen, sozialen und kulturellen Beziehungen, die entstehen, wenn Menschen miteinander und füreinander tätig und aneinander interessiert sind.</p>
<p>Wie entwickelt sich das Dreieck dieser drei Elemente heute? Die Antwort auf diese Frage muss schockieren: In allen drei Bereichen tritt heute ein Problem vor allen anderen in den Vordergrund – die wachsende Zahl der so genannten „Überflüssigen“. Damit sind die Menschen gemeint, die in zunehmender Zahl aus dem Kreislauf von Arbeit, Versorgung und Kommunikation herausfallen oder gar nicht erst zu einem Bestandteil dieses Kreislaufes werden, weil ihre Arbeitskraft zunehmend durch Maschinen, beschleunigt durch Elektronik, generell gesprochen, durch Intensivierung der Produktion ersetzt wird. Zugleich werden die Strukturen traditioneller Selbstversorgung und Möglichkeiten einer Eigentätigkeit vor Ort zunehmend zerstört, sodass die Menschen von der Versorgung mit Fertigprodukten der Industrie abhängig werden, die sie aber – mangels Einkommen – nicht oder nur ungenügend erwerben können. Das betrifft auch für die Nutzung der Kommunikationsmittel von heute.</p>
<p>In der „Wirtschaft“, präziser, im Gefolge des technologischen Fortschritts der Industrialisierung entsteht so eine doppelte Entwürdigung des Menschen, der in die vollkommene Abhängigkeit von industrieller Fremdversorgung verfällt – der eine durch Ausgrenzung vom gemeinsamen Wohlstand, ohne noch auf minimale Versorgung durch Eigentätigkeit zurückgreifen zu können, der andere, der – in die intensivierte Produktion eingeschlossen – durch einen sich in mörderischer Weise beschleunigenden Arbeitsdruck zwar über die finanziellen Mittel, aber nicht mehr über die Kraft und die Fähigkeit verfügt, sich noch ausreichend um sich selbst als Mensch zu kümmern.</p>
<p>Merke gut: Dies alles geschieht, obwohl der industrielle Entwicklungsprozess evolutionär betrachtet eine zunehmende Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit beinhaltet, sein Überleben durch Einsatz seiner physischen Arbeitskraft zu sichern. „Eigentlich“ liegt in dieser zunehmenden Freisetzung „überflüssiger“ Kräfte bei steigender Produktivität heute die Chance für die unterschiedlichen Gesellschaften, für die Menschheit insgesamt, sich mehr als bisher anderen Aufgaben als denen des bloßen physischen Überlebens zuzuwenden. Das sind gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines Zuwachses an Menschenwürde, wenn wir Menschenwürde an der Fähigkeit des Menschen messen, sich als Mensch zu verwirklichen – und wenn die Verhältnisse, unter denen die „Überflüssigen“ heute freigesetzt werden, als das erkannt werden, was sie sind, als Überfluss nämlich, und dieser Überfluss für diese Verwirklichung genutzt wird, indem die „überflüssigen“ Kräfte zu Eigeninitiativen aller Art ermutig werden, statt sie als Arbeitslose unter Kontrolle zu halten. Die Umwandlung der jetzigen kontrollierten Sozialfürsorge in ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen, das die materielle und kulturelle Basisversorgung eines jeden Menschen sichert, wäre dazu ein richtiger Schritt.</p>
<p>Eine weitere Tatsache rückt allerdings an dieser Stelle in den Blick, die das Problem gewissermaßen verdoppelt: Zeitgleich zur Freisetzung der „Überflüssigen“ aus dem Wirtschaftsprozess steigt die Zahl der Menschen auf dem Globus exponentiell an. Heute teilen sich 6,3 Milliarden Menschen den Globus, 2020 werden es ca. 9 Milliarden sein. Zwar sind sich Demographen aller Länder darin einig, dass die Kurve der jährlichen Zuwachsrate der Weltbevölkerung sich abgeflacht habe, die Dynamik des Wachstums trotz absolut steigender Bevölkerungszahlen rückläufig sei, das Gespenst einer allgemeinen „Bevölkerungsexplosion“, welche die „Tragfähigkeit“ des Globus sprengen werde also gebannt sei, dafür habe sich aber eine gefährliche „Disproportion“ des realen Wachstums herausgebildet. Salopp gesprochen ist auch tatsächlich zu konstatieren: Die Bevölkerungen der „westlichen“ Industrieländer schrumpfen, einschließlich Russlands, das von dieser Entwicklung am krassesten betroffen ist, die Länder des globalen „Südens“ dagegen erreichen Geburtenraten, die um ein Vielfaches über denen der „westlichen“ Länder liegen. Das gilt vor allem für Afrika, Indien und die Mehrheit der muslimischen Länder, nicht dagegen für China, dessen Zuwachsrate, bei steigender absoluter Zahl der Menschen dort, ebenfalls deutlich abgeflacht ist.</p>
<p>US-Geheimdienste – und in ihrem Gefolge europäische Popularisierer ihrer Erkenntnisse wie Gunnar Heinsohn, Völkermordforscher aus Bremen und nach ihm Thilo Sarrazin – haben es sich zu Aufgabe gemacht, für dieses Szenario Strategien zu entwickeln.  Seit 1990, genau genommen seit der globalen Wende zum Ende der Sowjetunion, zeitgleich mit dem großen Sprung in die „Globalisierung“ der Wirtschaft, sprechen sie nacheinander von der Gefahr einer demografischen Globalkrise, die in den kommenden Jahren, spätestens 2020/2030 auf die „entwickelte“ Welt zukomme, dann nämlich, wenn all diese jungen Menschen – im Jargon der Dienste: „Youth bulge“ genannt, Jugendüberschuss – in ihren jeweiligen Geburtsländern keine gesellschaftlichen Positionen mehr fänden, in denen sie ihre Ansprüche ans Leben verwirklichen könnten, während in den Industrieländern die jungen Menschen fehlten. Hieraus erwachse eine fundamentale Bedrohung der globalen Zivilisation, die es präventiv abzuwehren gelte. Dass mit dieser Zivilisation die „westlich“ dominierte gemeint ist, versteht sich schon fast von selbst, sei aber trotzdem erwähnt.</p>
<p>Von einer 80:20-Welt, bzw. Einfünftelgesellschaft war angesichts dieser ökonomischen und demografischen Daten bereits auf jener legendären Tagung die Rede, die Michail Gorbatschow im September 1995 im Fairmont-Hotel in San Francisco zusammenrief, um in einem „globalen Braintrust“ ausgesuchter „VIPs“ die Zukunft der Welt zu beraten.  Als Hauptthema kristallisierte sich heraus, was mit dem Heer der „Überflüssigen“ geschehen solle, die aus dieser Verdoppelung von Freigesetzten und globalem Bevölkerungszuwachs resultiere. Bekannt wurde der Vorschlag des einschlägig berüchtigten US-Strategen Sbigniew Brzezinski , ein globales „tittytainment“ einführen zu wollen. Die von ihm gewählte Wortschöpfung verbindet das englische Wort für die weibliche Brust, hier im nährenden Sinne, mit dem des „entertainments“ zu einer zeitgemäßen Variante des im alten Rom entwickelten Prinzips von „Brot und Spielen“. Ziel ist, 80% der Menschheit auf diese Weise „stillen“ zu wollen.</p>
<p>Über den zynischen Charakter dieser Vorstellung, die glaubt, 80% der Menschheit auf kontrollierte Konsumenten reduzieren zu können, muss hier nicht lange räsoniert werden. Wichtiger ist festzuhalten, dass eine solche Vorstellung – allen berechtigten Befürchtungen und Kritiken zum Trotz – nicht eins zu eins umgesetzt werden kann. Schon die dafür notwendigen Manipulations- und Kontrollsysteme dürften schwierig zu installieren und zu betreiben sein; aber davon ganz abgesehen, liegt der eigentliche Grund für die Schwierigkeiten der Verwirklichung einer solchen Strategie schon in den Widersprüchen der gegenwärtig herrschenden globalen Wirtschaftsmechanismen. Die funktionieren nur dann, wenn der Kreislauf von: Kapital, Ware, mehr Kapital stattfinden kann. Dafür braucht es aber Konsumenten, die über Geld zum Kauf der Waren verfügen. Ausgegrenzte, „Überflüssige“, „Unterentwickelte“ haben dieses Geld nicht. Eine Verkürzung des Kreislaufes auf: Kapital gleich mehr Kapital kann dieses Problem aber auch nicht lösen, sondern führt – wie die Krisenentwicklung der letzten Zeit gezeigt hat – unweigerlich noch tiefer in die Krise. Aus ihr hilft auch massenhafter Druck von Geld nicht heraus, weil dieses Geld ebenfalls im Spekulationshimmel, statt bei den Konsumenten und in der Warenproduktion landet, wenn die Gelder für soziale Unterstützung der Erwerbslosen gleichzeitig zusammengestrichen werden.</p>
<p>Eine Lösung könnte einzig und allein in der Verlängerung der Vorstellungen Brzezinskis zur Einführung eines allgemeinen bedingungslosen Grundeinkommens für alle Menschen liegen. Mit einer solchen Maßnahme, und dies auch noch mit Blick auf die globale Gesellschaft, würde jedoch bereits der Raum eines gänzlich anderen Verständnisses von Wirtschaft und – was noch wichtiger dahinter steht – vom Wert des Menschen, von der Menschenwürde betreten. Es müsste dann heißen: Orientierung der Wirtschaft am Bedarf, nicht an der Selbstverwertung des Kapitals; neue Arbeitsteilung, die produktive wie nicht produktive Arbeiten auf alle Menschen verteilt; Einbeziehung aller Menschen in die Gesellschaft, statt Ausgrenzung der „Überflüssigen“ als stillzulegender oder gar zu entsorgender „menschlicher Müll“.</p>
<p>Es ist offensichtlich, dass eine solche Ausweitung nicht im Sinne des von Brzezinski vorgeschlagenen „tittytainments“ liegt. Für den Fall jedoch, dass die gewünschte Stilllegung nicht gelingen sollte, gehen aus den US-Studien von 1990, die dem 80:20-Szenario von 1995 und auch den daraus abgeleiteten Ausführungen Heinsohns zugrunde liegen, denn auch effektivere Varianten zum Umgang mit der dort beschriebenen Bedrohung hervor, die hier nur angedeutet werden können, aber eine weitere Betrachtung unbedingt fordern: Sie beginnen mit dem aktiven Export der westlichen „Eigentumsordnung“, verbunden mit einer gefilterten Immigration aus den Ländern des Bevölkerungsüberschusses in die Industriestaaten. Die Besten aus dem Heer der „Überflüssigen“ sollen hereingelassen,  die Unerwünschten dagegen an den Grenzen abgefangen werden. Ergänzend dazu wird über die nützliche Funktion von Bürgerkriegen in Ländern mit „Youth bulges“ nachgedacht, auch über Kriege zwischen solchen Ländern, in denen die Überschüsse „abgebaut“ werden könnten. Für alle Fälle müsse „man“ sich schließlich auch auf präventive militärische Eingriffe vorbereiten, mit denen „man“ jenen unter den „Youth bulge“-Ländern zuvorkommen müsse, welche die technischen Fähigkeiten zu möglichen Aggressionen gegenüber den industriellen Zentren erkennen ließen.</p>
<p>Die Wirklichkeitsnähe dieser strategischen Überlegungen lässt sich an der US-Politik der letzten Jahre, einschließlich des gegenwärtigen globalen Ausbaues der NATO zum allgemeinen Krisenmanager bestens nachbuchstabieren.  Klar ist aber, dass auch diese Strategien keine Lösung, sondern selbst Teil des Problems sind, schlimmsten Falles sogar seine Zuspitzung zur  allgemeinen Katastrophe. Besonders deutlich wird dies an den Vorschlägen zum Export der „Eigentumsordnung“, die Heinsohn als Alternative einer zukünftigen Wirtschaftsordnung anbieten möchte, wenn sie nach dem Beispiel der europäischen Entwicklung über die bloße „Produktion“ von Bevölkerungsüberschuss hinausgehe. Heinsohns Begründungen dafür sind nicht sonderlich originell, lassen aber den Kernpunkt klar heraustreten, wohin die herrschenden Strategien zielen, wo demgegenüber grundsätzliche Veränderungen anzusetzen hätten, wenn sie nicht Wiederholungen, Verfestigungen oder gar katastrophale  Zuspitzungen der bestehenden Wirtschaftsweise sein sollen.</p>
<p>Hier aber erst einmal Heinsohns Beschreibung: Er baut seine ganze Argumentation auf der Unterscheidung von Besitz und Eigentum auf. Durch den Übergang von der Besitz- zur Eigentumsordnung sei Europa groß geworden. „Ein Teil der Autoren redet  &#8211; und meint das kritisch – von Kapitalismus, ein anderer von „Marktwirtschaft. (kursiv – Heinsohn) Beide wollen damit den entscheidenden Beweger des Wirtschaftens jeweils möglichst knapp umreißen. Die Basis des Wirtschaftens liegt aber weder im Kapital  noch im Markt, sondern im Eigentum. Das kann man nicht sehen, riechen, schmecken oder anfassen, weil es ein papierener Rechtstitel ist.“  Die Unterscheidung von Besitz und Eigentum sei für das Verständnis des Wirtschaftens fundamental, weil nicht Besitz, sondern erst verbrieftes Eigentum die Möglichkeit gebe, Schuldverpflichtungen gegen Kredit und Zins einzugehen. Mit Besitz werde nicht „gewirtschaftet“, so Heinsohn, er werde lediglich „physisch benutzt“. Dass aber „Zins als entscheidende Zugkraft des Wirtschaftens am Eigentum haftet“, werde allgemein schlecht verstanden.</p>
<p>Am Beispiel des Ackers kommt Heinsohn dann zum Punkt: „Zur geschäftlichen Verwendung eines Ackers – also zum Wirtschaften mit ihm – kann es erst kommen, wenn zum Besitzrecht noch ein Eigentumstitel hinzutritt.  Man kann sagen, dass mit dem Acker produziert, mit dem Zaun, der ihn umgibt jedoch gewirtschaftet wird, wobei er den Eigentumstitel symbolisiert und nicht nach Draht und Pfosten betrachtet wird, die es auch in Besitzgesellschaften geben kann.  Während der Bauer einer Eigentumsgesellschaft seine Feldmark – durch eigenen Verbrauch oder durch Verpachten – als Besitzer nutzt, kann er mit dem Eigentumstitel an ihr gleichzeitig und eben zusätzlich wirtschaften. Er kann diesen Titel für das Leihen von Geld – Mark z.B. – verpfänden, oder er kann ihn für die Bereicherung des von ihm selbst emittierten Geldes – wiederum Mark – belasten. Die Geldnote – ob auf Metall oder Papier gedruckt – ist also ein Eingriffsrecht in das Eigentum ihres Emittenten und kommt nur durch Schuldenmachen in die Welt.“</p>
<p>Wirtschaften, um es deutlich herauszuholen, ist in dem von Heinsohns beschriebenen Modell also die private Aneignung eines Stück Landes (oder anderer Objekte), die andere Menschen von diesem Gebrauch ausschließt – eben einen „Zaun“ um das abgesonderte Eigentum errichtet. Auf dieser Basis erhebt sich, von ihm als positiv beschrieben, die Pyramide von Zins und Zinseszins, mit der erst Europa, heute der “Westen“ die übrige Welt in die Kredit- und Zinspflicht gebracht hat. Mit dieser Beschreibung liegt Heinsohn durchaus richtig. Treffender und aktueller als mit dem Bild des „Zaunes“ hätte er dieses Modell, das hier als Lösung, noch dazu als neue in die Welt gebracht werden soll, nicht umreißen können: Bei ihm nur bildlich gemeint, sind die Zäune, mit denen sich die sich die „Leistungsträger“ der sich herausbildenden 20:80-Gesellschaft von den „Überflüssigen“ absetzt, inzwischen ja gesellschaftliche Realität geworden. Man denke nur an die Zäune der EU in Tunesien und demnächst zwischen Griechenland und der Türkei, an die Zäune, mit denen sich die Reichen in den Metropolen selbst vor der armen Umgebung abschotten.  Es ist klar, dass dieses Modell nur tiefer in die Krise führen kann.</p>
<p>Wichtig und interessant ist es deshalb sich die Gegenentwürfe anzuschauen, die heute in der Kritik der möglichen 20:80 Zukunft weltweit an verschiedenen Orten entstehen. Nehmen wir die jüngste Veröffentlichung von Jeremy Rifkin , der als Amerikaner, weltweit anerkannter Zukunftsforscher und Berater von EU-Gremien nicht im Verdacht eines Schwärmers steht. Eher könnte er schon als gewissenhafter Buchhalter der Alternativdenker durchgehen, der sich um die wissenschaftlich korrekte Auflistung zukünftiger Weltbilder bemüht.</p>
<p>Unter dem Titel „Die empathische Zivilisation“ hat Rifkin eine Zusammenfassung der heute zu beobachtenden Entwicklungstendenzen der menschlichen Gesellschaft vorgelegt. Darin beschreibt er die Evolution der Gesellschaft als eine durchgehende Aufwärtsspirale von Fortschritt durch Empathie, Zusammenbruch, erneutem Fortschritt mit gewachsenen Empathiekräften, wieder Zusammenbruch bis hin zur heutigen entropischen Krise. Dabei versteht Rifkin unter Empathie die Fähigkeit des mitfühlenden miteinander Lebens, unter Entropie im Sinne des wissenschaftlichen Begriffes: Unordnung im Raum, sozial gesehen: Zerfall, Zerstörung, Zusammenbruch von Kulturen, Reichen, Zivilisationen. „Wir sind an einem Punkt angelangt“ schreibt er in seiner Einleitung, „an dem der Wettlauf  zwischen globalem empathischen Bewusstsein und globalem entropischen Zusammenbruch vor der Entscheidung steht.“  Das globale Bewusstsein, vom dem Rifkin hier spricht, nennt er schließlich eine „Lebensweise, in der die Menschen sich in einem „empathischen Biosphärenbewusstsein miteinander auf einer neuen Kulturstufe kooperierend verbinden“.</p>
<p>Wie Heinsohn beschreibt Rifkin zunächst den Übergang vom Besitz zum Eigentum, der erst die Entwicklung bis zum heutigen Stand der Zivilisation ermöglicht habe. Dann aber zeigt er auf, dass die Entwicklung der Produktions-, Verteilungs- und Konsumstrukturen der heutigen globalisierten Wirtschaft über den privatisierenden Eigentumsbegriff hinausweise. Die Basis dafür sieht Rifkin im geraden Gegensatz zu Heinsohn in der „Wiedererweckung des kulturellen und öffentlichen Kapitals“. Die hochgradige Dezentralisierung und Vernetzung des Kapitals, des Konsums wie auch des alltäglichen, durch globale Kommunikation intensivierten Lebens löse das Verständnis von Eigentum als Ausgrenzung durch die „Wiedererweckung“ eines Eigentumsbegriffes ab, in dem Eigentum wie seinerzeit in den vorkapitalistischen Gesellschaften nicht den Ausschluss von, sondern „Zugangsrechte“ zum gemeinsamen Besitz definiere. Eigentum werde in zunehmendem Maße wieder als die Berechtigung verstanden, Zugang zum gemeinsamen Kapital zu haben – so wie in vorkapitalistischer Zeit zu Feld, Wald, Allmende oder Gerätebestand eines Dorfes. Heute und in absehbarer Zukunft gehe es um das Recht auf Versorgung mit Grundelementen der allgemeinen Infrastruktur, des Weiteren mit Wärme, Wasser, Luft, um das gemeinsame Wissen im Netz usw.</p>
<p>Rifkin skizziert also eine Entwicklung, die dem 20:80 Modell diametral entgegenläuft. Es ist ein Modell, das nicht auf Ausgrenzung einer Mehrheit von Menschen aus einer zum Privateigentum einer Minderheit erklärten Welt zielt, sondern auf Nutzungsmöglichkeiten für alle zu einem als Gemeinschaftsbesitz verstandenen Kapital, wobei „Kapital“ das gesamte bisher im Laufe der Menschheit geschaffene ökonomische und kulturelle Vermögen umfasst, einschließlich der Beschaffenheit unseres Planeten, die Lebensgrundlage für die Existenz der gesamten Zivilisation ist.</p>
<p>Hier möchte ich Rifkins Skizze der möglichen Welt von morgen verlassen. Bis hierhin konnte ich mich seiner Beschreibung weitgehend anschließen. Siehe dazu auch meine eigene Darstellung dieses Sachverhaltes in dem Buch „Grundeinkommen als Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“ , in dem die Frage der Wiederkehr des Nutzungsrechtes im Rahmen eines als historische Gemeinschaftsleistung der Menschheit verstandenen Kapitals ausführlich erörtert wird.</p>
<p>Die abschließenden Prognosen Rifkins jedoch unter dem Stichwort der „Selbstinszenierung einer Improvisationsgesellschaft“, in welcher er die Zukunft als „Dramatisierung“ des Lebens in den Kommunikationsnetzen des virtuellen Raums beschreibt, wird den sozialen Herausforderungen der 20:80 Perspektive aus meiner Sicht nicht gerecht. Die mit dem 20:80-Problem verbundenen Fragen sind mit der bloßen Vernetzung in einer globalen Kommunikation analytisch nicht in ihrer Widersprüchlichkeit erfasst und praktisch so nicht zu meistern – weder in ihren negativen Auswirkungen, noch in den darin liegenden Chancen. Es wirken ja außer der Kommunikation, im Fall der Missachtung auch hinter unserem Rücken, noch die beiden anderen Bestandteile des Wirtschaftens: Versorgung und Arbeit. Erst in Verbindung mit ihnen gewinnen die heutigen und noch zu erwartenden Möglichkeiten der Kommunikation ihren Charakter – als Instrumente der globalen Freisetzung von Kreativität, produktiver sozialer Aktivität und eigenen Entwicklungsmöglichkeiten für die Millionenscharen „Überflüssiger“, wie mit Rifkin zu hoffen ist, oder der Manipulation im Sinne des „tittytainment“ und schlimmsten Falles direkter repressiver Kontrolle.</p>
<p>Deshalb sei hier noch ein weiteres Element in die Betrachtung eingeführt, das unbedingte Beachtung verdient. In der Regel wird es bei Analysen der heutigen Entwicklungsdynamiken vergessen, übergangen, nicht selten auch aktiv unterschlagen. Die Rede ist von den seit dem Ende der Sowjetunion unternommenen Versuchen, die russischen Gemeinschaftsstrukturen zu privatisieren und von den Wellen, die davon auf die globale Entwicklung ausgehen. Ich will diese Frage hier nicht im Detail ausführen und verweise auch dafür auf das schon erwähnte Buch zur „Integrierten Gesellschaft“ und weitere Veröffentlichungen von mir zur Analyse der Geschichte und der Aktualität der russischen, nachsowjetischen Gemeinschaftsstrukturen.</p>
<p>So viel aber muss hier gesagt werden: Trotz aller Bemühungen der russischen Reformer wie auch ihrer Stichwortgeber und Mitstreiter der internationalen Kapitale – angefangen bei Jeffrey Sachs  Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts bis hin zu den verzweifelten Modernisierungskampagnen des gegenwärtigen russischen Tandems, das Dimitri Medwedew und Wladimir Putin bilden – ist es bisher nicht gelungen, die traditionellen Gemeinschaftsstrukturen Russlands aufzulösen und in privatkapitalistische Monopolstrukturen zu überführen. Nach wie vor dominiert eine nicht aufgelöste Kombination zwischen der durch die Verfassung deklarierten privaten Eigentumsordnung und korporativen Wirtschafts- und Lebensstrukturen. Immer noch existieren ganze Lebensgemeinschaften, zu denen sich Großbetriebe, industrielle wie auch agrarische, Dörfer und Städte verbinden, nicht selten mit regionalen Vernetzungen.</p>
<p>Aus westlichem Blickwinkel, auch aus dem Blickwinkel westlich orientierter Reformer in Russland selbst wird diese Realität in der Regel als Korruption wahrgenommen. Tatsächlich handelt es sich hier um Elemente, nicht selten inzwischen auch in degenerierter Form, gemeinschaftlicher, nicht privateigentümlicher Eigentumsverhältnisse, die ihre Wurzeln noch in der Zarenzeit haben, durch die Sowjetunion noch einmal tiefer in die öko-sozialen Strukturen des Landes und in das soziale Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben und bisher nicht vollends transformiert, aufgelöst oder zerstört werden konnten. Kurz und knapp gesagt: Es geht um eine Kombination von Produktion und in Russland so genannter „familiärer Zusatzwirtschaft“, in der die Selbstversorgung vor Ort ein konstituierender Bestandteil der Volkswirtschaft war – und heute noch ist. Die Privatisierung, sprich auch die Kapitalisierung hat nur Teile der Bevölkerung, nur Teile des Landes, generell kann man sagen, nur einige Bereiche des Lebens und der Gesellschaft erreicht, andere Bereiche und Teile zeigen sich aller oberflächlichen Modernisierung zum Trotz resistent.</p>
<p>Diese Organisation des Lebens setzt sich auch heute als Symbiose von industrieller Modernisierung im Geiste westlicher Industriekultur und nach wie vor bewusst gepflegter Strukturen der familiären und auch gemeinschaftlichen Selbstversorgung fort. Supermarkt und Datscha (also familiäre oder auch gemeinschaftliche Zusatzversorgung im Garten, auf dem eigenen kleinen Feld und im Hofgarten), Fremdversorgung und Eigenversorgung halten sich auch heute in der Versorgung der Bevölkerung mit alltäglichen Grundnahrungsmitteln die Waage. Auf dem Höhepunkt der letzten Krise 2008/2009 war die Datscha in dieser Bedeutung neben dem Stabilisierungsfonds aus den Erdöleinnahmen das zweite Standbein für die Erhaltung der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität. Putin forderte die Unternehmen, die sich im Zuge der Privatisierung ihrer sozialen Aufgaben entledigt hatten, ausdrücklich und unter Androhung von Sanktionen auf, in ihre korporativen Pflichten gegenüber Dörfern, Städten, Regionen wieder einzusteigen. Kurz, von Russland geht heute die Botschaft aus, dass die westliche Eigentumsgesellschaft nicht die einzige Antwort auf die Frage ist, wie ein Leben nach dem Ende der sozialistischen Utopie aussehen könnte, das den Menschen nicht nur einen erhöhten Konsum ermöglicht, sondern auch noch eigene Entfaltungsmöglichkeiten im Rahmen ihrer Eigenversorgung belässt.</p>
<p>Zweifellos ist die russische Entwicklung kein Modell, das direkt auf andere Länder übertragbar wäre, vor allem nicht auf solche, in denen Selbstversorgung nur noch als Kriegserinnerung lebt wie in Deutschland oder auf andere Teile der Welt, in denen die Reste lokaler Selbstbewirtschaftung soeben zerstört werden wie in den ehemaligen Kolonien Europas, die heute in die „Moderne“ stürzen. Ja, es ist nicht einmal sicher, wie weit der Pendelschlag der Privatisierung die Zerstörung der traditionellen Gemeinschaftsstrukturen Russlands noch vorantreibt, sicher ist dennoch, dass erstens jedes Pendel umkehrt, wenn sein Schwung ausläuft; das kulturelle Gedächtnis der Menschen, ebenso wie die gewachsenen Strukturen eines Raumes gehen nicht verloren, sie gehen als Element in die zukünftige Entwicklung ein. Das lässt für Russland eine lebendige Symbiose zwischen Industrieproduktion und den lange gewachsenen Traditionen der gemeinschaftlichen Eigenversorgung erwarten. Welche Form diese Symbiose annimmt, wird sich zeigen, sicher aber wird es kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch geben, in dem Fremd- und Eigenversorgung, Individualisierung und Gemeinschaftstradition einander in neuer Gestalt mischen und ergänzen.</p>
<p>Ungeachtet dessen aber, das sei noch einmal betont, geht von der Realität der russischen Transformation schon jetzt die Erkenntnis aus, dass „der Kapitalismus“ mit seiner aggressiven Fremdversorgung nicht das letzte Wort der Geschichte ist, sondern selbst nur ein Übergang in eine Wirtschafts- und Lebensordnung, die nicht nur materielle Grundbedürfnisse befriedigt, sondern auch noch die Chance zur Entfaltung eigener Kräfte im familiären wie im gemeinschaftlichen Rahmen gibt.</p>
<p>In Deutschland, aber auch anderen Orten der Welt hat schon längst eine Bewegung eingesetzt, die Vorstellungen dieser Art sucht und versucht sie in die Praxis umzusetzen. Unterschiedlichste Modelle sind entstanden, die nahezu alle den Bedarf, nicht den Profit um des Profites willen, in den Mittelpunkt rücken – eine Versorgung, die sich nicht nur auf Fertigprodukte stützt, sondern Eigenversorgung mit einbezieht, eine Organisation der Arbeit, die produktive und „überflüssige“ Tätigkeiten gerecht und lebensfördernd verteilt, die Intensivierung der Beziehungen zwischen den Menschen, welche die Menschen emotional, geistig und spirituell fördert. In Ansätzen werden auch lokale und regionale Räume mit in die neue Organisation des Lebens einbezogen.</p>
<p>In all diesen Experimenten wird eine Zukunft sichtbar, in der kein Mensch „überflüssig“ ist, sondern jede Frau, jeder Mann, jedes Kind, gleich ob gesund oder krank, jung oder alt, ob praktisch orientiert oder eher spirituell, ihre oder seine Daseinsberechtigung, Aufgaben, materielle und emotionale Versorgung im gemeinschaftlichen Geschehen hat. Vieles muss hier, besonders in der Beziehung von Individuum und Gemeinschaft, noch ausprobiert werden, und es wäre gut, wenn die Erfahrungen aus der nachsowjetischen, aufbauend auf der russischen Geschichte darin mit eingehen könnten, die leider immer noch verdrängt werden. Die Traumata von Zwangskollektivismus jeglicher Couleur, stalinistischen wie faschistischen, individualistische Irrwege auf der anderen Seite müssen noch erkannt und praktisch überwunden werden. Die neuen Formen des zusammen und doch individuell Arbeitens müssen ausprobiert werden, ohne in Gemeinschafts-Dogmatismus oder individualistische Anarchie zu verfallen. Praktisch sind viele diese Gemeinschaften zudem Probierfelder dafür, ob ein Grundeinkommen den Realitäten einer gemeinsamen Ökonomie standhält.</p>
<p>All dies sind hohe Herausforderungen, die diese Gemeinschaften zu Experimentatoren für eine Lebensweise machen, in der – schlicht gesagt – der Mensch wieder oder vielleicht besser gesagt, endlich im Mittelpunkt steht, jetzt aber nicht nur als Arbeitskraft, die ausgebeutet wird und als Konsument, der den Warenumsatz und damit den Profit garantiert, sondern in seinem Wert als schöpferisches Wesen, das seinen Wert darin hat, sich in Gemeinschaft mit anderen Menschen als solches zu entwickeln. Es ist zu hoffen  und daran zu arbeiten, dass diese Impulse auch die übrige Gesellschaft erreichen.</p>
<p>Kai Ehlers,<br />
www.kai-ehlers.de</p>
<p>Dieser Text erschien auch in: Entgegensprechen, Teil 2. Schöpfungskraft Wirtschaft, herausgegeben vom KunstRaumRhein, Edition gesowip, Basel 2011.  Bezug über KunstRaumRhein, Postfach, CH–4005 Basel 5, oder den Buchhandel.</p>
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		<title>Krise:  Suchbild Russland – wo ist der Fehler?</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Oct 2009 15:01:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Wir haben uns verrechnet. Der Absturz geht wesentlich tiefer“, das erklärte der russische Präsident Medwédew gegen Ende des letzten Monats. 
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            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ff0000;">„Wir haben uns verrechnet. Der Absturz geht wesentlich tiefer“, das erklärte der russische Präsident Medwédew gegen Ende des letzten Monats.</span> Man habe mit 2% Rückgang des Bruttosozialprodukts gerechnet, nun werde ein Einbruch von 8,5% erwartet. Es werde eine zweite Welle der Krise geben, die vermutlich nicht vor 2012 ende.<br />
Schon in den Wochen zuvor hatte Medwédew mehrfach öffentlich seine Unzufriedenheit kundgetan. Er nannte Russland „rückständig und korrupt“, sprach von „erniedrigender Rohstoffabhängigkeit“, von einer Wirtschaft, welche die Bedürfnisse des Menschen ignoriere wie zu Sowjetzeiten. 	Schuld daran sei die „exzessive staatliche Präsenz“ in der Wirtschaft und die Tatsache, dass die Unternehmer eher auf Wsjátkis, Schmiergelder setzten, statt nach „talentierten Erfindern“ zu suchen und Innovationen zu entwickeln. Offenbar gehöre es nicht zur russischen Tradition, so Medwédew, sich selbst zu verwirklichen. Auch der Regierungsapparat arbeite „schleppend“ etwa bei der Vergabe staatlicher Bürgschaften.<br />
„Wir arbeiten sehr langsam, für eine Krise zu langsam“, erklärte der Präsident.<br />
Heftig kritisierte er auch eine mangelhafte Entwicklung des öffentlichen Dialoges. Er rief seine Landslaute dazu auf, gegen Korruption, Passivität und Trunkenheit anzugehen und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, statt den Staat für die eigenen Probleme verantwortlich zu machen. Natürlich solle man westliche Modelle nicht „mechanisch kopieren“, eine „Konfrontation und Isolierung“ sei aber ebenfalls gefährlich.<br />
So eine Philippika hatte man in Russland lange nicht gehört. Kritiker, die es immer schon gewusst haben, durften sich bestätigt fühlen. Bahnen sich Entzweiungen zwischen Medwédew und Putin an? Schließlich gilt die Kritik der Regierung indirekt Putin. Droht Russland unter der Krise zusammenzubrechen oder – die andere Variante – sind die öffentlichen Ermahnungen des Präsidenten etwa Signale einer neuen Westöffnung Russlands?<br />
Zwei Ansichten stehen zu diesen Fragen scheinbar hart gegeneinander, beide interessanterweise in derselben Ausgabe der einschlägigen „Russlandanalysen“ nachzulesen. (September Nr. 187) Da finden sich zunächst unter der Überschrift „Russlands finanzielle Verwundbarkeiten“ die gleichen Punkte, die auch Medwedew beklagt:<br />
•	Abhängigkeit von Rohstoffexporten.<br />
•	 Stockende Finanzströme zwischen den Sektoren der russischen Wirtschaft, die das „Schreckgespenst der „Demonetarisierung“ des Landes entstehen ließen.<br />
•	Eingeschränkte Mittel für die „Modernisierung bis zum Jahr 2020“, weil staatliche Fördergelder fehlten.<br />
Ein paar Statistiken weiter, die diese Erwartungen mit Zahlen begleiten, werden unter der Überschrift: „Russische Direktinvestitionen im Ausland. Weiterer Anstieg trotz der globalen Krise“ reichlich Fakten dazu vorgetragen, in welchem Umfang russisches Kapital zur Zeit auf den internationalen Kapitalmarkt drängt.<br />
Das pure Gegenteil also: „Nach dem zwar noch relativ moderaten  aber beständigen jährlichen Wachstum  von um die 10% in den 1990er Jahren schossen die Direktinvestitionen aus Russland in den folgenden Jahren steil in die Höhe – zwischen 2000 und 2007 wuchsen sie um mehr als das Zehnfache.“<br />
Und zur jetzigen Situation: „Obwohl die multinationalen Unternehmen mit Sitz in Russland – wie alle Großkonzerne – 2008 einen erheblichen Wertverlust ihrer internationalen Aktiva hinnehmen mussten, wachsen die Direktinvestitionen aus Russland auch nach Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise weiter.“<br />
Mit dieser Entwicklung stehe Russland neben China zur Zeit einzig da. Zudem merkt der Autor dieser Untersuchung noch an, die Statistiken zu diesen Daten würden dadurch verzerrt, dass ein großer Teil der russischen  Investitionen im Ausland nicht direkt aus Russland, sondern über Offshore-Zonen  und Steueroasen abgewickelt werde.<br />
Hintergrund all dieser Geschäfte, bleibt zu ergänzen, sind die bisherigen rigiden Versuche des Westens, insonderheit der EU, russische Investitionen im westlichen Ausland mit allen Mitteln zu unterbinden.<br />
An Beispielen für solche russischen Geldanlagen mangelt es in dem Heft nicht: Da ist zunächst Gasprom, dessen Versuche, sich eine Verwertungskette in Europa und anderswo aufzubauen unter den Stichworten Ostseepipeline, Süd-Pipeline uam. hinlänglich bekannt sind. Zu nennen sind auch die vorübergehenden Beteiligungen der Oligarchen Deripaska beim deutschen Bauriesen Hochtief, Rustam Aksenenkos bei der deutschen Firma Escada, schließlich noch  Alexej Morschadow mit 15% bei TUI, die Finanzierung von Magna/Opel durch die russische Sperbank und den russischen PKW-Produzenten GAZ und schließlich die Übernahme der Schiffswerft Wadan durch das Vorstandsmitglied bei Gasprom, Igor Jusofow. Damit sind nur die Größten benannt.<br />
Nicht erwähnt wird der erfolgreiche Versuch der russischen Regierung, mit dem Projekt „ROSNANO“ durch ein supergünstiges Kreditierungsangebot an ausländische Wissenschaftler und Unternehmensgründer in Spe modernste NANO-Technik ins Land zu ziehen.<br />
So widersprüchlich diese Analysen ausländischer Beobachter, so widersprüchlich ist auch das Verständnis in Russland selbst: Boris Kagarlitzki, im Westen bekannt als scharfsinniger Kopf der russischen Globalisierungsgegner versteht Russlands Auslandsinvestitionen als Ausverkauf des russischen Reichtums: Russland, so Kagarlitzki, sei gezwungen, mit seinem Kapital die westlichen Konzerne zu sanieren, nachdem die sich dadurch in Schwierigkeiten gebracht hätten, dass sie durch Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer die Produktion hochgetrieben, die globale Konsumkraft dadurch aber soweit gesenkt hätten, dass sie auf ihren Produkten sitzen blieben. Russland sei gezwungen, seine aus dem Verkauf der Ressourcen angesparten Notgelder jetzt dafür einzusetzen, diese Konzerne zu retten, wenn es nicht selbst mit untergehen wolle.<br />
„Das“, so Kagarlíztzki, „ist gut für die internationalen Konzerne, aber schlecht für Russlands Arbeiter, die in verrottenden heimischen Betrieben zurück bleiben, wo es manchmal nicht einmal mehr für Lohnzahlungen reicht.“<br />
Im russischen „bísnes“ dagegen sieht man die Krise als Chance, sich billig in die internationalen Kapitale einzukaufen. „Bolschói Poker“, ein großes Pokerspiel gehe vor sich, so wurde mir erklärt, als ich in Moskau nach einer Beurteilung der Geschäfte um Magna, Opel, Wadan-Werft und andere fragte. Darüber hinaus sorge die Krise für eine Bereinigung der russischen Wirtschaft von Parasiten, die nur verdienen wollten. Arbeit müsse nicht nur verwaltet, sie müsse auch getan werden. Die Krise werde dazu führen, dass nur das produziert und auch bezahlt werde, was wirklich gebraucht werde.<br />
Wer will gegen diese Logik etwas sagen? Sie ist so wahr wie die Sicht Kagarlítzkis wahr ist. Daten und Fakten gibt es für beide Seiten, ebenso wie für beide Sichtweisen in den „Russlandanalysen“, die der Verwundbarkeit Russlands ebenso, wie der Russlands als Hochburg internationaler Investitionen. Wo liegt der Fehler in diesem Bild? Was fehlt?<br />
Bleiben wir einfach: Es fehlt der Bereich, der in den „Russlandanalysen“ – methodisch richtig, aber dann unberücksichtigt, und zwar von allen hier genannten Positionen aus – der „nicht finanzielle Sektor“ genannt wird.<br />
Aber genau in ihm liegt der Schlüssel zum Verständnis, wie die Krise auf Russland wirkt und zwar aus einem doppelten Grunde:<br />
Erstens ist Russlands Abhängigkeit von seinen Ressourcen, auch wenn aktuellen Schwankungen unterworfen, zugleich auch seine strategische Versicherung.<br />
Zweitens ist Russlands „nicht finanzieller Sektor“, in Russland „familiäre Zusatzversorgung“ genannt, kurz, seine Datschenkultur, also, seine Tradition der gemeinschaftlichen und individuellen Selbstversorgung, ein sozio-ökonomisches Polster, das bisher jede Krise abgefedert hat und es auch jetzt wieder tut.<br />
Kritisch kann man sagen, die Finanzflüsse können sehr weit eingeschränkt werden, ohne dass irgendjemand gleich auf die Straße geht. Es müssen schon diese Grundlagen selbst in Gefahr sein.<br />
Wer könnte sich in Deutschland wohl auch nur eine Sekunde lang vorstellen, dass – sagen wir – Opel im Interesse der Sanierung des Gesamtwerkes zwar weiterarbeiten lässt, aber nicht nur reduzierten, sondern gar keinen Lohn mehr bezahlt, wie das in Russland immer wieder in der Geschichte geschah und auch gegenwärtig wieder geschieht? Erinnern wir uns an Pikaljéwo im Mai dieses Jahres, wo eine ganze Stadt außer Lohn gesetzt wurde.<br />
Vor diesem Hintergrund sind alle Erwartungen, Befürchtungen oder auch Hoffnungen auf einen baldigen Zusammenbruch Russlands nichts anderes als reine Spekulation und Medwédews Warnungen bekommen den Charakter einer Mimikry.<br />
Es fragt sich nur wem sie gilt, dem Westen oder seinen eigenen Leuten? Den Aktionären oder den Unternehmern? Diese Frage bleibt offen.</p>
<p>Kai Ehlers<br />
www.kai-ehlers.de</p>
<p>Von Kai Ehlers erschein in Kürze:<br />
Von Russland lernen? Eine Provokative Frage<br />
(Über)leben zwischen Supermarkt und Datscha<br />
„Kartoffeln haben wir immer“</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Die Krise nutzen –  Ausbruch oder Aufbruch aus der Wachstumsbrache?  Vom ökonomischen zum sozialen und kulturellen Wachstum.</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Jun 2009 16:03:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Welches sind die Entwicklungskräfte heute? Annäherung an einen Kulturraum der Entschleunigung.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Welches sind die Entwicklungskräfte heute?</em></p>
<p><em>Annäherung an einen Kulturraum der Entschleunigung.</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p><strong>1.</strong> Wir befinden uns in einer globalen Wachstumskrise. Das pfeifen inzwischen schon die Spatzen von den Dächern. Aber was ist das Wesen der Krise? Äußerlich erscheint sie als Finanz- und Wirtschaftskrise, in deren Verlauf sich die materiellen Errungenschaften und Werte der Industriegesellschaft westlichen Typs in ihr Gegenteil verkehren. Die Folgen linearen ökonomischen Wachstumsdenkens verwandeln die Welt in eine Ansammlung von Wachstumsbrachen, die das Leben auf unserem Planeten bedrohen: Versorgungssicherheit verkehrt sich in existenziellen Mangel, tendenzielle Befreiung von physischer Arbeit lässt, verstärkt durch ungebremstes Bevölkerungswachstum, ein Heer von „Überflüssigen“ entstehen, die nach neuen Aufgaben suchen. Sie finden aber keine, da sie durch die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse wie etwa Harz IV heute in Deutschland daran gehindert werden, ihre freigesetzten Kräfte zu entfalten. Und weiter: Unabhängigkeit vom Zwang ursprünglicher Selbstversorgung und Konsumfreiheit verwandelt sich in Abhängigkeit von Fremdversorgung und Konsumzwang, wenn Produkte wissentlich störanfällig hergestellt werden, um baldigen Neukauf zu erreichen. Mobilität verwandelt sich in Staus usw. Utopien vom besseren Leben enden schließlich in Resignation. In dem Maße wie die industriellen Zentren ihre Definitionsmacht als Boten und Hüter des globalen Wohlstands verlieren, gehen sie dazu über, ihre Vormacht mit Gewalt aufrechtzuerhalten. George Orwells Vision einer Gesellschaft der „Neusprach“, in der Frieden Krieg und Krieg Frieden heißt, droht sich vor unseren Augen zu verwirklichen. Manch ein Mensch sieht unsere Welt bereits am Ende. Nicht wenige starren, vermittelt durch pseudowissenschaftliche Medienkolportagen, auf das Jahr 2012, eine angebliche Prophezeiung des Weltendes nach dem Mayakalender, oder auf andere esoterische Daten, die einen nahen Weltuntergang verkünden.</p>
<p><strong>2.</strong> Richtig verstanden sind all diese Vorgänge, die uns heute in Folge der aktuellen Krise beunruhigen, aber keineswegs Zeichen für das Ende allen Wachstums. Sie sind vielmehr ein Signal dafür, dass die Zeit des vornehmlich ökonomischen Wachstums der Menschheit vorbei ist und wir in die Phase eintreten, in der das soziale und kulturelle, sprich das moralische und geistige Wachstum an die erste Stelle rückt. Das heißt nicht, wirtschaftliche Fragen gering zu schätzen, es geht aber darum, sie mehr als bisher sozialen Kriterien zu unterwerfen, sie geistig und moralisch zu durchdringen. Wir müssen uns diesen Signalen beugen, ob wir wollen oder nicht. Tun wir es nicht, werden wir die Kontrolle über die ökonomischen Kräfte verlieren, die wir entwickelt haben, werden wir von den Wachstumsbrachen erdrückt, die unser zivilisatorischer Fortschritt hervorgebracht hat und noch immer hervorbringt. Das gilt für die ganze Reihe neuer und neuster Technologien von der Atom- bis hin zur Gen- und Nano-Technik. Die wichtigsten Brachen jedoch, die aus der Zeit des ungezügelten ökonomischen Wachstumsdiktats zurückblieben, tragen die Namen Faschismus und Stalinismus. Als zwei Seiten einer Entwicklung sind sie Ausdruck des im letzten Jahrhundert gewaltsam beschleunigten industriellen Fortschritts, welcher Mensch und Natur über die Grenze des Möglichen hinaus auspowerte. Er pervertierte Arbeit, die höchste Fähigkeit des Menschen die Welt tätig zu verändern, in Zwangsarbeit – Vernichtung durch Arbeit, reduzierte den Menschen auf seinen ökonomischen Nutzen, zerstörte seinen sozialen und moralischen Glauben an den Wert des menschlichen Lebens.  Deutlicher konnte die Perversion des bloß ökonomisch orientierten Fortschritts nicht mehr werden. Diese Brache enthält mehr noch als die anderen zuvor genannten die Botschaft, dass weitere Entwicklung nur möglich ist, wenn die Rekultivierung der Brachen, die aus der bisherigen ökonomischen Entwicklung der Menschheit hervorgegangen sind, über die wirtschaftliche Bewältigung der Krise hinaus bewusst als Aufgabe erkannt und angenommen wird, um so den Übergang in die neue Phase des sozialen und geistigen Wachstums zu ermöglichen.</p>
<p><strong>3. </strong>Indes setzen erst einmal die Länder der „dritten“ und der „vierten Welt“, die nach den zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts in der wirtschaftlichen Entwicklung aufgeholt haben, zum Sturm auf das kriselnde Zentrum der Industriezivilisation an. Diese Bewegung ähnelt in ihren äußeren Zügen dem Ansturm der Hunnen, Germanen, auch Nordafrikaner und anderer Völker, der damals so genannten Barbaren auf das untergehende Rom. Ergebnis war seinerzeit eine Neuordnung der Welt: Ein Teil dieser Völker wurde in die lang andauernde Krise Roms integriert, ein anderer Teil von Rom bekämpft und vernichtet, ein dritter Teil bildete neue, eigene Kulturen außerhalb der untergehenden Weltmacht. Dieses Muster wiederholt sich heute in globalem Maßstab mit den bisher als unterentwickelt geltenden Ländern und Völkern in der Rolle moderner Barbaren: Einige werden in die sog. westliche Wertegemeinschaft integriert wie Eurasien oder Nordafrika, andere bekämpft wie Irak, Iran oder vernichtet wie die Taliban, dritte wachsen zu eigenständigen Kulturen außerhalb des bisherigen Zentrums der industriellen Zivilisation heran wie China, Indien, Südamerika, Australien, der indonesische Raum. Selbst Afrika rüttelt an seinen bisherigen Fesseln. Eine multipolare, plurale, kooperative Weltordnung kündigt sich an, in der großes Erneuerungspotential liegt. Noch folgt diese neu entstehende Welt allerdings in ihren Hauptströmungen jenen Vorgaben der alten Welt, die dort bereits in die Krise gekommen sind, das heißt, den Idealen des unbegrenzten, ja, stürmischen ökonomischen Wachstums.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>4.</strong> Um die dynamischen, lebensförderlichen Elemente der heutigen Krise befreien zu können, müssen die zur Zeit geltenden Wachstumskriterien grundlegender hinterfragt werden, als das bisher geschieht. Das Wachstum der Versorgung der Menschheit ist an einem Punkt der Entwicklung angekommen, an dem sich ihre zwei Grundelemente, Selbstversorgung und Fremdversorgung, die vom Wesen her zusammen gehören wie  Individuum und Gemeinschaft, im Zuge der Sytemkonfrontation unserer Welt in eine unfruchtbare Polarität von Fremd- ODER Selbstversorgung gespalten haben und auch jetzt weiter spalten. Das Bewusstsein von der gegenseitigen Abhängigkeit, die dann fruchtbar ist, wenn sie als untrennbaren erkannt und freiwillig bejaht wird, ging verloren. Dabei wird, je nach sozialem und politischem Herkommen der Betrachterinnnen und Betrachter, wahlweise die eine oder die andere Seite als fortschrittlich oder rückständig verurteilt, ohne dass im allgemeinen Diskurs bisher geklärt worden wäre, wovon jeweils die Rede ist, wenn von dem einen oder dem anderen gesprochen wird. Selbstversorgung als Egoismus? Fremdversorgung als Altruismus? Selbstversorgung als Ausdruck der Unabhängigkeit? Oder umgekehrt Fremdversorgung als Statussymbol des freien Menschen? Selbstversorgung als Mangel? Fremdversorgung als Reichtum? Oder wider ganz anders: Selbstversorgung als Reichtum, Fremdversorgung als Entfremdung des Menschen von seinen Fähigkeiten? Selbstversorgung als romantischer Rückzug aus der Krise? Fremdversorgung als Flucht vor der Verantwortung? Fragen über Fragen. Die Frage nach den in die Zukunft weisenden, genauer nach den in eine lebensförderliche Zukunft weisenden Elementen des heutigen Umbruchs ist aber nur zu beantworten, wenn die Beziehung zwischen Selbstversorgung und Fremdversorgung, also zwischen Individuum und Gemeinschaft geklärt, wenn mögliche Veränderungen in diesen Beziehungen bewusst wahrgenommen und auch politisch gestaltet werden.</p>
<p><strong>5. </strong>Selbstversorgung dürfte die ursprüngliche Form der Versorgung eines Menschen, seiner Gruppe, seiner Horde, eines Stammes, Clans oder auch Dorfes gewesen sein. Daran besteht wohl wenig Zweifel, zumal es auch heute noch solche Formen der ursprünglichen Selbstversorgung gibt. In dieser Lebensweise ist der Mensch noch sehr eingeschränkt. Im Laufe der Geschichte wurde Selbstversorgung durch arbeitsteilige Produktion von Gütern, die gegen Geld über den Markt getauscht wurden, zunächst ergänzt, dann in weiten Teilen der menschlichen Gesellschaft abgelöst oder ganz verdrängt. Die Entwicklung der arbeitsteiligen Fremdversorgung war zweifellos ein Schritt, der die Menschheit aus der Abhängigkeit von zufälligen örtlichen und zeitlichen Umständen begrenzter Vorsorgemöglichkeiten befreit und der den Lebensradius der Menschen, auch den kulturellen, also, den sozialen, den geistigen erheblich, schließlich bis in den globalen Raum hinein, erweitert hat. Insofern ist die Geschichte der Fremdversorgung identisch mit der Geschichte der Gesellschaft. Als  e i n  zur Zeit herrschendes Ergebnis dieser Entwicklung haben wir die heutige globale Industriegesellschaft und ihre Konsumkultur.</p>
<p><strong>6. </strong>Die über Markt und Geldverkehr vermittelte Fremdversorgung war jedoch historisch nicht die einzige Möglichkeit, die engen Grenzen ursprünglicher Selbstversorgung zu erweitern. Ein anderer Entwicklungsstrang ließ Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung einschließlich selbstversorgender Eigenproduktion auf Basis gegenseitiger Hilfe und unterschiedlicher Formen gemeineigentümlicher Eigentumsverhältnisse entstehen. In ihnen spielten Markt und Geldverkehr gegenüber unmittelbarem Tausch und gegenseitiger sozialer Unterstützung eine untergeordnete Rolle. Solche Versorgungsstrukturen sind  vorzugsweise im eurasischen Raum, besonders in der russischen Kultur, aber auch an anderen außereuropäischen Orten und zu anderen als den heutigen Zeiten entstanden. Hieraus haben sich auch andere soziale Realitäten ergeben als im heutigen Westen – eher gemeineigentümlich orientierte Verhältnisse anstelle von privateigentümlichen. Solche gemeineigentümlichen Grundverhältnisse haben Auswirkungen bis heute, manche bestehen trotz voranschreitender Industrialisierung bis in die Gegenwart.</p>
<p><strong>7. </strong>Beide Entwicklungswege liegen heute als real existierende gesellschaftliche Verhältnisse, zum Teil in gemischten, zum Teil in reinen Formen vor: Hier privateigentümliche Geldwirtschaft, deren Kern das sich selbst verwertende Geld, dort gemeinwirtschaftliche Strukturen, deren Kern die soziale Sicherheit ist. Heute sind die einen wie die anderen, wo sie in extremer Form auftraten wie der „Fürsorgestaat“ sowjetischen Typs oder der Manchesterkapitalismus in Ländern des Westens, an ihre Grenze gekommen, bei der sie in ihrer Vereinseitigung jeweils ins Disfunktionale umschlagen: Auf der einen Seite ging die Fremdversorgung in eine von den konkreten Lebensbedürfnissen losgelöste Überproduktion über und tut dies in zunehmendem Maße, weil nicht mehr die Versorgung, sondern die aus dem Vorgang der Versorgung zu schlagende Geldvermehrung ihr Inhalt ist. Dies ist ja einer der wesentlichen Inhalte der gegenwärtigen Finanzkrise. Damit wird die Fremdversorgung von einer fortschrittlichen Kraft, die sich zum Nutzen aller entwickelte, in zunehmendem Maße zu einem krisentreibenden Element – eine von der konkreten Produktion losgelöste Finanzblase entsteht,  die Menschen entfremden sich von eigenem Tun, werden von anonymen Marktkräften beherrscht. Selbstversorgung andererseits rutscht auf den Stand der Beschränkung von Individuen zurück, die sich aus der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ausklinken wollen oder auch mangels Geld aus dem Kreislauf der Fremdversorgung ausgeklinkt werden; für diese Menschen wird die Überschaubarkeit, die soziale Sicherheit der Selbstversorgung ebenfalls zum Abseits, letztlich zur Falle, aus der sie sich nicht mehr lösen können. Schwindende Verantwortungsfähigkeit des Menschen für die Organisation des eigenen Lebens bis hin zu hin zu sozialer Lethargie, Verödung lokaler und regionaler Räume ist in beiden Fällen die Folge, obwohl scheinbar ganz unterschiedlich verursacht.</p>
<p><strong>8. </strong>Eine Lösung dieses Widerspruches steht auf der Tagesordnung. Sie kann in der Kombination von Fremd- und Selbstversorgung liegen. Ein bewusstes Zusammenführen beider Elemente kann sowohl die ins Extrem treibende Fremdversorgung, welche jede Eigentätigkeit zu verdrängen beginnt, als auch die Reduzierung des Menschen auf eine Selbstversorgung, die ihn von der Welt abschneidet, hinter sich lassen. Wo dies geschieht, kann, das Extrem isolierter Selbstversorgung ODER alles verdrängender Fremdversorgung hinter sich lassend, eine neue, lebensförderne, sich gegenseitig ergänzende Symbiose entstehen. In ihr kann sich Fremdversorgung an dem Bedarf orientieren, der nicht von einer als gemeinschaftliche Eigenproduktion organisierten Selbstversorgung gedeckt werden kann oder soll, während Selbstversorgung sich auf die Nutzung der lokalen, regionalen oder auch globalen Besonderheiten konzentrieren kann. Im Mittelpunkt einer solchen Organisation des Lebens steht immer der konkrete Bedarf des konkreten Menschen und zwar nicht als Forderung, sondern als Tatsache. Das schließt den Umgang mit Natur-Ressourcen und allgemeinen Kulturgütern mit ein. Sie optimiert darüber hinaus nicht nur die wirtschaftliche Versorgung, sondern lässt auch größeren Raum für soziales und kulturelles Geschehen entstehen. Das öffnet  einen emotionalen und seelischen Raum für die Erneuerung lebendiger Beziehungen zwischen den Menschen und damit für kulturelle Erneuerung. Einen Begegnungsraum, einen Spielraum, in dem soziale Fantasie sich entwickeln kann.</p>
<p><strong>9. </strong>Eine solche Entwicklung zu denken, bedeutet, obwohl sie „eigentlich“ selbstverständlich erscheinen könnte, grundlegende Paradigmen des herrschenden Menschenbildes zu hinterfragen: In der Perspektive einer lebensförderlich orientierten Symbiose von Fremd- und Eigenversorgung ist der Mensch nicht mehr die Art des Selbstversorgers, der allein seinen eigenen Bedarf deckt, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt, aber so – quasi unbewusst und unfreiwillig – den „Markt“ in Gang setzt, wie Adam Smith meinte. Und er ist dies weder auf der einfachsten Stufe der ursprünglichen Selbstversorgung, noch auf der entwickelten Stufe  der gesellschaftlich organisierten Selbstvermehrung des Kapitals. Er ist aber, so gesehen, auch nicht mehr der Fremdversorger – im Sinne des Konsumenten, der allein von den Produkten einer entfremdeten, globalisierten Produktion lebt, ohne selbst zu seiner eigenen Versorgung am Ort seines Lebens noch etwas Eigenes tun zu können, der zumindest aber in zunehmendem Maße von ihr abhängig wird. Ebenso wenig ist der Mensch in dieser Perspektive jemand, der allein von den Produkten seines eigenen Anbaus oder Jagdergebnisses lebt – nicht einmal in der pervertierten heutigen Form von Schäppchenjagden, gezieltem Billigkonsum oder Mülltonnenernten aus dem allgemeinen globalen Konsumangebot.</p>
<p><strong>10. </strong>Wir stehen heute an der Schwelle, an welcher der einzelne Mensch sowohl die Beschränkungen ursprünglicher Selbstversorgung wie auch die entfremdete Trennung des Konsumenten vom Produzenten überwinden kann, die eine über das Ziel hinausschießende Fremdversorgung nach sich zog und immer noch zieht. Er kann dies in Vermittlung der beiden Elemente allein für sich, sehr viel effektiver aber in selbst organisierten, selbst gewählten Versorgungsgemeinschaften. Das sind lokal, regional, durchaus auch überregional bis global organisierte Asssoziationen, welche die Versorgung mit Konsumgütern aus auswärtiger, also aus fremder Produktion und Strukturen der Eigenversorgung miteinander vernetzen. Sie sind die potentiellen Träger dieser Entwicklung. (Siehe dazu u.a. mein Buch“ Grundeinkommen für alle –Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“, Verlag Pforte, 2007, in dem ich die Entwicklung der neuen Gemeinschaftsbewegung skizziert habe) Was sich so ankündigt, ist eine aus Eigentätigkeit und Fremdbelieferung kombinierte Versorgung, in der sich Eigentätigkeit und Fremdversorgung gegenseitig ergänzen, wobei, wie gesagt, Versorgung nicht nur materielle Aspekte betrifft, sondern auch emotionale, soziale und kulturelle. Dazu gehört die Entstehung eines Bewusstseins darüber, dass ein Produkt auch eine soziale, eine kulturelle und auch ethische oder moralische Geschichte hat, dass es wichtig ist zu wissen, wofür zu sorgen ist, für wen, warum, welche Aspekte der Versorgung Vorrang vor anderen haben, wozu ein Produkt wirklich gebraucht wird, wie und unter welchen sozialen Verhältnissen es entsteht, wie die Menschen leben oder auch leiden, die es erstellen. Dazu gehört das Wissen, dass die eigene Versorgung Produkt einer jahrtausende alten Kulturentwicklung ist, nicht etwa nur eine moderne Selbstverständlichkeit, um die man sich nicht zu kümmern brauchte.</p>
<p><strong>11. </strong>Zur Vermeidung von Missverständnissen sei hier ausdrücklich noch einmal darauf hingewiesen, dass Selbst- und Fremdversorgung selbstverständlich zwei Seiten ein und desselben Vorgangs, eben der Versorgung sind. Beide Seiten haben ihre Berechtigung, nicht anders als die Einheit von Individuum und Gemeinschaft, Mensch und Umwelt, beide gehören im Wesen zusammen, sind im Alltag in der Regel nur schwer voneinander zu trennen, gehen historisch in immer neuen Kombinationen ineinander über. Die eine wie die andere Seite hat ihre wichtige Funktion für eine vollständige Versorgung der Menschen im Wechsel zwischen eigener Arbeit und Interesse an der Arbeit und dem Wohlergehen der Mitmenschen – sofern, weil und damit es dem eigenen Wohlergehen dient. Der Austausch hat einen rein sachlichen, wirtschaftlichen, organisatorischen und einen sozialen, kommunikativen, emotionalen, kulturellen, geistigen Sinn. Selbst unter den extremen Bedingungen des globalisierten Marktes oder andererseits verschiedener Formen von Kollektivwirtschaft wie etwa in der Sowjetunion oder auch dem israelischen Kibbuz waren Elemente von Selbstversorgung in der Fremdversorgung enthalten und umgekehrt – obwohl sie sich unter den Bedingungen der Systemkonfrontation gegenseitig behinderten und sich auch jetzt noch behindern. In diesem Sinne muss in Bezug auf die Einführung einer Symbiose von Selbst- und Fremdversorgung heute nach dem Ende der Systemteilung der Welt nicht von Herstellung einer ganz neuen, sondern von Wiederherstellung einer gestörten Wechselbeziehung gesprochen werden – aber eben unter geänderten Bedingungen auf dem historischen Niveau eines neu einsetzenden Entwicklungsprozesses.</p>
<p><strong>12. </strong>Die Vermittlung von Fremd- und Eigenversorgung beginnt im Kopf, indem zunächst eine klare Bestandsaufnahme der durch das Ende der Systemkonfrontation entstandenen weltweiten Bedingungen vorgenommen und daraus folgend erkannt wird, dass die beste Eigenversorgung die soziale Versorgung im Sinne gegenseitiger Hilfe ist, und die beste soziale Versorgung darin besteht, sich um Hilfe für den einzelnen Menschen zu sorgen. Dass eine solche Symbiose von Fremd- und Selbstversorgung nicht nur zu neuen Formen der Arbeitsteilung, der Organisation von Produktion und Konsum, also zu neuen Formen des Wirtschaftens führt, sondern notwendigerweise auch zu neuen Beziehungen von Wirtschaft und Staat, der den Rahmen für ein solches Wirtschaften geben muss, liegt auf der Hand. Allzu deutlich hat sich das Versagen des bisherigen Staates im realen Sozialismus, allzu deutlich auch im Kapitalismus gezeigt, wo er hier als Stalinismus, dort als Faschismus im Extrem seinen Zwangscharakter offenbarte. Ohne in spekulativer Weise einer realen Entwicklung vorgreifen zu wollen, ist doch klar, dass bei einer Organisation des Lebens, die Fremd- und Selbstversorgung in Versorgungsgemeinschaften zusammenführt, die Ökonomie in den Strukturen der Versorgungsgemeinschaften entschieden wird. Der Staat kann sich in einer solchen Kultur, die nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe ausgerichtet ist, statt nach dem der gegenseitigen Ausbeutung auf die Regelung der rechtlichen Beziehungen der Menschen zueinander konzentrieren.</p>
<p><strong>13. </strong>Ein wesentlicher Schritt einer Bestandsaufnahme besteht natürlich darin, die heutigen Krisenerscheinungen wahrzunehmen, zu analysieren, zu beschreiben und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, wie das ja allgemein heute schon geschieht, aber dann nicht bei Klagen darüber stehen zu bleiben, dass alles so schlimm kam, wie es kam. Vielmehr gilt es, die Krisenerscheinungen als Kulturbrachen zu erkennen, die Ergebnis einer rücksichtslosen Beschleunigung des ökonomischen Wachstums sind. Zu erkennen, dass ihre Zunahme uns herausfordert, uns die verdrängte und nahezu vergessene Brachenbewirtschaftung als Prinzip der Lebensförderung in Erinnerung zu rufen (zwei-, Drei-, Vierfelder- und Etagenwirtschaft wie auch andere Methoden natürlicher Regeneration). Die  Brachenwirtschaft wurde durch künstliche Beschleunigung des Wachstums abgelöst und zerstört, jetzt ist es Zeit, das in ihr liegende Prinzip der Regeneration auf dem technischen und wissenschaftlichen Niveau und mit dem Bewusstsein von heute wieder zu beleben. Es geht dabei nicht nur um den agrarischen Bereich; um ihn geht es ganz sicher, aber über ihn hinaus geht es darum, das Prinzip der Brache als generelles Kultur- und Bildungselement zu aktivieren, das heute wieder neuen Lebensraum schaffen kann. Konkret geht es darum, die Wachstumsbrachen wieder in den lebendigen Kreislauf von Natur und Kultur  auf diesem Globus einzuführen, damit Neues aus ihnen entstehen kann. Hierhin gehören zunächst alle Formen des einfachen Recycling, darüber hinaus auch ästhetische Ansätze zur (Wieder)eingliederung von Müll-, Industrie-, Sozial- und Kriegsbrachen in den Kulturbildungsprozess der Gesellschaft. Dies alles immer auch unter besonderer Berücksichtigung der Brachen, die aus Stalinismus und Faschismus hervorgingen. Ein weites Forschungsfeld öffnet sich vor uns, das dringender – und es sei mir erlaubt zu sagen, auch herausfordernd attraktiver &#8211; Bearbeitung bedarf.</p>
<p><strong>14. </strong>Was ist konkret unter Ansätzen zur (Wieder)eingliederung von Brachen zu verstehen? Die Brache – traditionell ist sie das ausgepowerte Feld, verunreinigt mit Überresten aus der voraus gegangenen Nutzung, von Unkräutern belastet, ein Feld, das sich regenerieren soll, um wieder neu, wenn möglich auch intensiver als zuvor Frucht hervorbringen zu können. Einfaches Umgraben, einfaches Pflügen reicht nicht mehr. Es bedarf einer bewussten Nicht-Nutzung des Feldes, einer kontrollierten Verwilderung,  eines Wieder-Zurücklassens in den natürlichen Kreislauf der Regeneration, statt es, obwohl ausgelaugt, künstlich hoch zu powern. Es muss als Brache erkannt, angenommen und gepflegt werden, bis es nach einer Pause von ein, zwei oder mehreren Jahren mit neuen Kräften hervortreten kann – nicht anders als die gesamte belebte Natur, die sich im Rhythmus ihrer jeweiligen Generationen erneuert. Wir Menschen machen davon individuell keine Ausnahme, um leben zu können, schlafen wir und wir sterben. So erholen wir uns individuell und so erneuert sich die lebendige Menschheit. Gesellschaftlich aber haben wir haben eine Situation produziert, die von der Fiktion eines immerwährenden ungebremsten Wachstums ausgeht, das keine Ermüdungen, keine Brachen mehr kennt. Tatsächlich jedoch produzieren wir in zunehmendem Maße Brachen, ohne uns um sie zu kümmern: globale Müllhalden, verödete Industrielandschaften, abgeschobene soziale Problemfelder, zerstörte Schlachtfelder, generell, der ausgepowerte Mensch, die ausgepowerte Natur, all die ausgebrannten Utopien vom besseren Leben, besonders natürlich die zuletzt entwickelten des sozialstaatlichen Kapitalismus und des realen Sozialismus. Auch diese Brachen können nicht einfach umgegraben, sie müssen ausdrücklich in das Programm unserer Regeneration und Kulturbildung aufgenommen werden.</p>
<p><strong>15. </strong>Ein Beispiel für diese Rekultivierungsarbeit ist der Vorschlag des im November 2008 verstorbenen Künstlers und Kultivators von Landschaft, Herman Prigann, den er neben vielen anderen vergleichbaren Projekten aus seiner Hand machte, Müllberge nicht einfach zuzuschütten und so aus dem Bewusstsein der Gesellschaft auszugliedern, sondern als gestaltete Orte zu Anschauungs-, Lehr- und kulturellen Objekten darüber zu machen, wie Abfall und Gift unser Leben bedroht, zugleich aber auch, wie aus Müll unter Anwendung des modernsten wissenschaftlich-technischen Know how neue Kräfte entstehen können. Solche Orte sind dann Mahnmal, Lehrstätte und Giftumwandler und in dieser Kombination Ausflugsziel für kulturbeflissene und lernbegierige Zeitgenossen zugleich. So wird die Brache zum Ort der physischen Wiedereingliederung in die Naturkreisläufe und zugleich der Kulturumwandlung und Bewusstseinsbildung. Ähnliches lässt sich für die übrigen Industrie-, Sozial und Kriegsbrachen sagen. Sie alle warten darauf, mehr als bisher erkannt und in den Kulturbildungsprozess einbezogen zu werden.</p>
<p><strong>16.</strong> Weniger anspruchsvolle Ansätze zur Beschäftigung mit Brachen hat es über dieses Bespiel hinaus in den letzten Jahren durchaus gegeben. Ein Blick in die Listen von Wikipedia reicht aus, um das klar zu machen. Aber eine gründliche Erforschung der Geschichte der Brachenwirtschaft, ihres grundlegenden Charakters, wie auch insbesondere ihrer Ablösung durch Praxis und Ideologie eines künstlich beschleunigten Wachstums steht bisher aus. Die Erforschung all dessen bedarf des gemeinsamen Willens aller heute dazu bereiten Kräfte, gleich ob aus den bisherigen Zentren oder aus den neu zu Entwicklungsknoten heranwachsenden Ländern. Es gilt, die Regeneration, die Pause als das Wesen der Brachenwirtschaft zu erfassen und im öffentlichen Bewusstsein die Einsicht zu verbreiten, dass Pausen dieser Art lebensnotwendig sind, wenn die Menschheit sich weiter entwickeln will. Pausen sind nicht etwa gleichbedeutend damit, das sei noch einmal betont, die Brache einfach liegen zu lassen. Sie muss rechtzeitig, sie muss in ihrer Eigenart erkannt werden, sie muss im Prozess ihres Zurückwilderns beobachtet werden, um heraus zu finden, was sie braucht, um ihre Kräfte optimal erneuern zu können. Vielleicht muss hier ein Zaun, dort ein Graben, woanders ein neuer Weg angesetzt werden. Generell ist zu sagen: Es gilt herauszuarbeiten, dass eine Brache zu erkennen und zu bewirtschaften bedeutet, sich als Teil eines Ganzen zu begreifen und die gegenwärtige Krise als Signal anzunehmen, im ökonomischen Wachstum zurückzustecken, damit das Ganze des Lebens sich erneuern kann. Die Kultur der Brache in neuer Weise ins Bewusstsein zu nehmen bedeutet, von der Priorität des ökonomischen zur Priorität des moralischen, emotionalen und geistigen Wachstums unserer heutigen Gesellschaft überzugehen, ohne allerdings die ökonomische Seite dabei zu vernachlässigen, denn selbstverständlich liegt die Rekultivierung der Brachen auch im Interesse wirtschaftlicher Wohlfahrt bis hin zur Sicherung des physischen Überlebens, so wie die ökonomische Entwicklung unserer Zivilisation natürlich nicht ohne soziale und kulturelle Elemente möglich war. Das Interesse am physischen Überleben gilt insbesondere den Menschen, die zur Zeit im Elend leben, gleich ob in den Zentren oder den Peripherien. Bei der Verbesserung ihrer materiellen Lebenssituation geht es jetzt aber nicht etwa um eine „Balance“ zwischen Ökonomie und Ökologie, Arm und Reich oder dergleichen, wie eine scheinbar einsichtige, im Effekt aber nach wie vor an der herrschenden Wachstumsideologie festhaltende Argumentation glauben machen will. Im Kampf gegen die Unterversorgung geht es auch für die Ärmsten heute darum, sich wie alle anderen Menschen am sozialen und kulturellen Aufbruch in eine andere als nur vom ökonomischen Wachstum definierte Welt aktiv beteiligen zu können.</p>
<p><strong>18. </strong>Die Entwicklung einer neuen Brachenkultur kann mit der Entwicklung einer Gemeinschaftskultur einhergehen, in der Produktion und Konsumption sich miteinander verbinden, angefangen bei Wahlfamilien als kleinste Einheit bis hin zu weltweiten Netzen. Politisch können die Menschen sich bei dieser Lebensweise darauf beschränken, ihre gegenseitigen Freiheitsräume miteinander abzustimmen, insofern ihre Kultur vom Prinzip der gegenseitigen Hilfe und der gegenseitigen Förderung der Selbsterkenntnis als oberstem Prinzip der geistigen Entwicklung bestimmt ist. Es sind selbst gewählte und selbst bestimmte Gemeinschaften, die so entstehen, keine Zwangsgemeinschaften. Das ist zu betonen. Sie entstehen in bewusster Abgrenzung zu den Zwangskollektiven der Vergangenheit, faschistischen wie stalinistischen, ebenso wie andererseits aus der klaren Abkehr von der Isolation einer in unverbundene Individuen zerfallenden Gesellschaft. Wirtschaft, Rechtswesen und Kultur bewegen sich bei dieser Lebensweise als voneinander unabhängige Kräfte, aber doch in einem integrierten Prozess, in dem diese drei Elemente sich gegenseitig ergänzen und begrenzen. Das unterscheidet diese Gesellschaft radikal von der bisherigen, in der alle Lebensprozesse einem Staat untergeordnet sind, der seinerseits von der Ökonomie beherrscht wird. Ich nenne diese andere Lebensweise eine integrierte Gesellschaft. (siehe mein schon erwähntes Buch dazu) Der Schritt in eine solche Gesellschaft ist, wenn er gesetzt wird, gleichbedeutend mit dem Schritt aus dem jugendlichen Alter der Menschheit in die Verantwortlichkeit für die Entwicklung des Globus – sozusagen als Fortschritt in der Selbsterkenntnis des Globus, wenn wir den Globus, unsere Erde, als lebendiges Ganzes begreifen.</p>
<p><strong>19. </strong>Die römischen und nach-römischen Umbrüche darf man in dem hier gezeichneten Bild durchaus als Pubertät der Menschheit begreifen. Sie wurden seinerzeit vom Impuls des sich entwickelnden Christentums angetrieben, das mit einem neuen Menschenbild des sich selbst entdeckenden Individuums eine neue Entwicklungsdynamik in die Welt brachte. Es überflügelte das bis dahin vorherrschende Kollektivbewusstsein, verband sich mit den starren Regeln des römischen Individualrechtes und leitete auf dem Umweg über den Zerfall Westroms jenen lange andauernden Entwicklungsprozess ein, der die auf  Herausbildung des Individuums orientierte abendländische, westliche Kultur als dominant auf dem Globus entstehen ließ. Andere Kulturen, nicht zuletzt die aus der oströmischen Geschichtsströmung hervorgehenden, waren nicht minder wertvoll, haben aber nicht die gleiche individualisierende und damit verbundene expansive ökonomische Dynamik entwickelt. Inzwischen ist die Dynamik dieses Wachstumsprozesses, der eine auf individuelle Verwirklichung des einzelnen Menschen als höchstes Gut orientierte Gesellschaft entstehen ließ, jedoch erschöpft, nachdem sie sich in der Sackgasse zweier Weltkriege, des Faschismus und Stalinismus verfangen hatte. Diese Katastrophen waren Ausdruck der vollkommenen Orientierung der Industriegesellschaften auf materiellen Fortschritt, die sich in der gewaltsamen Unterordnung des Menschen unter die zur Kriegsmaschine gewordene Industrie zuspitzte. Der Mensch, das Leben wurde der Maschine untergeordnet. Hinter die Erkenntnis dieser Tatsachen gibt es kein Zurück. Eine Zukunft kann es nur geben, wenn der Mensch das Leben, sein eigenes und das des Globus, wieder ins Zentrum stellt. Eine weitere Entwicklung des Menschen, die nicht rückwärtsgewandt ist, sondern die nach vorn weisenden Kräfte der heutigen Krise unterstützt, wird es dann geben, wenn das hoch individualisierte heutige Individuum begreift, gleich, wo auf dem Globus es lebt und in welcher Gesellschaft, dass es wie alle anderen Individuen nur eine Zukunft hat, wenn es sich selbst in die Kultur der gegenseitigen Hilfe einbringt und wenn alle Individuen sich zusammen in die natürlichen Kreisläufe einfügen. Dies beinhaltet einen bewussten Verzicht auf überflüssiges ökonomisches Wachstum. Der Mensch steht vor der Aufgabe, seine Entfremdung von der Natur zu überwinden, sich selbst als Natur zu erkennen, mit der Bewegung der Natur, mit der des Kosmos, mit sich selbst identisch zu werden. Eine neue Ethik entsteht, wo der Mensch zu der Erkenntnis kommt, dass Natur, Kosmos, Gott sich im Menschen erkennt und verwirklicht.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>20. </strong>Zu schaffen ist der Übergang in eine Kultur der gegenseitigen Hilfe und der Eingliederung in die Naturkreisläufe (nur) in dem Bewusstsein, dass Tendenzen der krassen Individualisierung auf unserer Welt heute in intensivster, einander teilweise schroff widersprechender Weise auf die Suche nach Gemeinschaft, nach Eingliederung in kosmische Rhythmen, nach religiöser Einbindung treffen. Beide kulturellen Strömungen sind gleichermaßen fundamental. Ihre Wechselwirkungen können Anregungen, können neue, zukunftsfähige Elemente des Zusammenlebens der Menschen und des Verhältnisses der Menschen zu ihrer Mitwelt hervorbringen, sie können aber auch zerstörerisch wirken, je nachdem, ob sie erkannt, gefördert und bewusst gestaltet werden oder ob sie sich unerkannt in spontanen Konflikten austoben. In dieser Konstellation liegt die Aufforderung genauestens wahrzunehmen, wo heute Ich-Impulse und Gemeinschafts-Impulse aufeinander treffen, wie sie aufeinander treffen, dafür zu sorgen, dass solche Begegnungen in gegenseitiger Achtung des Anderes stattfinden, ihnen Raum und Zeit zu geben sich miteinander zu gestalten. Das Fremde ist immer das Befruchtende, auch wenn es die eigenen Gewohnheiten zunächst in Frage stellt. Ohne Eigenes wird das Fremde jedoch zum Feind. Hier treffen sich Selbst- und Fremdversorgung auf hohem Niveau.</p>
<p><strong>21. </strong>Wie kann nun die Mehrarbeit geleistet werden, die nötig ist, um den Übergang in den neuen Lebensabschnitt der Menschheit zu bewirken? Wer soll sie leisten? Hier gilt es sich klar zu machen, was schon eingangs angedeutet wurde, dass die größte Brache, die sich heute entwickelt, das Feld der sog. „Überflüssigen“ ist. Es ist das Feld derer, die keinen Platz in der Produktion finden, während die in der Produktion Verbleibenden immer intensiverem Stress ausgesetzt sind. Dies ist der krisenbezogene Blick auf die gegenwärtige Lage. Sie bringt eine gewaltige Masse unzufriedener und unglücklicher Menschen hervor, der eine kleine Zahl derer gegenübersteht, die über die Produktivkräfte verfügen und sich für berechtigt halten, die Mehrheit der Menschen irgendwie ruhig zu stellen. Da sind Vorstellungen wie die des US-Strategen Sbigniew Brzezinski, der vorschlägt die Masse der Unbeschäftigten mit „tittitainment“ (eine Wortmischung aus Milchbrüsten und entertainment) zufrieden zu stellen noch die harmlosesten. Die aus solchen Voraussetzungen entstehende Lage gleicht einer Zeitbombe, bei deren Zündung sich die historischen Brachen noch einmal zu potenzieren drohen, bevor die alten unter den Pflug genommen wurden. Dieselbe Lage jedoch, die diese Gefahr enthält, setzt zugleich massenhafte Kräfte für soziale und kulturelle Entwicklung frei, wenn die Menschen die Signale richtig erkennen und wenn sie sich so organisieren, dass alle Menschen aus dem Produkt der gemeinsamen, der gesellschaftlichen Arbeit gleichermaßen versorgt werden können, ungeachtet welche Art von Tätigkeit sie ausführen, sodass sie über ihre Kräfte frei verfügen können. Die optimale Grundorganisation für eine solche Gesellschaft ist zweifellos die selbst gewählte und die selbst bestimmte Versorgungsgemeinschaft, welche Produktion und Konsumption, Fremdversorgung und Selbstversorgung, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Tätigkeiten ihrer Mitglieder miteinander verbindet und in sich ausgleicht und so, das darf hier wiederholt werden, den konkreten Bedarf des konkreten Menschen, darüber hinaus sein Mensch-Sein, sein Mensch-Werden-Wollen, ja, Mensch-Werden-Können in den Mittelpunkt rückt. Ansätze zu solchen Organisationsformen finden sich in der heutigen Gemeinschaftsbewegung. Manche der bereits existierenden Gemeinschaften sind schon jetzt Focus lokaler oder regionaler Strukturerneuerung und Impulsgeber für die sich andeutende neue Lebensweise. Versorgungsgemeinschaft als optimale Grundorganisation schießt aber selbstverständlich andere Wege zu leben nicht aus; sie bildet nur das Grundgerüst der Gesellschaft. Ein hilfreicher Schritt in eine andere als die jetzige Organisation der Gesellschaft könnte durchaus auch die Einführung eines allgemeinen bedingungslosen Grundeinkommens sein, wie es seit einiger Zeit diskutiert wird, insofern es allen Menschen die Möglichkeit gibt, sich frei von ökonomischem Überlebensdruck miteinander zu organisieren. Die Einführung eines Grundeinkommens, wenn sie gelänge, befreite die Menschen allerdings nicht von der Notwendigkeit, über die mögliche eigene, vom Staat garantierte ökonomische Absicherung hinaus sich selbst an der Reduzierung der Wachstumsbrachen und der Entwicklung von Alternativen zur Wachstumsgesellschaft zu beteiligen. Ohne ein solches Bemühen des einzelnen Menschen an seiner eigenen Lebensbasis bestünde auch für eine Gesellschaft mit Grundeinkommen die Gefahr, dass die bestehenden Verhältnisse nur fortgesetzt würden.</p>
<p><strong>22. </strong>Rom, das wäre abschließend noch zu sagen, wurde nicht an einem Tag erbaut und es dauerte auch noch ca. 500 Jahre, bis die mit dem Christentum einsetzende Zeitenwende Rom überwunden und die neuen Kulturen des sog. Mittelalters hervorgebracht hatte. Wir Heutigen, das dürfte klar sein, haben für den bevorstehenden Übergang in den neuen Lebensabschnitt der Menschheit nicht so viel Zeit. Aus all dem folgt: Ein Forschungsprojekt Brache steht auf der Tagesordnung. Ich fordere dazu auf, ein solches Projekt zu begründen – Beschleunigen wir die Entschleunigung! Für eine Befreiung des Menschen vom Zwang der Ökonomie, für die Entwicklung einer Gesellschaft der gegenseitigen Hilfe, für eine Zukunft, die Freiheit und Gleichheit durch Solidarität verbindet. <strong> </strong></p>
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