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	<title>Kai Ehlers &#187; Finanzkrise</title>
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	<description>Kai Ehlers, Russlandforscher, stellt sich vor</description>
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		<title>Vortrag: &#8212; Das „chinesische Prinzip“: Ökonomische Freiheit – politische Lenkung:  Der bessere Weg zur globalen Perestroika? Ein Vergleich.</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Oct 2011 09:18:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer heute an China denkt, hat zwei Bilder vor Augen: Das eine wird von China-Reisenden als „happy China“ beschrieben, das andere als Parteiendiktatur, die die Menschenrechte nicht achte und jeden Ansatz zu einer Opposition ersticke. Wohin führt dieser Weg? Diese Frage wird in diesem Text anhand eines Vergleiches von Perestroika und den chinesischen Reformen vor dem Hingergrund der Geschichte beider Gesellschaften untersucht. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer heute an China denkt, hat zwei Bilder vor Augen: Das eine wird von China-Reisenden als „happy China“ beschrieben, das andere als Parteiendiktatur, die die Menschenrechte nicht achte und jeden Ansatz zu einer Opposition ersticke.  Für beides lassen sich reichlich Belege anführen: Die fröhliche Betriebsamkeit auf Chinas Plätzen und Straßen wird von westlichen Touristen inzwischen auf Fotos festgehalten, die sie ihren erstaunten Freunden nach ihrer Rückkehr zeigen; chinesische Betriebsamkeit überzieht den ganzen Globus mit Ware „made in China“; Chinas Politiker laden westliches Know how ein, sich im Land frei zu entwickeln; chinesische Banken zeigen sich neuerdings bereit, faule Wertpapiere aufzukaufen, um die Weltfinanzen stabil zu halten. Dem stehen Meldungen über Zensur der Presse, über Repressalien gegen kritische Blogger, über die Inhaftierung und Verschleppung Oppositioneller bis hin zur Internierung tausender Mitglieder der Falun Gong Bewegung in speziell für sie geschaffenen Lagern und das nicht zu vergessende Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegenüber. Ökonomische Freiheit bei politischer Repression &#8211; wie paßt das zusammen? Und wohin geht dieser Zug?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man muß hinter den Alltag in die 4000jährige Entwicklung des Landes blicken, um das zu verstehen: In die Hochkultur der chinesischen Kaiserreiche, in die koloniale Erniedrigung seit dem 18. und 19., in die Kämpfe für die nationale Befreiung am Anfang des vorigen Jahrhunderts; in die Gründung der VR-China 1949 und die ersten Jahre danach und schließlich in den zwar immer wieder von Rückschlägen aufgehaltenen, aber doch beharrlichen, schrittweisen Wiederaufstieg Chinas zu einer der führenden Weltmächte des 20. Jahrhunderts in den letzten Jahrzehnten. Am Besten läßt sich die Frage, was es mit der Freiheit in China auf sich hat und was dies über China hinaus bedeutet, jedoch im Vergleich zweier Prozesse verfolgen, die heute zeitgleich stattfinden, die einander ähneln und doch grundverschieden ablaufen. In ihnen findet auch die Geschichte ihren Ausdruck. Die Rede ist von Perestroika und ihren Folgen in Rußland und dem langen Weg der Reformen vom Tod Maos bis zum jetzt deklarierten „Anfangsstadium des Sozialismus“ im heutigen China.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vergleichbar sind die Voraussetzungen: Revolutionen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Rußland wie auch in China, die zur Gründung von Staaten mit kommunistischem, dann sozialistischem Anspruch führten. Basis waren in beiden Fällen – mit unterschiedlichen Ausprägungen, versteht sich – vorindustrielle, agrarische Verhältnisse, in denen Geld- und Naturalwirtschaft noch nebeneinander existierten. Dabei war die Naturalwirtschaft mit traditionellen Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung und familiärer Zusatzwirtschaft eng verknüpft. In Rußland war das die Tradition der „Óbschtschina“, der sich selbst versorgenden Bauerngemeinschaft unter der Herrschaft eines absoluten Zentrums, der zaristischen Selbstherrschaft; in China waren es die strengen Familienhierarchien unter dem absoluten Kaisertum.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sind diese Grundformen agrarisch geprägten gemeinschaftlichen Lebens auf Basis örtlicher Selbstversorgung bei zentralistischer, bis despotische Lenkung, die Marx und Engels seinerzeit mangels eines besseren Begriffes als asiatische Produktions- und Lebensweise bezeichneten. Für Rußland beschreibt der russisch-englische Ökonom Theodor Schanin diese Wirtschafts- und Lebensweise heute als „expolare Wirtschaft“, eine Wirtschaft, die weder „kapitalistisch“ noch „sozialistisch“ sei; ein wesentliches Element darin sei, eingebettet in eine Tradition der agrarisch basierten gemeinschaftlichen Selbstversorgung, die „Gunstwirtschaft“; die im Russischen mit dem Wort „blat“ umschrieben wird. Erwiesene Gunst stehe in dieser Wirtschaftsform an der Stelle, zumindest aber gleichberechtigt an der Seite des Geldes als Äquivalent für den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Austausch: ‚Du hast mir heute einen Gefallen getan; ich schulde Dir einen Gefallen, den ich Dir  morgen zurückgebe.’  Dabei spielt der Geldwert des Gefallens eine untergeordnete oder gar keine Rolle.<a title="" href="#_edn1">[1]</a> Geldverkehr hat nur Teile des gesellschaftlichen Lebens erfaßt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für China beschreibt die in den USA lebende chinesische Soziologin May-fair Mei-hui-Yang in ihrem 1994 veröffentlichten Buch „Gifts, favors and banquets: the art of social relationships in China“ unter dem Stichwort „Guanxixue“ eine vergleichbare Realität: „Guanxixue beinhaltet den Austausch von Geschenken, Gefallen und Gastmählern; die Kultivierung persönlicher Beziehungen und Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeiten; die Herstellung von gegenseitigen Verpflichtungen und Schulden. Was diese Praktiken und ihr einheimisches Verständnis ausmacht, ist die Konzeption der Priorität und der bindenden Kraft persönlicher Beziehungen und deren Bedeutung, die Nöte und Wünsche des Alltagslebens zu befriedigen.“<a title="" href="#_edn2">[2]</a> Auch „Guanxixue“ wurzelte in selbstversorgerischer agrarischer, teils auch nomadischer Lebensweise, von wo aus es die gesamte chinesische Gesellschaft durchdrang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So wie „Blat“ in die sowjetische, so wurde „Guanxixue“ nach der Revolution in die Gesellschaft der VR-Chinas als „2. Gesellschaft“, als Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft integriert. Der Westen konnte diese Strukturen, in denen das Private als Gunstwirtschaft, als familiäre Zusatzwirtschaft, also gewissermaßen als privates Rückzugsgebiet unter dem Diktat und im Rahmen der Kollektivierung überlebte, und nicht nur überlebte, sondern die Gesellschaft lebendig erhielt, nur als Korruption wahrnehmen. Zur Korruption werden „blat“ und „Guanxixue“, sowie andere Formen der Selbstversorgung aber erst, wenn die definierten staatlichen Strukturen durch die privaten unterlaufen oder beherrscht, das heißt, für persönliche Zwecke und Karrieren mißbraucht werden. Die Übergänge sind selbstverständlich fließend – wichtig ist jedoch zu verstehen, daß sowohl „Blat“ als auch „Guanxixue“ und die damit verbundenen Selbstversorgungsnetze eine von der Tradition getragene und tief im Volkskörper verwurzelte Realität des Lebens sind. Das gilt für China nicht anders als für Rußland. Mehr noch – angestoßen durch den Blick auf „Blat“ und „Guanxixue“ wird auch die glatte Oberfläche westlicher kapitalistischer Gesellschaften transparent für die ihnen unterliegenden Realitäten informeller Gunstbeziehungen, auch wenn diese hier inzwischen den substituierenden Charakter weitgehend verloren haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kehren wir aber zurück auf die Hauptspur unseres Vergleiches: Rußland wie auch China, also Lenin/Stalin ebenso wie dem Beispiel der Sowjetunion folgend Mao-Tse-Tung unterwarfen ihre agrarischen, teils auch nomadischen  Gesellschaften einer gewaltsamen, an westlichen Vorbildern orientierten nachholenden Industrialisierung. Sie brachte eine staatlich gelenkte Schwerindustrie und die Kollektivierung einer mechanisierten Landwirtschaft hervor. Die Bedürfnisse und Wünsche des Alltags wurden der Industrialisierung, wurden dem „sozialistischen Fortschritt“ untergeordnet, „Blat“, nicht viel anders als „Guanxixue“ blieben dabei aber substituierende Elemente der volkswirtschaftlichen Versorgung, noch klarer gesprochen, Rückversicherung des Überlebens auch unter krisenhaften Bedingungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In ihren Phasen, Tempi und einzelnen Abläufen unterscheiden sich der russische und der chinesische Ablauf von Revolution sowie gegenwärtiger Transformation  selbstverständlich voneinander: Rußland mußte keinen langen Befreiungskrieg führen; der Zarismus war selbst imperiale Macht; die Sowjetunion war der VR-China mit der Gründung eines sozialistischen Staates gut dreißig Jahre voraus; 1956 trennten die chinesischen Kommunisten sich sogar von ihrem sowjetischen Vorbild, nachdem Nikita Chruschtschow erklärt hatte, daß die Phase des „Sozialismus in einem Lande“ vorbei sei und künftig von einer der „Koexistenz“ abgelöst werden müsse. Mao dagegen blies zur selben Zeit zum „Großen Sprung“, der China ganz und gar auf seine eigene revolutionäre Entwicklung fokussieren sollte. Dem folgte 1966 – 1977 die Kulturrevolution, die diese Orientierung noch einmal ins Extrem trieb, während die Sowjetunion unter Leonid Breschnew den Weg der Koexistenz praktisch erprobte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ungeachtet dieser unterschiedlichen Dynamiken aber baute sich gegen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in China wie auch in der Sowjetunion ein Entwicklungsstau auf, der nach grundlegenden Reformen verlangte. In der Sowjetunion verstrickte sich die überalterte Partei seit 1979 im Afghanistankrieg, der die schon Jahre zuvor erkennbare Modernisierungskrise soweit zuspitzte, daß ein weiteres Ausweichen nicht mehr möglich war. In China hinterließ der Tod Mao Tse Tungs 1976 zwar ein industriell, genauer schwerindustriell hochgerüstetes Land; dessen Gesellschaft war aber durch die Kulturrevolution zurückgeworfen, dessen Umwelt war verwüstet und es erzeugte pro Kopf nicht mehr Getreide als 1957 vor  Beginn des „Großen Sprungs“.<a title="" href="#_edn3">[3]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber wie unterschiedlich liefen die Reformen in Rußland und in China! Michael Gorbatschow schwebte ein schrittweiser ökonomischer Umbau vor, eine Reform des Sozialismus. Mit seinen Parolen von Glasnost und Perestroika öffnete er jedoch alle Schleusen der Kapitalisierung zugleich. Unter den Parolen „Nehmt Euch soviel Souveränität wie ihr wollt!“,  „Bereichert Euch!“ und „Abschaffung des Monopols der KP als alleiniger Staatspartei “ beschleunigte Boris Jelzin diesen Ansatz 1990/91 zur „Schocktherapie“, die viele Menschen als Zwangsprivatisierung erlebten. Sie ging in die russische Sprache schlicht als „Prichwatisierung“ ein, Raub. „Das Alte wird zerstört, Neues wird nicht aufgebaut“, kommentierte der Volksmund. Ergebnis war die Bereicherung einiger Weniger, die das Volksvermögen an sich rissen – während die große Mehrheit der Bevölkerung verarmte. Salopp gesagt: Jelzins „Reform“ lebte vom Speck, den die Sowjetunion, konkret die Arbeitskollektive sich in den Jahren des „realen Sozialismus“ zugelegt hatten und in denen der Einzelne versorgt war. Es mußte ein Restaurator, Putin, kommen, um den Zerfall zu stoppen. Seitdem ächzt die russische Entwicklung im Korsett der Restauration, in dem sich die ständig wiederholten Modernisierungsaufrufe verfangen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie anders in China! Deng Hsiao Ping, der Mao-Tse Tung nach dessen Tod 1976 in der Parteispitze folgte, hat Worte wie Glasnost, Perestroika, Privatisierung, Entkollektivierung, Souveränität, Abschaffung des Monopols der kommunistischen Partei und dergleichen nicht in den Mund genommen. Vor allem aber hat er es nicht zugelassen, die Partei, das heißt., die zu der Zeit einzige organisierende Struktur des Landes, aufzulösen. Statt dessen hat er das Experimentierfeld einer schrittweisen Zulassung privater Interessiertheit geöffnet, beginnend mit dem Zugeständnis an einige Bauernkollektive einer abgelegenen Provinz, ihr gemeinsames Land in eigener Regie zu bebauen. Die Bauern nutzten das Zugeständnis, das nach wie vor im Gemeinschaftsbesitz verbleibende Land individuell zu bearbeiten. Als die Produktivität in diesen Kollektiven auf diese Weise erkennbar stieg, gab die Partei Grünes Licht, diesem Modell im ganzen Lande zu folgen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so ging es Schritt für Schritt: Die Landwirtschaft boomte, die Bauern kamen zu bescheidenem Wohlstand. Sie brauchten Landmaschinen, Geräte und Maschinen für Haus und Hof. Es entstanden kleine Produktionsbetriebe auf dem Lande, Dienstleistungsangebote. Jetzt gab die Partei weiteres grünes Licht für die Gründung von Betrieben auf dem Lande. Vom Land sprang die Bewegung auf die Städte über: Die Partei erlaubte dort zunächst kleine Betriebe mit sieben Beschäftigten, wenig später wurde auch diese Beschränkung aufgehoben. Staatlicher und privater Sektor entwickelten sich nebeneinander. Sonderwirtschaftszonen wurden eingerichtet, in denen privates Wirtschaften in Konkurrenz zu den Staatsbetrieben  erprobt wurde. Inzwischen ist der staatliche Sektor zugunsten des privaten bis auf die strategischen Betriebe abgespeckt usw. usf. Weitere Details sollen hier nicht aufgezählt werden. Ein Blick auf die Chronologie der letzten Jahre zeigt, daß dieser Prozeß sich bis heute Schritt für Schritt fortsetzt. Alles dies geschah und geschieht unter Aufsicht der Partei. Sie legalisierte die „Experimente“ zunächst als „sozialistische Marktwirtschaft“, erweiterte ihre Definition dann auf das „Anfangsstadium des Sozialismus“. Wer zu weit aus der Reihe tanzte, wurde abgestraft. Opposition war und ist nur innerhalb der Partei, nicht außerhalb möglich. Aber Schritt für Schritt erweiterte sich der individuelle Spielraum für eigene, selbst verantwortete und selbst organisierte wirtschaftliche Tätigkeit und mit ihm, wenn auch zögernd und widerständig, der individuelle Rechtsraum. Neuere Beispiele dafür sind die Parteitagsbeschlüsse zum Schutz des Privateigentums 2006, die Einführung eines allgemeinen Arbeitsvertragsrechtes 2008, die Kodifizierung einer erneuerten Sozialgesetzgebung, selbst Ansätze zur Reform des Strafrechts, welche die sog. „administrativen Maßnahmen“, d.h., Verhaftungen und Verurteilungen ohne gerichtliche Verfahren abschaffen sollen. Interessanterweise geschieht dieser Ausbau des Rechtsraumes in intensiver Zusammenarbeit mit deutschen Beratern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Unterschied zwischen dem chinesischen und dem russischen Transformationsprozeß könnte krasser kaum sein und er wirft prinzipielle Fragen auf: Glasnost und Perestroika gaben Freiheit, ja! Selten konnte man sich in der Welt so unbehelligt bewegen wie im Rußland Jelzins. Aber was für eine Freiheit war das, die zugleich alle sozialen Sicherungssysteme auflöste und so die Bewegungsfreiheit der Mehrheit der Bevölkerung ökonomisch drastisch einengte? Im Ergebnis hat diese Freiheit zur Verelendung der Mehrheit der russischen Bevölkerung geführt, was nur deshalb nicht zu Hungereinbrüchen führte, weil die Menschen sich auf die Netzwerke der familiären Zusatzwirtschaft, Datscha, und ihre Gunstbeziehungen stützen konnten. Viele ältere Menschen können heute nicht einmal mehr den Bus zur Datscha bezahlen. Freiheit ist zu einer leeren Vokabel geworden. Putins restaurative Notbremse hat diesen Prozeß nur bedingt stoppen können, mehr noch, der Einschränkung, die die Bevölkerung durch den Verlust ihrer gemeinschaftlichen Sicherungssysteme erlitt, hat er im Bestreben, die Staatsmacht zu restaurieren, noch die Abschaffung der Basisorgane der örtlichen und regionalen Selbstverwaltung hinzugefügt und sie durch das System, der „gelenkten Demokratie“ ersetzt, die Initiativen von unten nach oben kaum durchläßt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Deng Hsiao Ping und seine Nachfolger dagegen schafften es, das Niveau persönlicher Interessiertheit und Produktivität wie auch der sozialen und rechtliche Absicherung Schritt für Schritt zu heben, indem sie die Erweiterung ökonomischer Spielräume davon abhängig machten, ob sie zur Anhebung der gemeinschaftlichen Versorgungsmöglichkeiten beizutragen geeignet wären.<a title="" href="#_edn4">[4]</a> Freiheit ist in China erkennbar kein Wert an sich, der individuell definiert wird, sondern eine Funktion des allgemeinen Volkswohlstandes, der Stabilität, Motto: Je höher das allgemeine Versorgungsniveau, desto größer die Bewegungsfreiheit für die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Die Partei kontrolliert diesen Prozeß, in dem sie sich auch selbst verändert, das heißt, in dem sie um die Zulassung dieser oder jener Neuerungen, die Lösung dieses oder jenes Problems wie etwa das der Wanderarbeiter interne Richtungskämpfe austrägt. Opposition findet innerhalb der Partei statt; sie repräsentiert das Ganze. Wer die Partei in Frage stellt, stellt China in Frage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Extremer könnten sich zwei unterschiedliche Verständnisse von Freiheit nicht gegenüberstehen: In Rußland verfassungsrechtlich garantierte individuelle Freiheit, die sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse für die Mehrheit der Bevölkerung jedoch in Abhängigkeit verwandelt, in China Parteidiktatur, unter deren Kontrolle sich an der Basis der Bevölkerung zunehmende individuelle Selbstständigkeit im Rahmen eines allgemein wachsenden Wohlstandes entwickelt. Angesichts dieser Tatsachen sagen heute nicht wenige Menschen in Rußland: ‚Ach, wären wir doch auch den chinesischen Weg gegangen!“ Auch aus dem Westen sind solche Stimmen zu hören. Aber ist dies wirklich eine Option?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Drei Fragen müssen dafür noch genauer betrachtet werden:</p>
<p>1. Was ist der Kern des Unterschiedes zwischen dem chinesischen und dem russischem Weg? Wo liegen seine kulturellen Wurzeln?</p>
<p>2. Hätte Rußland den chinesischen Weg gehen können? Kann es das jetzt?</p>
<p>3. Ist der chinesische Weg – auch mit Blick auf die heutigen globalen Probleme – der richtigere, oder gar einer, der die Zukunft bestimmt?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Um mit der Frage nach dem Kern zu beginnen: Er liegt im unterschiedlichen Verständnis von der Rolle des Staates. Im traditionellen Denken Chinas ist der Mensch Teil eines ganzheitlichen Kosmos, dazu berufen, die Beziehungen zwischen Himmel und Erde als harmonische Ordnung zu erkennen und diese Harmonie in seinem sittlichen Handeln zu fördern. Ein Jenseits hinter dieser Harmonie gibt es nicht, also auch keine Hoffnungen auf eine Erlösung aus dem diesseitigen „Jammertal“ in ein jenseitiges Paradies. Die Erfüllung des Lebens findet hier und jetzt statt. Der Staat ist dann gut, wenn er diesen Zielen dient. Und viele chinesische Kaiser haben versucht so zu handeln.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rußland steht, obwohl auch durch Asien stark beeinflußt, eher in der Tradition orthodoxer christlicher Jenseitigkeit, in der das leibliche Wohl dem geistigen, das Diesseits dem Jenseits untergeordnet wurde. Scharf gesprochen: Die Kirche kümmerte sich um die „Seelen“, die Körper blieben staatlicher Willkür überlassen. Die Frage einer allgemeinen Wohlfahrt im Diesseits wurde erst von der Oktoberrevolution auf die Tagesordnung gebracht, erwies sich aber mit deren Orientierung auf den kommenden Kommunismus, in dem es keinen Staat, keine Ausbeutung und keine Unterdrückung mehr geben werde, als Fortsetzung der traditionellen Vertröstungen auf das bessere Jenseits.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zur Verdeutlichung des chinesischen Verständnisses der Beziehung von Mensch, Staat und Welt sei hier zitiert, wie der Religionsforscher Helmuth von Glasenapp die „Grundgedanken der chinesischen Weltanschauung“ beschreibt. Unter dem Stichwort „Universalismus“ heißt es bei ihm: „Nach diesem bilden Himmel, Erde und Mensch die drei Komponenten des einheitlichen Alls, sie stehen in innigen Wechselbeziehungen zueinander und werden von einem allumfassenden Gesetz regiert. Alle Erscheinungen des Makrokosmos haben im physischen, geistigen und sittlichen Leben des Menschen ihre  Entsprechung, andererseits aber ist auch das, was die Ordnung in der menschlichen Gesellschaft aufrechterhält, die Richtschnur für das Weltgebäude. So heißt es im Buch der Sitte: ‚Die Kraft der Sitte ist es, durch die Himmel und Erde zusammenwirken, durch die die vier Jahreszeiten in Harmonie kommen, durch die Sonne und Mond scheinen, durch die die Sterne ihre Bahnen ziehen, durch die Gut und Böse geschieden wird, durch die Freude und Zorn den rechten Ausdruck finden, durch die die Unteren gehorchen, durch die die Oberen erleuchtet sind, durch die alle Dinge trotz ihrer Veränderungen nicht in Verwirrung kommen.’ In einem der ältesten Stücke des ‚Shu-ching’ heißt es:’ Es ist ein innerster Zusammenhang zwischen dem Himmel oben und dem Volke unten, und wer das im tiefsten Grunde erkennt, der ist der wahre Weise.“<a title="" href="#_edn5">[5]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Mensch dürfe sich aber nicht damit begnügen, den Kreislauf der Natur zu beobachten, schreibt Glasenapp weiter, er müsse vielmehr „auch bestrebt sein, durch seine ethische Gesinnung das erhabene Beispiel des Himmels nachzuahmen. Was für das Individuum gilt, gilt aber auch für die Gemeinschaft. Denn die Ordnung (tao) in der Natur, im Reich, in der Gesellschaft und im Leben des einzelnen sind auf innigste miteinander  verflochten: das eine bedingt das andere, und eine Störung in dem einen Teil des Universums hat auch Disharmonien in den anderen zur Folge.“ Für das chinesische Staatsverständnis bedeute das: „Der Herrscher des Reiches der Mitte galt ihnen daher als der alleinige und rechtmäßige Vertreter des Himmels auf Erden. Nach dem erhabenen Vorbild des Himmels hatte er das Weltreich zu  regieren; dem Himmel war er für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich.“<a title="" href="#_edn6">[6]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei Laotse, mit Konfuzius einer der bekanntesten Philosophen des chinesischen Altertums, aber im Unterschied zu diesem keineswegs ein Freund übertriebener staatlicher Kontrolle, nimmt dieses Denken in der Strophe 3 seines „Tao-Te-King“ folgende Form an:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Die Tüchtigen nicht bevorzugen,</em></p>
<p><em>so macht man, daß das Volk nicht streitet.</em></p>
<p><em>Kostbarkeiten nicht schätzen, so macht man, daß das Volk nicht stielt.</em></p>
<p><em>Nichts Begehrenswertes zeigen,</em></p>
<p><em>so macht man, daß des Volkes Herz nicht wirr wird.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Darum regiert der Berufene also:</em></p>
<p><em>Er leert ihre Herzen und füllt ihren Leib.</em></p>
<p><em>Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen</em></p>
<p><em>Und macht, daß das Volk ohne Wissen</em></p>
<p><em>Und ohne Wünsche bleibt,</em></p>
<p><em>und sorgt dafür,</em></p>
<p><em>daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen. </em></p>
<p><em>Er macht das Nichtmachen. So kommt alles in Ordnung.“ <a title="" href="#_edn7"><strong>[7]</strong></a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei gleich erklärt: Das „Herz“ ist im Chinesischen der Sitz der Begierden; „Wille“ ist im Sinne von Willkür und Ehrgeiz zu verstehen; „Wissen“ ist gleichbedeutend mit überflüssiger Information, inhaltslosem Intellektualismus; „jene Wissenden“ sind diejenigen, die das Volk mit falscher Gelehrsamkeit oder sinnlosen Informationen in die Irre führen oder gar betrügen. Der „Berufene“ ist der Erkennende, im Idealfall die höchste Kraft im Staate, der Kaiser, der dafür zu sorgen hat, daß die Ordnung des Himmels (und der Erde) nicht gestört, sondern durch kluges „Nichtmachen“ gewahrt und gefördert wird. „Nichtmachen“ bedeutet aber nicht etwa nichts zu tun, sondern sich entsprechend der dem Kosmos immanenten Gesetze zu bewegen. Das setzt ein Studium dieser Gesetze und den Willen voraus, ihnen zur Geltung zu verhelfen. Ordnung, so faßte es Konfuzius, der in dieser Frage strenger war als Laotse, ist die Voraussetzung für Freiheit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Durchaus zutreffend wird in dies in Wikipedia folgendermaßen beschrieben:</p>
<p>„Zentraler Gegenstand der Lehre des Konfuzius ist die (Gesellschafts-)Ordnung, also das Verhältnis zwischen Kind und Eltern, Vorgesetzten und Untergebenen, die Ahnenverehrung, Riten und Sitten. Konfuzius lehrte, daß erst durch die Ordnung sich überhaupt Freiheit für den Menschen eröffnet. So wie die Regeln eines Spiels Bedingung dafür sind, daß die Freiheit des Spielens entsteht, so bringt die wohlgeordnete Gesellschaft erst die Strukturen für ein freies Leben des Menschen hervor. Wie jeder Spieler aus Freiheit die Regeln akzeptiert, so akzeptiert auch der Edle Sittlichkeit und Pflichten. Ordnung unterdrückt also nicht die Freiheit, sondern eröffnet erst einen Handlungsraum, in dem menschliche Tätigkeiten einen Sinn bekommen…“.<a title="" href="#_edn8">[8]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es darf nicht übersehen werden, daß die konfuzianische Ethik ein Ideal ist, das im tatsächlichen Verlauf der chinesischen Geschichte immer wieder auch zur Erstarrung neigte., besonders aber im späten Kaisertum. Als dogmatischer Ritualismus, der an seinen festgefahrenen Zeremonien erstickte, trug es nicht unwesentlich zu dessen Niedergang im 17. und 18. Jahrhundert bei. Der revolutionäre Aufbruch Mao Tse Tungs, der dem „Nichtmachen“ der chinesischen Traditionalisten den Kampf gegen „alte Zöpfe“, den nationalen Befreiungskampf für die Gründung der VR-China und die von ihm eingeleitete Industrialisierung entgegensetzte, riß China aus dieser Erstarrung. Die Kulturrevolution machte sich zur Aufgabe die Wurzeln des Traditionalismus für alle Ewigkeit auszureißen. Mit dem Pragmatiker Deng Hsiao Ping, der Demokratie als Funktion wirtschaftlicher Stabilität begriff, kehrte die alte chinesische Staatsweisheit, in deren Verständnis Entwicklungen nicht erzwungen, sondern nur zugelassen werden können und die Rechte des Einzelnen untrennbar an seine seinen Pflichten für das Wohlergehen der Gemeinschaft gebunden sind, in modernisierter Form an ihren angestammten Platz zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Daß es auch in der heutigen Erneuerung des Verständnisses vom „guten Kaiser“ keineswegs alles „harmonisch“ verläuft, das sei hier noch einmal ausdrücklich betont, beweisen Ereignisse wie die am Platz des himmlischen Friedens, der Unterdrückung der Falun Gong Bewegung und auch die wachsende Spaltung der chinesischen Gesellschaft in Superreiche und das Heer der „Überflüssigen“, die keine Arbeit finden. Unübersehbar ist aber auch, daß die übergroße Mehrheit der chinesischen Bevölkerung der Partei heute vertraut und den von ihr vorgegebenen Rahmen sowie die darin geltenden Regeln als ihre eigenen akzeptiert, die man zwar um individuelle Spielräume erweitern möchte, die man aber nicht grundsätzlich in Frage stellt. Welche Verbindung dieses Verständnis mit der sich beschleunigenden Kapitalisierung Chinas in Zukunft eingehen wird, ist selbstverständlich eine offene Frage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz im Gegensatz dazu steht Rußland. Damit kommen wir zu der zweiten Frage, ob Rußland einen chinesischen Weg hätte gehen können, bzw. heute gehen könnte: Es sei gleich gesagt: Nein, konnte es nicht und könnte es nicht. Warum? Ausgehend von einem grundlegend anderen Staatsverständnis und entsprechenden historischen Erfahrungen, nämlich denen, daß der Staat seinen Zweck nicht darin sieht, dem Volk den ‚Leib zu füllen’ und die ‚Knochen zu stärken’, sondern im Gegenteil, sich am Volk zu bereichern, notfalls auch mit brutaler Gewalt, ist die russische, besser gesagt, die multi-ethnische russländische Bevölkerung von einem grundlegenden Mißtrauen gegenüber allem erfüllt, was mit dem Staat zu tun hat. Der Staat ist immer das Fremde, dem die eigene Welt, die eigene Gemeinschaft gegenübersteht. Freiheit, Vertrauen, Ethik liegen für die Mehrheit russländischer Menschen nicht innerhalb, sondern außerhalb staatlicher Ordnung. Der russische Begriff für dieses Verständnis von Freiheit lautet „volje“, was soviel wie Losgelassenheit, unbeschränkte Spontaneität, Regellosigkeit bedeutet, schließlich auch Wille, der in seinem Drang zur Selbstverwirklichung keine Rücksicht auf die bestehende Ordnung, ja nicht einmal auf das eigene Leben zu nehmen bereit ist. Damit geht „volje“ bereits in Willkür über. Dieses Verständnis von Freiheit ist tief in der russischen Kultur verankert, die in den schroffen Gegensätzen von derber, nicht selten brutaler Diesseitigkeit lebt und der extremen Sehnsucht ihr zu entkommen. Das Wesen dieser Sehnsucht ist eine irrationale Ungeduld, die auf Verwirklichung des Lebens hier und jetzt, auf Alles oder Nichts setzt – gleich, was es kostet. Dem gegenüber ist das modernere, gemäßigtere, eher westlich orientierte Verständnis eines weiteren Begriffes für Freiheit, „Swoboda“, als Freiheit von äußerem Zwang, von Bevormundung und individueller Unabhängigkeit in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft eher von ergänzender Bedeutung, ohne daß beide Elemente immer klar voneinander zu unterscheiden wären.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Ergebnis hat dieses in  sich widersprüchliche Verständnis von Freiheit jedoch systemsprengende Kraft, die ihrerseits die Gewalt der Staatsmacht auf den Plan ruft. So eskalieren sich beide Seiten gegenseitig. Das galt schon für die Zeit des Zarismus. Das galt, um den Druck der gewaltsamen Industrialisierung verstärkt, auch für die Zeit nach der Revolution und die weiteren Jahre der Sowjetunion unter Stalin und danach: Der Staat blieb der Fremde, wurde geradezu zum Feind, dem eine Gegengesellschaft, genauer ein ganzes Netz von Gegengesellschaften entgegenwuchs.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kurz gesagt: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte sich ein Potential an Ungeduld in der Bevölkerung der Union angesammelt, das nicht mehr unter dem Deckel gehalten werden konnte – es sei denn durch eine Wiederholung von Repression stalinschen Ausmaßes. Gorbatschow und die hinter ihm stehenden Kräfte hatten, so gesehen, überhaupt keine Wahl. Eine andere Frage ist, ob Jelzins Beschleunigung der Perestroika zur „Schocktherapie“ unvermeidlich war. Tatsache ist, daß schon Jelzin mit der Beschießung des „weißen Hauses“ und der Eröffnung des Krieges gegen die Tschetschenische Unabhängigkeitsbewegung den Rückwärtsgang einlegte, den Wladimir Putin dann mit voller Kraft fortsetzte. Das Grundproblem Rußlands, die tiefe Entfremdung der Bevölkerung vom Staat, der von der Bevölkerung immer noch, ja, durch den räuberischen Gang der Privatisierung erneut verstärkt, als Monster, als Betrüger, als Krake erlebt wird, die alle aussaugen will, ist auch nach zwölf Jahren Putinscher Restauration (Medwedew mit eingerechnet) nicht gelöst. Das reduziert die Chancen Rußlands, jetzt noch einen „chinesischen Weg“ einzuschlagen, das heißt, die Bevölkerung für einen dem chin esischen auch njur annähernd vergleichbaren nationalen Aufbruch zu stimulieren, in dem persönliche Freiheit als Funktion allgemeinen Wohlstands begriffen wird, ziemlich weit gegen Null – es sei denn, es gelänge einem zukünftigen Präsidenten Putin, der russischen Bevölkerung glaubhaft vorzuführen, daß das Ziel staatlichen Handelns darin läge, das Wohlergehen der Mehrheit der Bevölkerung mit allen Mitteln zu fördern. Dies müßte aber vor allem anderen heißen, das von Putin selbst installierte System der “gelenkten Demokratie“ in Frage zu stellen, ja, dessen Aufhebung zu fördern und die Modernisierung von oben, die der individuellen Bereicherung einiger Weniger nützt, durch eine Förderung von wirtschaftlichen Aktivitäten von unten abzulösen oder zumindest aktiv zu ergänzen, die den Wohlstand in Dörfern und Kommunen und Regionen höbe. Ob Putin dieses Kunststück einer Selbstdemontage aus eigener Kraft zustande bringt, muß bezweifelt werden.</p>
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<p>Hilfe liegt vielleicht in einer engeren Kooperation Rußlands mit China – und damit sind wir bei der dritten Frage, nämlich, ob der chinesische Weg der richtigere, vielleicht gar ein die Zukunft bestimmender sein könnte. Auch diese Frage ist, so gestellt, zunächst klar mit Nein zu beantworten. Kein Land in der Welt kann wie China, auf eine so alte und so tief verankerte Tradition der Einordnung des Individuellen in ein kosmisch begründetes Allgemeininteresse zurückgreifen. Das gilt wie gezeigt auch für Rußland. Die traditionelle chinesische Ethik, so hoch sie steht, kann nicht einfach auf die Welt übertragen werden, nicht einmal auf das China von heute – dies um so weniger, als sie durch die Flecken aus der jüngsten Geschichte beschmutzt ist. Zudem ist offen, wie China zukünftig mit Opposition umgehen wird, wenn die weitere Kapitalisierung des Landes zu schärferen sozialen Spannungen führen sollte.</p>
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<p>Nicht zu übersehen ist jedoch auch, daß die in der UNO vertretenen Völker, ungeachtet westlicher Kritik an der Verletzung der Menschenrechte durch China, sich immer wieder hinter die Position Chinas stellen, wonach Menschenrechte nicht nur individuell, sondern auch kollektiv zu verstehen und die Rechte auf Entwicklung, Nahrung und Arbeit als vollgültige Menschenrechte zu werten seien.<a title="" href="#_edn9">[9]</a> Nicht von der Hand zu weisen ist auch, daß chinesischer Pragmatismus, getragen von dem Wunsch, die „himmlische Ordnung“ im eigenen Interesse auch auf dem Feld der globalen Politik verwirklicht zu sehen, potentiellen Brandstiftern der Weltpolitik in den Arm fällt. Das könnte Rußland die notwendige Atempause, aber auch anderen „global playern“, sowie kleineren Völkern die notwendige Ruhe geben, am Übergang von einer aus dem Ruder laufenden globalen Finanzdiktatur, die Freiheit nur als Recht der individuellen Bereicherung kennt, zu einer internationalen Ordnung zu arbeiten, deren Freiheitsverständnis an der Entwicklung eines Wohlstands für alle Menschen, genauer, an einer Verbindung von individueller Freiheit und Gemeinwohl orientiert ist. In einer Welt der zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeiten stehen wir heute offensichtlich an der Schwelle, vom Entweder-Oder der Art: Schutz des Einzelnen vor der Gemeinschaft oder Schutz der Gemeinschaft vor dem Einzelnen in eine Welt des Sowohl-als-Auch überzugehen. Das bedeutet, die Wechselwirkung chinesischen und westlichen Verständnisses der Menschenrechte als Bereicherung für die Welt von morgen zu begreifen.</p>
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<p>Kai Ehlers, <a href="http://www.kai-ehlers.de/">www.kai-ehlers.de</a>                                                                   16.10.2010</p>
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<p><strong>Aktuelle Ergänzung:</strong></p>
<p><strong>US-Amerikaner aermer als Chinesen</strong></p>
<p><strong>Gallup-Umfrage dokumentiert globale Verschiebung</strong></p>
<p>Nach einer aktuellen Umfrage des amerikanischen Gallup-Instituts ist inzwischen die Armut in den USA sehr viel verbreiteter, als etwa in China. Damit widersprechen die Ergebnisse dieser Umfrage dem landläufig von den Medien gezeichneten Bild von unterversorgten Chinesen und vergleichsweise reichen Amerikanern. Den Teilnehmern der Umfrage zur Ermittlung des sogenannten &#8220;Well-Being-Index&#8221;, die in insgesamt 27 Ländern durchgeführt wurde dabei unter anderem die Frage gestellt, ob sie im vergangenen Jahr Schwierigkeiten gehabt haetten, sich ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Daß dies so sei wurde von 19% der Amerikaner bestätigt, während es im Jahr 2008 noch 8% gewesen waren.</p>
<p>Gegenüber China haben sich damit die Verhältnisse umgekehrt: 2008 lag der Anteil der befragten Chinesen, die entsprechend ihre Unterversorgung zur Kenntnis gaben, bei 16%. Bei der aktuellen Umfrage erklärten dies nur noch 6%.</p>
<p>Von seiten des chinesischen Staates war die Behebung sozialer Notlagen in der Bevölkerung zum vorrangigen Ziel erklärt worden. Auch war ein neues Arbeitsrecht eingeführt worden, das Beschäftigten eine Reihe von neuen Rechten zusichert, wie das auf einen Arbeitsvertrag, Kündigungsschutz, Abfindungen usw.. Als Vorlage dieser Gesetzgebung diente das deutsche Arbeitsrecht. In den USA wurden Versuche, die Sozialleistungen für Arme und Arbeitslose zu verbessern, weitgehend blockiert, während die Steuerbefreiungen für reiche US-Bürger ausgedehnt wurden. Auch die Konsequenzen der Finanzkrise treffen in erster Linie die armen Amerikaner und die Mittelschicht, während die Finanzindustrie wieder Rekord-Boni ausschüttete.</p>
<p>Daß die Anklagen gegenüber dem einen Prozent der reichsten Amerikaner erheblich radikaler vorgetragen werden, als etwa in Deutschland, wo sich die Protestbewegung noch vergleichsweise zahm zu Wort meldet, daß offen von &#8220;Diebstahl&#8221; und kriminellem Verhalten der Reichen und Mächtigen gesprochen wird, ist nach der hier dokumentierten Entwicklung unschwer nachvollziehbar.</p>
<p>Der Erweckungsprediger Reverend Billy bei der Besetzung der Wallstreet</p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=nsMUpkckTaE&amp;feature=related">http://www.youtube.com/watch?v=nsMUpkckTaE&amp;feature=related</a></p>
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<p>Quelle: Attac Info, <a href="mailto:gw@web.de">gw@web.de</a>, 16.10.2010</p>
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<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ednref1">[1]</a> Mehr dazu in meinem Buch „Erotik des Informellen – Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation,“ edition 8, Zürich, 2004</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref2">[2]</a> May-fair Mei-hui Yang, „Gifts, favors and banquets: the art of social relationships in China“, 1994, Cornell University, USA</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref3">[3]</a> Siehe dazu: Konrad Seitz, China im 21. Jahrhundert , Alfred Herrhausen Gesellschaf für den internationalen Dialog, März 2000</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref4">[4]</a> Siehe dazu den nebenstehenden Kasten</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref5">[5]</a> Helmuth Glasenapp, „Die fünf Weltreligionen“, Heyne, München, 2001, S.  142</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref6">[6]</a> ebda S. 153</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref7">[7]</a> Laotse, Tao-Te-King, Das Buch vom Sinn und Leben, in einer Übersetzung von Richard Wilhelm, 1910, Diederichs gelbe Reihe, München, 2004</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref8">[8]</a> http://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ednref9">[9]</a> Siehe dazu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China">http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China</a>, 15.10.2011</p>
</div>
</div>
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		<title>Vortrag inj Ulaanbaatar: &#8212; Attila, Tschingis Chan und global Perestroika today &#8211; &#8220;project 13&#8243; (english)</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Sep 2011 16:52:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Vorträge, dokumentiert]]></category>
		<category><![CDATA[Attila]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Europa;]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
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		<category><![CDATA[Russland]]></category>

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		<description><![CDATA[Speech about "Project 13" held on the 10th congress of Mongolists. Invitation for cooperation.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4241" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-4241" title="2011 06 Mongolei 1 021" src="http://kai-ehlers.de/wp-content/uploads/2011-06-Mongolei-1-0211-225x300.jpg" alt="Rede am Pult" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Vortrag zum &quot;Projekt 13&quot; beim 10. Kongreß der Mongolisten.</p></div>
<p><strong>How Chingis Chan’s children clashed with the children of Attil &#8211; Changes of global Relations in 13. Century and today &#8211; Looking for a new understanding of what could be the ‘middle of the world’.  In short: Presentation and explanation of ‘Project 13’. Kai Ehlers, Hamburg, www.kai-ehlers.de</strong></p>
<p>(slightly corrected text of a speech at the 10th Congress of Mongolists in Ulaanbaatar 9. – 13. 8. 2011, Organized by the “International Association of Mongolists” (IAMS). )</p>
<p>Dear friends, welcome to this meeting.<br />
Being not a Mongolist by profession, but a private researcher of Russian Perestroika and it’s consequences for Russia itself and our world in general I am very glad, having the opportunity to talk to You about a question, which is opening somehow behind nearly 25 years of investigating perestroika and behind mere political questions. It is the question of a common Eurasian cultural und mythological space, which may be openening today and in which I see myself, some co-workers of mine in Germany and in Russia more and more involved in the last few years. The longer I worked on this question, the more it changed from a simple question into a grown up project, which seems to me not only interesting in historical respect, but inspiring in sake of rising new ideas about the changes of today, too. This question is: Which was the impact of the Mongolian expansion on the decline of medieval Islamic culture, on the rise of western civilisation, on the  rise of Russia in the beginning of the 13. century? In other words: Which was the reason for the division of the Eurasian continent into Europe as the ‘West” and as a “middle of the world” and the remaining part of Eurasia as ‘east’, good for being colonized? How took this place – and, last not least: in what way can we overcome this division today?</p>
<p><em>For better understanding: </em><br />
<em>the role of Mongolia today – how it can be seen.</em></p>
<p>Although Mongolia of today is a very small country with just three million inhabitants, it is destined for playing a significant role in global perestroika, I think, for it may take the place of a neutralizing, the place of a calming factor between world powers, world powers,  which compete with each other for influence onto the continent of Eurasia und by means of this for control over the world.  I need only to remember to the well known book “the grand chessboard” by the American stratege Sbigniew Brzezinski, who tries very hard to show, that America should look upon the continent of Eurasia as a main claim to keep it’s world hegemony.</p>
<p>I would like to say even more: It is just because of it’s today’s weakness, I think, just because of it’s cultural and ecological vulnerability, that Mongolia can take this place of neutralisation in Eurasian connections<br />
and by this, of course, as I said, influencing global process of today’s change. I  understand Mongolian situation of today as a historical lesson: Influence not by size,  but by being small; civil power instead of military power. This is something to work on and to discuss about, definitely, I think! Understanding the change of Mongolia’s from a global Goliath in the 13th and 14th century to the  David of today, we may find a new idea, how to develop  inner Asian, common Eurasian and even global cultural dialogue today.</p>
<p><em>Epos “Attil and Krimhild” emerged from cultural underground</em></p>
<p>Facing all this, I translated the old and nearly forgotten Chuvash epos “Attil and Krimkilte” into German language and – together with some co-workers &#8211; published it in 2011 in Germany. The Epos tells the story of the king of the Huns, Attil, who died by his love towards the blue-eyed western beauty Kriemkilte. Attil and Kriemkilte, Attila and Kriemhielde are – of course –  known from the German epos of the Nibelung &#8211; and actually it is the same subject: conflict of east and west, migration of people aso. – but the story of Chuvashian epos is told by the view of the Chuvash. The Chuvash understand themselves as children of the Huns, later named as Bolgar, who settled in central Russia after the death of Attil. The epos was delivered orally from 6th century up to the 19th, when it was fixed finally. In time of Stalinism it was  dangerous to death to deal with the epos – because of supposed nationalism.  Only after perestroika it was possible to attend to it openly and so it emerged from underground only in 1992.</p>
<p>I came across the epos, when I met Chuvaschian “national” writer and historic Michail (Mischi) Juchma 1992 in Tscheboksary. We had been talking about  Perestroika and  rebirth of Chuvashian culture – when he suddenly pulled a script out of the depth of one of his cupboards – handwritten – and showed it to me:</p>
<p>Attil and Krimkilte – our forgotten Epos, he explained. O yes, I know, this is possibly part of the Nibelung – ‘our’ epos, I wondered. And so we sat, looking at each other: a son of the ‘old Huns’ (as he explained himself) – and a son the ‘old Germans’ and we understood, that this was a meeting of east an west in a very special sense, will say: we felt, that the story, the different epics about Attil where not property of the east and not of the west, but common Eurasian culture, only told from different sides – with the eye of the Huns respectively with those of the west.</p>
<p>It was then, that I decided to translate and to publish the Chuvashian epos – but it still took a long time. We succeeded to publish the epos in Chuvashia in 2001 in Chuvaschian language – not without my participation, I ought to say – then in Russian language 2006, in Armenian language 2007. Only then, in spring of 2011, we succeeded to publish a German translation in Germany. But all of us – I mean Chuvashian participants as well as German ones, who were involved in that project – are more than happy now, that we succeeded to publish the translation finally, because the translation of this epos into German defenitely proves to be a big step towards a closer dialogue between us, between west an east. By this epos can be shown, can be practically and openly experienced, that Eurasian historical deliveries can’t be divided into “national” or ideological pieces, like, for instance, German NAZIs did with the epos of  Nibelung. Obviously the Chuvasch epos of “Attil and Krimkilte” and the Nibelung are only different epical variants of a common history.</p>
<p>It has been very interesting to find the differences – and on the other hand the coincidences between the different ways of telling the events: as a story of revenge, for instance in the epos of Nibelung – as a story of unhappy love of a great leader, who perishes by this, in the Chuvash version.</p>
<p>I can’t go into details here, of course – You may read about these comparisons in our scientific commentaries in the book. They explain, what was the situation of the time of Attil and in what respect western and eastern tradition differ,  in what respect they equal each other. Investigating the migration of people in 4th and 5th century, which is bound to the name of Attil, we understood, that the development of today’s  Europe and the West, too, cannot be explained without the phenomenon of Attila and his surroundings – for they fought the Roman Empire, they brought feudalism to the western European people and &#8211; getting to know the use of horses by Attila and his Huns &#8211; the early European people developed European culture of knights.</p>
<p>All this is very interesting, exciting and worthwhile to go further into details and to investigate more intensely. And, of course, I would like to tell You the Details, too, how we were welcomed with the book itself and with the idea of going further into the common Eurasian epical space after publishing the book and what proposals already came out of it – in Chuvashia, in Kasan, in Nowosibirsk and at home. Truly – it looks like opening a treasure case, which has been hidden for hundreds of years.</p>
<p><em>What we learned by investigating the Epos ‘Attil and Krimkilte”.</em></p>
<p>But in sake of being short in this text, I will go further now to describe,<br />
how “project 13” developed: Investigating the epos “Attil and Krimkilte”, especially the time after the death of Attil and the retreat of the Huns, which is described in the epos, too, we came across the rise and the fall of Bolgarstan – this empire founded by descendents of the Huns in the centre of today’s Russia. Bolgarstan, like the Epos about Attil itself, is nearly forgotten today, if we don’t talk about specialists. But it was Bolgarstan, that grew up to the strongest Empire in the area between Volga, Ural and Caspi sea after the retreat of the Huns, when Attila had died. And Bolgarstan was strongly related to the Caliphate of Bagdad, the capital of the Islamic Empire, which – after Mohamed &#8211; had developed as  the leading culture in the western hemisphere of that time. And when we started to investigate Bolgarstan, we found, that not the Russian stopped the first wave of Mongolian conquerors, but the Empire of Bolgarstan, after the Russians had been beaten at the river Kalka.</p>
<p>But the most interesting and overwhelming was: We found, that there is a very short time, sort of a corridor at the beginning of the 13th century, which decided the future development not only of Eurasia, but of our world as a whole up to today – beginning with the defeat of the Russian at the Kalka in 1223, proceeding with the long and bloody war between Mongols and Bolgarian people from 1224 up to the total destruction of the Bolgarian Empire 1236. Only after the destruction of Bolgarian Empire – forming sort of a ‘bottle neck’ on the way to the west – the Mongolian troops could go further to the west &#8211; beating the combined western allies at Liegnitz 1241 and then destroying  Bagdad 1258.</p>
<p>And going into the Details of local history, we came across another surprise: We found, that there may be possible new answers to the question, why Mongolian troops did not occupy the western part of Europe, although after the battle of Liegnitz the European country lay before them totally unprotected. Why this? The majority of historics, at least western ones talk about some riddle, which could not be explained. Leading assumption is up today, that Mongolian leaders had to return to Karakorum, because of the death of their leading Chan. – Investigations following the history of Bolgarian Empire are revealing another possible reason:<br />
Exactly in 1241 Bolgarian people went into surrection against Mongolian invaders, which meant, that Mongolian troops, going further than Liegnitz, would have been cut off from their supplies. So Mongolian leaders may have decided to retreat and in a second step preferred going south conquering and burning Bagdad, which was a “closer enemy” to them than the western counties of todays Europe. There are some new archaeological testimonies about bloody battles between Mongols and the Bolgarian resistance near Pensa 1241, which should be recognized. And it should be recognized too, that it seemed to be more important for the Mongols to fight the highly developed Islamic countries than the relatively undeveloped countries of today´s Europe.</p>
<p>To sum up: The events round about the two dates – 1241 Liegnitz  and 1258 Bagdad – changed the relations between east and west fundamentally: The Islamic Empire of  middle age decreased – western Europe increased, took the place of the Caliphate as new global Hegemon, Russia grew frontier between East an West. The middle of the world turned from the centre of Eurasia to its utmost western corner, from where the whole globe was colonized. – And now? This question occurs evidently today, of course. There seem so work some long term historical waves, what may  be understood better, if we understand, what was the origin of earlier waves, how they followed each other and – last not least – in what way they are present in peoples remembrance.</p>
<p>Necessary to add, that the change in 13. century can’t be understood as a consequence of Mongolian invasion only. There have been reasons within the Islamic world, within the development of western part of today’s Europe and within the situation of late “Kiewski Rus”, too. These processes had already been accelerated, when Mongols destroyed Bolgarstan, when they spared Europe and when they cooperated with the Russians in a sort of junior partnership after destroying Bolgarstan. Shortly said: There was a kind of collectivism of the Islamic “Umma”, which had stopped it’s inner development in contradiction to the wide spreading expansion of the empire;  there was a rising of individualism, diversity and variety in western Europe on the other hand as a consequence of Christian believe and there was sort of chaotic space in the centre of Eurasia after destruction of Bolgarstan and late, already deceasing Kiew, in which Moskowien could develop as sort of a buffer zone between Mongolian Empire and western Europe.</p>
<p>These and rather a lot more tendencies had developed. They have to be considered, if one wants to understand, why and how the division of the Eurasian continent into Western Europe and the “remaining rest”  took place after the new establishment of the Mongol empires, of course, but one fact  has to be fixed without any doubt: If the Mongolian conquerors had  n o t  destroyed Bolgarstan first, if they had n o t spared Europe from occupation and at the same time destroyed Bagdad, the inner dynamics of Eurasian continent would have developed in a very different way. And this means, the world in whole would have developed in a different way.</p>
<p><em>Going further with Epos of “Yltanpik”.</em></p>
<p>All these events and tendencies, which occurred by the confrontation of the children of Attil and the Mongolian conquerors in 13th century can be shown by another Epos, which, too, is delivered by Chuvashian folklore. It is the tragedy of Yltanpik, who was the last Zar of Bolgarstan in the beginning of 13th century and who fell together with the fall of  Bolgarian empire. The epos tells the bloody story of the war between Mongolian conquerers and Bolgarian defenders in the time from 1224 to 1236, beginning with the description of life in Bolgarstan, ending with the death of Yltanpik and the destruction of Bolgarstan.</p>
<p>Necessary to say: The Epos about Yltenpik is not the only subject, which was emerging before our eyes, when we  started to look into history, legends and myths before and after the death of Attil. It´s an amazing number of Eurasian epics, legends, myths ore just oral remembrance, which is emerging, if you once begin to look for them:</p>
<p>- There is a more general figure named „Ulyp“: We came across this name, when we were working on the text of „Attil and Krimkilte“. Further investigations in Cheboksary in April 2011 have showen, that there is another, even older epos, compiled by the late Chuvashian author Sijanin. The figure of “ulyp” could be somehow similar to the mythological hero of the western European figure of Arthur.<br />
- There is an Inguschian  Epos about „Narti“, newly found  by a young woman named Anna Kusnetsova, who contacted us.<br />
- There is the Geogian Epos  byRustaveli about the “man in tigershape”,<br />
- there are motives like the tibetian-altaian Cheser Chan, like the Turkish Dede Korkut, a Turk circle of legends a.s.o.</p>
<p>I stop here – because we are only beginning, but a whole cosmos of  common Eurasian remembrances, although shattered into different names, aspects, epics, legends and stories is already opening. We decided to pick them up step by step, while we are dealing with Yltanpik. What we see today, may be called a re-awakening of Eurasia – freed from animosities, divisions, prejustices, which have been separating the continent into civilized and uncivilized, developed and so called underdeveloped areas, into polarities of western enlightment and eastern mysticism  and so on and so on. Instead of that there could grow a new esteem of what is the original, the actual heritage of Eurasia, if it is not cut into national or ideological pieces. I would call this heritage: mutual enrichment by cultural interaction of variety. That may be the message rising from a continent, which is remembering not only its history, as it can be seen by outer facts, but the cultural origins and even spiritual powers behind it.</p>
<p><em>Focussing the next step: Epos about bolgarian Zar Yltanpik.</em></p>
<p>But this is a glance into tomorrow: As to the next step we found, that it will be useful and necessary focussing on the epos of  Yltanpik, which means, working on, talking about this small corridor of time at the beginning of 13th century, when the sight of Eurasian continent changed in that gigantic measure!</p>
<p>Work on the text already started. Behind the epos itself we want to show:<br />
1. The clash in the beginning of 13th century:<br />
- Short story of Bolgarstan before the arrival of the Mongols.<br />
- Story of the wars between 1224 und 1258.<br />
2. Consequences of Mongolian expansion:<br />
- Destruction of the Islamic Caliphates.<br />
- Rise of  Europe.<br />
- Development of Russia as „buffer zone“ in the triangle:<br />
Moscow-Kasan-  Chuvashia (late Bolgarstan).<br />
3. The events of 1224 – 1241 &#8211; 1258, seen with Mongolian eyes.<br />
4. First glance to the common Eurasian mythological space as a future question of investigation  – Ulyp/Gral.<br />
5. Scientific informations: Chronology, names a.s.o.</p>
<p><em>Inviting for cooperation</em></p>
<p>So round about the time of Yltanpik and it´s consequences there is rising a lot of questions to the children of Attila, to those of Great Bolgarstan, to the people living at the Volga today, to Russian, especially Sibirians and people of far east as well as to western historics – and to ourselves, of course. That is one side and some cooperation already started. But there is an equal lot of questions towards Mongolian scientists and to scientists, who deal with Mongolian history, maybe even more, because from that side very little is known in the West, at least at us, concerning the events in the beginning of 13th century. But there is a lot to be found on the Mongolian side, too, I am sure.</p>
<p>Important to emphasize, that we – my-coworkers and I &#8211; are not just interested in differences of views, but more: We think, it´s time, I mean, it is now possible and it is necessary to bring forgotten, repressed, even suppressed memory of Eurasian history into the light of today’s changes. This means collecting, analysing and publishing forgotten or repressed historical  views, legends, epics, myths and even stories and tales, which have been delivered only in oral way or had to survive in political and cultural underground. So this is, what we want to talk about at this congress, hoping to find co-workers, who are interested to go together with us in this project, beginning with the epos of Attil, which only opened a possible discourse, continuing with Yltanpik as the very next step of concrete investigation. Seen from both sides, that means, seen by western, Bolgarian, Russian, and western European eyes as well as by the eyes of Mongolian (ore at least Mongolists) we may find a new understanding, of what was going on at that short time of history at the beginning of 13th century – and which may be the consequences, which have to be kept in mind in respect to today’s global perestroika, when the “middle of the world” seems to be changing again.</p>
<p><strong>Kai Ehlers</strong><br />
<strong>www.kai-ehlers.de</strong></p>
<p>There are three books of mine in German language, dealing directly with questions, which are subject of “project 13”, too. The can be ordered by my internet-address.<br />
•    Asiens Sprung in die Gegenwart – Entwicklung eines Kulturraums inneres Asien, Pforte 2006,  10 € (plus Porto)<br />
•    Attil und Krimkilte, Das tschuwaschische Epos aus dem Sagekreis der Nibelungen, Rhombos, 2012, 42 € (plus Porto)<br />
•    Kultur der Jurte, Probleme der Modernisierung des nomadischen Lebens. Gespräche mit mongolischen Partnern. 14,80 (plus Porto)</p>
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		<title>&#8220;Griechische Tragödie&#8221; &#8211; Komödie, Satire, Krise?</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/forum-integrierte-gesellschaft/2010-05-31-3816</link>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 17:27:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forum Integrierte Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Treffen "Forum integrirte Gesellschaft": In kleiner Runde verlief unser Begegnungstreffen zur „Griechischen Tragödie“ sehr angenehm und erhellend.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Treffen &#8220;Forum integrierte Gesellschaft&#8221;: In kleiner Runde verlief unser Begegnungstreffen zur „Griechischen Tragödie“ sehr angenehm und erhellend. Ich will die Gespräche hier keineswegs nachzeichnen. Nur soviel: Am Ende stand die Frage im Zentrum, ob und wie Geld wieder in eine dienende Funktion gebracht werden kann, statt als Ware für mehr Geld verkauft zu werden – aber dies, ohne dabei in der Geschichte rückwärts zu gehen. Es ist offensichtlich, dass dieser einfache Gedanke eine grundsätzliche Umgestaltung unserer jetzigen gesellschaftlichen Verhältnisse nach sich zieht: Dienendes Geld, dienende Banken, eine dienende Wirtschaft, die uns die Mittel verschafft, persönliche, lokale, regionale Verantwortung zu übernehmen, statt uns vom Diktat der Geldvermehrung ersticken zu lassen.</p>
<p>Wie kann eine solche Ordnung aussehen? Wie kommen wir dahin? An diesen Fragen werden wir weiter denken und wirken und uns dazu treffen, jede/r an seinem Ort – und demnächst auch wieder in gemeinsamer Runde.</p>
<p>Zunächst aber werden wir uns, um  die Welt nicht nur durch die Brille von Dollar, Euro oder Yen sehen zu müssen, zu einem anderen Thema treffen:</p>
<p>Ich lade ein, wir laden ein zu einer neuen Begegnung</p>
<p><strong>Am Samstag, 12.6.2010 ab 15,00 Uhr </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zu einer Lesung </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Kalmückischer Märchen</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Und Gesprächen zu Ursprung und Bedeutung von Märchen</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Es gilt wie beim letzten Mal: Wer kommt, der kommt.</p>
<p>Anmeldung wäre trotzdem schön – ein kleiner Beitrag für´s Leibliche auch.</p>
<p>Wir sitzen draußen oder in der Jurte, bei Unwetter auch im Haus.</p>
<p>Ich freue mich auf  Euch. Wir freuen uns auf Euch.</p>
<p>Kai Ehlers</p>
<p>Im Namen des „Forum integrierte Gesellschaft“</p>
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		<title>Kartoffeln haben wir immer</title>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 13:04:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(Über)leben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha. Das heutige Russland als Beispiel für eine sich für die Zukunft abzeichnenden  Symbiose gemeinschaftlicher Selbstversorgung und industrieller Fremdversorgung.  
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong>(Über)leben in Russland <a title="Kartoffeln haben wir immer" href="http://kai-ehlers.de/vortrageseminare/zu-themen-meiner-bucher/2012-05-17-kartoffeln-haben-wir-immer-2">zwischen Supermarkt und Datscha</a>. Das heutige Russland als Beispiel für eine sich für die Zukunft abzeichnenden  Symbiose gemeinschaftlicher Selbstversorgung und industrieller Fremdversorgung.</p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>Einladung zum &#8220;Griechischen Theater &#8211; Kollektivhaftung oder Selbstverantwortung?</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/forum-integrierte-gesellschaft/2010-05-10-einladung-zum-griechischen-theater-kollektivhaftung-oder-selbstverantwortung</link>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 17:36:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Forum integrierte Gesellschaft" lädt ein: Stichwort: griechische Krise - Was kommt da auf uns zu?  Wie man sich der aktuellen Metamorphose der griechischen Kultur nähern?
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Forum integrierte Gesellschaft&#8221; lädt ein: Stichwort: griechische Krise &#8211; Was kommt da auf uns zu?  Wie man sich der aktuellen Metamorphose der griechischen Kultur nähern? Wie gehen wir in Zukunft mit unseren kulturellen Verschiedenheiten um? Sind sie nur noch eine ineffektive Belastung, die beseitigt werden muss – oder ist auch eine andere Zukunft denkbar? Wie kann sie aussehen?<strong> </strong></p>
<p>Ich gehe davon aus, dass Ihr Eurerseits ebenfalls reichlich Fragen und Ideen zum Thema mitbringt, sodass wir unser Stichwort mit Gewinn für alle von verschiedenen Seiten einkreisen können.</p>
<p>Ich denke an zwei Themenrunden:</p>
<p>Eine um 16,00 Uhr, eine zweite gegen 18,00 Uhr.  Als Zeit genug für Begegnung. Schön wäre es, wenn Ihr für die Gesprächspausen etwas &#8211; nicht viel &#8211; für das leibliche Wohl mit dabei hättet.</p>
<p>Ich freue mich auf Euer Kommen.</p>
<p>Eine Nachricht, ob Ihr beabsichtigt zu kommen, wäre nicht schlecht – aber selbstverständlich geht es auch noch spontan.</p>
<p>Ich freue mich auf  Euch,</p>
<p>herzlich, Kai</p>
<p>Anfahrt: U1 bis Farmsen, Rummelsburgerstr. 78, 64 789 791, mail: <a href="mailto:info@kai-ehlers.de">info@kai-ehlers.de</a> (Nachtquartier ist notfalls auch vorhanden)</p>
<p><strong>* Die Runde ist ein privates Treffen, keine öffentliche Veranstaltung</strong></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Kritischer Blick auf Medwedew</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/aktuelle-beitrage/2009-12-19-kritischer-blick-auf-medwedew</link>
		<comments>http://kai-ehlers.de/texte/aktuelle-beitrage/2009-12-19-kritischer-blick-auf-medwedew#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 19:42:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagesthemen]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Medwedew]]></category>
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		<description><![CDATA[Wollte man den Worten Medwedews glauben, dann begann in Russland im Frühjahr 2008 eine neue Phase der Reformen. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wollte man den Worten Medwedews glauben, dann begann in Russland im Frühjahr 2008 eine neue Phase der Reformen. Noch vor dem Wechsel der Präsidenten hatte Medwedew auf ein Wachstum orientiert, das die bis dahin erreichte 7% Marke übersteigen sollte. Dabei, so hatte er angekündigt, wolle er sich aktiv der „Förderung der sozialen Sphäre“ widmen: Im Schweizer Davos hatte er, ebenfalls noch vor dem Wechsel, den versammelten Vertretern des ausländischen Kapitals optimale Investitionsmöglichkeiten versprochen. Auf dem russischen Wirtschaftsforum in Krasnojarsk erklärte er, er werde sich als Präsident auf die „Vier großen I´s“ konzentrieren – Institute, Infrastruktur, Innovationen, Investitionen – und zudem die schon unter Putin beschlossenen vier „nationalen Projekte“ verwirklichen, ohne die eine Modernisierung nicht möglich sei. Das waren Programme zur Förderung des Wohnungs-, des Bildungs-, des Gesundheitswesens sowie der Agrarwirtschaft, die von Wladimir Putin im Jahre 2005 ausgerufen worden waren, dann aber stecken blieben.<br />
Für die Realisierung eines solchen Weges brauche das Land gesetzestreue Bürger und eine freie Presse, teilte Medwedew der Öffentlichkeit mit. Oberstes Ziel des Regierungshandelns müssten Garantie und Schutz des Privateigentums sein. „Freiheit ist besser als Unfreiheit“, lautete der Wahlspruch, den Medwedew verkündete. Dabei gehe es um „Freiheit in allen Bereichen: um die persönliche Freiheit, um die wirtschaftliche Freiheit und letztlich um die Freiheit der Selbstverwirklichung.“<br />
Nach der Wahl setzte Medwedew diese Linie bei Besuchen in Peking, danach in Berlin und weiter beim Wirtschaftstag in St. Petersburg fort. Nach diesen Äußerungen wurde er unter Hinweis auf seine juristische Biographie als Liberaler gelobt. Seine Reden über Marktwirtschaft und bürgerliche Freiheiten „waren spektakulär in unseren Ohren“, so der damalige deutsche Außenminister Steinmeier, auch wenn man natürlich abwarten müsse, was tatsächlich geschehe. Der Vertreter des „Ostaussschusses der deutschen Wirtschaft“, Klaus Mangold, begrüßte nach vollzogenem Wechsel von Putin auf Medwdew vor Journalisten in Moskau die „Intensivierung des Modernisierungsprozesses“ in Russland als Schritt zum „zügigen Beitritt Russlands zur WTO“. In der russischen  Presse wurde Medwedew, zwar verhaltener, aber doch mehrheitlich als mögliche national-liberale Ablösung des autoritären Kurses Wladimir Putins begrüßt. Die Frage stellte sich nur, ob er sich werde durchsetzen können. Von spöttischer Charakterisierung Medwedews als „Liliput“ bis zur Hoffnung, es werde ein operatives „Tandem“ des alten und des neuen Präsidenten geben, gingen die Einschätzungen.<br />
Was dann kam , nannten Spötter die „drei großen K´s“. In der Tat, statt der „vier großen I´s“ bestimmten Krieg, Krise und Korruption die ersten Monate on Medwedews Amtsführung. In der Auseinandersetzung im mit Saakaschwili musste er im August 2008 als Kriegsherr auftreten; die darauf einsetzende Weltfinanzkrise traf Russland an seiner empfindlichsten Stelle, den Einahmen aus Öl- und Gasexport, auf denen der Boom der vorangehenden Jahre unter Putin beruht hatte. Medwedew konnte seine Wachstumsprognosen selbstverständlich nicht halten, als der Ölpreis innerhalb weniger Monate um mehr als zwei  Drittel sank. Die Korruption, auch unter Putin durchaus Thema, nahm unter diesen Umständen Maßstäbe an, die Medwedew dazu veranlassten, den Kampf dagegen zur Haupt- und Chefsache zu erklären.<br />
Aber während die westliche Welt wieder einmal erwartete, dass Russland in die Kniee gehen werde,  dass das “Tandem“ Medwedew/Putin an dieser Situation auseinanderbrechen könne, schlossen Medwedew und Putin sich arbeitsteilig umso fester zusammen. Medwedew gewann Legitimität, indem er zu neuem Aufbruch mahnte, Entbürokratisierung förderte, zu neuen Anstrengungen in der Modernisierung ermutigte, dem Ausland mit Vorschlägen für „eine neue europäische Sicherheitsarchitektur“ neue Perspektiven anbot. Manche russische Kommentatoren identifizierten ihn gar als Vertreter einer „Perestroika II“. Putin als Ministerpräsident betätigte sich indes als Mann „für´s Grobe“.<br />
Exemplarisch, wie die beiden im Mai 2009 arbeitsteilig kooperierten, als im Mai 2009 die Einwohner der Monostadt Pikaljewo die für St. Petersburg einberufene russische Wirtschaftstagung durch Barrikaden der Magistrale darauf aufmerksam machten, dass der Oligarch Deripaska drauf und dran war, eine ganze Stadt durch Stillegung der ein seinem Besitz befindlichen Zementproduktion und Verweigerung von Lohnzahlungen glattweg auszuhungern: Während Medwedew den Wirtschaftstag durchführte und für Perspektiven der Modernisierung warb, widmete Putin sich der Lösung des Problem direkt vor Ort, in dem er Derikpaska vor laufenden Kameras dazu verdonnerte, die Produktion wieder aufzunehmen, die Löhne zu zahlen, also, seinen konkreten sozialen Verpflichtungen nachzukommen – ungeachtet der Frage, welchen Stellenwert das für eine generelle Krisenlösung hatte.<br />
Auch die aktuellsten Aufforderungen Medwedews zu beschleunigter Modernisierung, vom Westen weithin als Kritik an Putin verstanden, sind nicht etwa Ausdruck eines Zerwürfnisses zwischen den Präsident und Ministerpräsident; im Gegenteil stellte Putin sich in einer Rede vor der Partei „Einheitliches Russland“ demonstrativ hinter die Mahnungen seines Präsidenten, der Modernisierung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Umgekehrt erklärte Medwedew“ Alle Versuche mit dem Namen der Demokratie Unruhe zu schaffen werden unterbunden.“<br />
Auch Medwedew bleibt –  allen Versprechungen der Entbürokratisierung , allen Aufforderungen zur Selbstorganisation, allen Vorlieben für westliche Kultur zum Trotz – jener russischen Tradition verpflichtet, welche die Wirtschaft und die Gesellschaft von oben lenkt, wenn auch er die Betriebsbürokraten und Oligarchen auffordert ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen. Hierin unterscheidet er sich nicht von Putin. Sie bekleiden lediglich unterschiedliche Ämter. Was so entstehen könnte, das formulieren russische Soziologen als neue mögliche Aussicht, ist ein sozial orientierter russischer Oligarchismus, der von einer staatlichen Bürokratie kontrolliert wird.<br />
Schließlich sei noch angemerkt: Dem Versuch Obamas, Europa bis zum Ural zu umarmen, um so das atlantische Bündnis zu erneuern, begegnete Medwedew souverän, diplomatischer, könnte man sagen, als Putin, ohne dabei russische Interessen aufzugeben. Um Gegenteil, um nur die aktuellsten Schritte zu nennen: Mit der Unterschrift Frankreichs unter das Gasprom-Projekt der South-Stream Pipeline ist die Nabucco-Konkurrenz der EU vom Tisch; mit der Gründung einer Zollunion von Kasachstan, Weißrussland und Russland gewinnt Russland wirtschaftlichen Spielraum. Auch die bevorstehenden neuen Vereinbarungen zur atomaren Abrüstung sind ein Ausdruck davon.<br />
Auch diese äußeren Daten zeugen davon, dass es für das „Tandem“ Medwedew/Putin zur Zeit keine Gründe gibt, seine Arbeitsteilung neu zu organisieren – es sei denn, die materiellen Bedingungen der Politik änderten sich. Darüber zu spekulieren ist sinnlos.</p>
<p><strong>Kai Ehlers<br />
www.kai-ehlers.de</strong></p>
<p><strong>Zum Thema erscheint im Februar<br />
Russland: „Kartoffeln haben wir immer“ – Überleben zwischen Supermarkt und Datscha.“<br />
Horlemann Verlag</strong></p>
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		</item>
		<item>
		<title>V I D E O: Kai Ehlers life zur Krise aus Tarussa 2009</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/videos/2009-10-22-2657</link>
		<comments>http://kai-ehlers.de/videos/2009-10-22-2657#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 22 Oct 2009 11:21:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Woche Tarussa: Teilaufnahme einer Sommerrecherche Zur Frage, welche Gestalt die Krise in Russland hat.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Woche Tarussa: Teilaufnahme einer Sommerrecherche Zur Frage, welche Gestalt die Krise in Russland hat</p>
<p>Übernahme aus <a href="http:///" target="_blank">russland.ru</a></p>
<p><object style="width: 425px; height: 367px;" width="425" height="367" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="AllowFullscreen" value="true" /><param name="AllowScriptAccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.myvideo.de/movie/6736978" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><embed style="width: 425px; height: 367px;" width="425" height="367" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.myvideo.de/movie/6736978" AllowFullscreen="true" AllowScriptAccess="always" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" /></object></p>
<p>siehe dazu auch mein Buch: Kartoffeln haben wir immer</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Russland zwischen Supermarkt und Datscha</title>
		<link>http://kai-ehlers.de/texte/thesen/2009-07-25-russland-zwischen-supermarkt-und-datscha</link>
		<comments>http://kai-ehlers.de/texte/thesen/2009-07-25-russland-zwischen-supermarkt-und-datscha#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 25 Jul 2009 14:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Thesen Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Datscha]]></category>
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		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
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		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[WTO]]></category>

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		<description><![CDATA[Thesen zur russischen Wahrnehmung der weltweiten Krise.

Wie wird die Krise in Russland wahrgenommen und welche Wege der Bewältigung sind erkennbar? Momentaufnahme einer Recherche im Sommer 2009. 
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Thesen zur russischen Wahrnehmung der weltweiten Krise.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wie wird die Krise in Russland wahrgenommen und welche Wege der Bewältigung sind erkennbar? Momentaufnahme einer Recherche im Sommer 2009. </strong></p>
<p>Boris Kagarlitzki, Direktor des russischen „Zentrums für Globalisierung und soziale Bewegungen“, schrieb angesichts des aktuellen Krisenverlaufes im Mai 2009<a href="#_edn1">[1]</a> zu der Frage, wie sich die gegenwärtige Krise von den Krisen 1990/1 und 1998 unterscheide: „In der Zeit des ökonomischen Aufschwungs veränderte sich die Situation des Arbeitsmarktes. Das ist jetzt schon nicht mehr die nachsowjetische Gesellschaft, in der die Menschen sich aus den Gärten ernähren konnten, in der Betriebe ihre Arbeiter halten konnten, während sie ihnen keinen Lohn auszahlten, die Menschen sich aber durch irgendwelche sozialen Vergünstigungen versorgten und an Werte des Arbeitskollektivs appellierten. Millionen Menschen siedelten inzwischen in die wachsenden großen Städte um, jetzt  können sie nicht zurückkehren und Kartoffeln  ziehen – sie haben einfach keine Gärten mehr und die Familien blieben sechs Tagereisen weit in anderen Oblasten und in einem anderen Leben zurück. Millionen Menschen, die sich in den 1990er Jahren aus Arbeitern oder Ingenieuren zu kleinen Händlern umschulen konnten, sind inzwischen umgeschult. Und was jetzt tun mit den Millionen für die Wirtschaft nicht benötigten Trägern weißer Kragen, den Haltern kreditierter Automobile, den durch Hypotheken finanzierten oder gemieteten Wohnungen, was tun mit den Arbeitern der Gesellschaften, die in den Bankrott gehen?“ Die heutige Krise, so Kagarlitzki,  lasse demjenigen, der ihr verfalle, im Unterschied zu der Krise von 1991, als es Aufstiegschancen für eine Minderheit gegeben habe, im Gegensatz zu der Krise von 1988, die kurz gewesen sei und die mit dem Aufstieg der Industrie und dem Anstieg der Ölpreise geendet habe, „auf individuellem Niveau &#8230; keinerlei Chancen“. Die Krise konfrontiere die russische Gesellschaft vielmehr mit der der Logik des kapitalistischen Systems, aus dem es keinen individuellen Ausweg gebe: Das Prinzip „Jeder für sich selbst“ funktioniere nicht mehr. Hoffen könne man nur noch auf „andere“ Wie könne man aber auf andere hoffen, wenn alle dahin getrimmt worden seien, dass jeder nur für sich selbstverantwortlich sei? Die „Nicht-Mehr-Gewohnheit für andere Verantwortung zu tragen“, schließt Kagarlitzki, sei daher das „hauptsächliche ‚systemische’ Problem der russischen Gesellschaft in der gegebenen Etappe ihrer Geschichte.“ Dies gelte es zu begreifen und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Welche, sagte Kagarlitzki in diesem Text nicht.</p>
<p>Die Umschau im Lande selbst ergab:</p>
<p>1. Mit dieser Position repräsentiert Kagarlitzki zur Zeit die radikalste Sicht auf die russische Krise. Diese Sicht kam auch auf der Konferenz „Russland , die globale Krise und die WTO“ zum Ausdruck, die vom „Institut Globalisierung und soziale Bewegung“ im Dezember 2008 in Moskau durchgeführt wurde: Die globale Krise wurde dort mehrheitlich als Systemkrise des Kapitalismus verstanden, die Russland infiziere und Russland damit konfrontiere erkennen zu müssen, wohin die kapitalistische Logik unausweichlicher Weise führe. Die Lasten der Krise würden auf die Bevölkerung abgewälzt. Aus dieser Analyse heraus kam die Konferenz zu der Position, dass ein möglicher Beitritt Russlands zur WTO kritisch zu überdenken und eine Kampagne dagegen zu entwickeln sei.<a href="#_edn2">[2]</a></p>
<p>2. In ihrer Einschätzung der Krise als systematisches Produkt kapitalistischer Logik ist die Kritik der radikaldemokratischen Linken zugleich Ausdruck der im Lande vorfindlichen allgemeinen Stimmung, welche die krisenhafte Entwicklung als Produkt des aus dem Westen importierten „Kapitalismus“ begreift – allerdings eher summarisch und athmosphärisch, als konkret und analytisch und ohne dass der Linken daraus personell direkt neue Potenzen erwüchsen. Die Bandbreite dieser Stimmung reicht von der schlichten Feststellung, alles hänge heute mit allem zusammen, bis zu dem Verdacht, Opfer westlicher Manipulationen zu sein, insbesondere US-amerikanischer, die bewusst angezettelt worden seien, um Russland durch den Zusammenbruch der Öl- und Gaspreise zu schwächen.</p>
<p>3. Aus dieser allgemeinen Gestimmtheit heraus werden die Maßnahmen der Regierung, insbesondere auch die demonstrativen Auftritte Putins ohne Ausnahme als Schritte verstanden, die von ihm aufgebaute Stabilität zu retten. Das gilt für Putins „Machtwort“ gegenüber den Bankern, die er bei Androhung von Haft anwies, die Stützungsgelder der Regierung tatsächlich als Kredite an die Industrie weiterzugeben. Das gilt für Modernisierungsprojekte wie die von Anatoly Tschubajs geleitete Kommission zur Entwicklung der NANO-Technologie, in die mit eigenem russischen Geld ausländisches Know-how ins Land gezogen werden soll. Das gilt ebenso für Putins demonstrative Auftritte, mit denen er vor Ort Krisenmanagement betreibt. So bei seinem Auftritt in dem Monostädtchen Pikaljéwo, wo er vor laufender Kamera den Oligarchen Deripaska verpflichtete, ausgesetzte Lohnzahlungen sofort zu begleichen und die Produktion sofort wieder aufzunehmen – ungeachtet der Frage, wo das Geld herkomme und ob der „Markt“ die Produkte aufnehmen könne. Eine Woche später prangerte Putin in einer Supermarktkette vor laufender Kamera die überhöhten Preise an – am Tag darauf waren die Preise um ein Drittel gesenkt. Der Beifall des TV-Volkes war ihm gewiss.</p>
<p>4. Differenzen gibt es in der Beurteilung, welchen Charakter die Stabilität habe und was die Auftritte Putins konkret bewirkten. Dem breiten Beifall für seine „entschlossene Aktionen“ stehen sehr kritische Sichtweisen gegenüber, und zwar sowohl aus Kreisen des „Busyness“ als auch aus der Tiefe der Bevölkerung, welche die Krise von einer ganz anderen Seite her beleuchten: Da ist zum einen die Position von „Insidern“, die die Krise mit den Augen des Geschäftsmannes sehen. Sie verstehen die Krise als Poker globaler Konzerne, an dem auch die russische Regierung zusammen mit Gasprom teilnehme. Als einer der zur Zeit potentesten Kapitalhalter habe Russland die dabei Chance, profitversprechende Produktionsstätten „für fast nichts“ zu kaufen wie Anteile von OPEL und andere. Dabei habe die Krise für das russische Inland zugleich den Effekt, das russische, wie auch das in Russland investierte ausländische Kapital von überflüssigen Arbeitskräften zu „reinigen“.</p>
<p>5. Aus der Sicht der abhängig Beschäftigten – vornehmlich ihrer kritischen Vertreter, versteht sich – steigert sich dieses Grundverständnis der Krise dahingehend, das gesamte Krisengeschehen für ein inszeniertes Theater halten, bei dem „Politik“ und „Kapital“ mit verteilten Rollen der Bevölkerung mehr Leistung abverlangten und gleichzeitig das Geld aus der Tasche ziehen wollten, um in dem internationalen Poker optimal mithalten zu können. Stichwort: „Sie nutzen die Krise, um sich zu sanieren.“ Aus dieser Sicht werden die Auftritte Putins als „peinlich“ erlebt, weil diese Noteinsätze deutlich machten, wie wenig die Regierung darüber wisse, wie das „Volk“ tatsächlich lebe und wie wenig ihr auch an einer tatsächlichen Beseitigung der Folgen der Krise für die Bevölkerung gelegen sei – denn es liege ja auf der Hand, dass letztlich keinerlei Verbesserung für die individuellen Opfer der Krise aus solchen Auftritten folge. Die Auftritte seien nur mediales Makeup zur sozialen Beruhigung.</p>
<p>6. In der Tat ändern die Auftritte Putins so gut wie nichts an den ökonomischen Auswirkungen und Folgen der Krise; sie verschärfen eher noch die auseinanderdriftende Polarität zwischen einer vom Bedarf losgelösten, nur um des Profites willen stattfindenden Produktion und der Verwandlung dieses Profites in eine Spekulationsware auf der einen und einen „Markt“, der nicht mehr in der Lage ist, die vom Bedarf losgelösten Produkte aufzunehmen auf der anderen Seite. Die Bevölkerung ist ja im Zuge der Krise noch weniger in der Lage, Produkte zu konsumieren, für die weder realer Bedarf noch ausreichend Geld vorhanden ist, wenn sie nicht mit aggressiver Werbung und Kreditversprechen künstlich dazu angereizt wird. Während Putin in Worten den unsozialen Umgang von Bankern, Oligarchen, Händlern und Spekulanten mit der Krise öffentlich geißelt, forciert er deren Verschärfung durch weitere Ankurbelung dieser vom Bedarf losgelösten Produktion. Das ist: Kritik des Neoliberalismus in Worten, dessen Fortsetzung in Taten. Diese Maßnahmen sind mit dem westlichen Krisenmanagement zu hundert Prozent vergleichbar.</p>
<p>7. Klare Unterschiede liegen dagegen in der Art der Regierungsauftritte, in denen Ökonomie durch Politik ersetzt wird. Manch westlicher Politiker dürfte die russische Regierung für Inszenierungen wie die in Pikaljéwo heimlich beneiden. In der Bewertung russischer Analytiker, wie übrigens auch im sozialen Alltag, trifft man sich in der Sicht, dass die autoritären Strukturen durch die Krise gestärkt werden; von basisgewerkschaftlicher Seite wird sogar zunehmende Repressionen beklagt, mit der Proteste niedergehalten würden. Andererseits wird die Bevölkerung sich selbst überlassen. Analytisch genauer formuliert: Die Krise reproduziert die traditionellen russischen Strukturen einer bürokratisch gelenkten Wirtschaft, während sie gleichzeitig die Individualisierung und Dezentralisierung weiter hervorbringt; ob das Zentrum, konkret das Tandem Putin Medwedew, daraus gestärkt hervorgehen wird oder eher geschwächt, darüber sind die Meinungen allerdings so geteilt wie die Ansichten zum morgigen Wetter.</p>
<p>9. Für die Bevölkerung bedeutet die Krise: Wegfall von „überflüssigen“ Arbeitsplätzen, die in der Boomzeit gehalten wurden, Entlassungen, Wegfall des in der Boomzeit üblichen „schwarzen“ Anteils der Lohntüte, offizielle Lohnkürzungen bis hin zur Zurückhaltung von Löhnen. Gleichzeitig steigen die Preise für Lebensmittel – allerdings nicht für alle Produkte, sondern auf Grund der Rubelabwertung für ausländische Waren. Die Preise für einfache Grundnahrungsmittel aus russischer Erzeugung sind zum Teil sogar gesunken. Dafür steigen die Kosten für infrastrukturelle und soziale Einrichtungen der Versorgung &#8211; Strom, Gas, Wasser, Verkehr usw. usw. Förderungen für öffentliche Initiativen, Kulturarbeit etc. werden rundum massiv gekürzt. Der Druck auf die Bevölkerung, die sich in der aufsteigenden Kreditwelle des zurückliegenden Booms vertrauensvoll und leichtsinnig verschuldet hat, steigt enorm. Darin ist Boris Kagarkitzki zuzustimmen,</p>
<p>10. Russland hat allerdings, das ist hier festzuhalten, gewissermaßen noch einmal Glück gehabt, von der Krise erfasst zu werden, b e v o r  die durch den Boom der letzten Jahre anrollende Kreditwelle im eigenen Lande zu den Ausmaßen anwachsen konnte wie im Ursprungsland der Krise, den USA. Russland ist an der Kreditfalle eben noch vorbeigeschrammt. In Erkenntnis dieser Tatsache wurde die Hürde für private Kreditaufnahmen zu Konsumzwecken, die im Jahr  zuvor noch leicht zu nehmen war, wenn man nur einen Arbeitsplatz nachweisen konnte, inzwischen entschieden erhöht. Jetzt wird nicht nur der Nachweis eines Arbeitsplatzes verlangt, sondern die Bonität des potentiellen Kreditkunden rundum geprüft. Eine allgemeine Verschuldung der Bevölkerung wie etwa in den USA wird es in Russland deshalb wohl nicht geben, eher eine Reduktion auf reale Formen des Austausches, eine Konzentration auf die eigenen Kräfte, auf den Erhalt und Ausbau persönlicher Autarkie in Form traditioneller und neuer Formen von Eigenversorgung. Genereller gesprochen gilt das auch für die Verschuldung des Staates; was den Staat angeht, liegt Russlands Problem sogar eher darin, die in den Boomjahren zurückgelegten Gelder so anzulegen, dass daraus keine inflationären Tendenzen erwachsen. Konsequenterweise bemüht man sich jetzt, damit dem norwegischen Modell folgend, verstärkt um Anlagen im Ausland,</p>
<p>11. Unbedingt zu relativieren ist vor diesem Hintergrund die Aussage, die russische Bevölkerung sei nach dem Boom der letzten acht Jahre nicht mehr in der Lage, auf Strukturen der Selbstversorgung zurückzugreifen. Es stimmt, dass der Boom Millionen von Menschen vom Land in die Städte gezogen hat, viele von ihnen als illegale Gastarbeiter. Wenn diese Millionen durch die Krise ihre Arbeit verlieren, werden nur die wenigsten in der Lage sein sich selbst zu versorgen. Dann bilden sie ein Krisenpotential in den großen Städten, von dem große Bedrohungen der sozialen Ruhe ausgehen können.</p>
<p>12. Tatsache ist aber, dass selbst in den Metropolen die Datscha, der Hofgarten, das eigene Stück Land vor der Stadt nach wie vor zur Grundausstattung vieler Familien gehören. Mehr noch, die Krise hat der „familiären Zusatzversorgung“ eine neue Bedeutung gegeben. Viele Menschen haben sich im Frühjahr 2009 entschieden, ihre Datscha wieder stärker zu bewirtschaften, ggflls. auch bewirtschaften zu lassen. Menschen aus der näheren Umgebung der Metropolen, die ihre Arbeit verloren, kehr in ihre Orte zurück. Zu diesen Bewegungen gibt es selbstverständlich keine Statistiken, aber Gartenausrüster wie OBI standen Anfang des Jahres nicht nur in den Regionen Russlands, sondern auch in Moskau im Boom; ihre Regale mit Samen und Pflanzen waren ausverkauft. Selbst in einem „Kurort“ wie Tarussa, 150 KM südlich von Moskau, gilt die Datscha heute immer noch &#8211; und wieder &#8211; als Lebensversicherung, hat die örtliche Verwaltung die Bevölkerung zur privaten Nutzung brachliegenden Landes vor der Stadt aufgerufen. Das gleiche Bild in Tscheboksary, der Hauptstadt Tschuwaschiens an der Wolga. Dort rief eine Versammlung des Tschuwaschischen Kulturzentrums zur erneuten Nutzung des brachliegenden Landes auf. Einzelne Personen, die aus dem Arbeitsprozess herausgefallen sind,  spielen mit dem Gedanken, ländliche Gemeinschaften zu bilden, die gemeinsam eine Datschensiedlung kultivieren. Auf gut dreißig bis vierzig Prozent der Bevölkerung wird der Anteil derer geschätzt, die sich zur Zeit über familiäre Zusatzwirtschaft selbst versorgen. Dieser Einschätzung muss, darauf direkt angesprochen, auch Boris Kagarlitzki zustimmen.</p>
<p>13. Die überbordende Urbanisierung, die Verödung des Landes, in dem die Felder brach liegen, der Verfall der Dörfer, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen, wurde auch von der Regierung als Problem erkannt. Im letzten Jahr wurde ein Agrarprogramm neu aufgelegt, das die Rekultivierung des ländlichen Raumes fördern soll. Mit der Europäischen Union wurde 2008 ein Agrarförderungsprogramm vereinbart. Einzelne Initiativen zur Revitalisierung der Dörfer, zur Stärkung regionaler Entwicklung werden mit staatlichen Geldern unterstützt. So ein Pilotprogramm zur Revitalisierung von Dörfern im Oblast Archangelsk, das der „Wosroschdennija russkich Derewen“, der „Widergeburt des russischen Dorfes“ gewidmet ist. Unter den Bedingungen der Krise bekommen alle diese Programme eine erkennbare Dringlichkeit.</p>
<p>14. Was sich – verstärkt durch die Krise &#8211; so herausbildet, ist ein Nebeneinander von beschleunigter Modernisierung der industriellen Produktion im westlichen Stil bei gleichzeitiger Abstützung der Volkswirtschaft, also letztlich des Modernisierungsprozesses auf die Strukturen der Eigen- und Selbstversorgung &#8211; des Landes wie auch des Einzelnen im Rahmen seiner individuellen Versorgungszusammenhänge. In dieser Polarisierung liegt zweifellos die Gefahr einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft in Tradition und Moderne, in Land und Stadt, in arm und superreich. Andererseits liegt gerade in dieser Konstellation auch die Chance, dass die Modernisierung des Landes zu einer Symbiose von industrieller Fremdversorgung und familiärer, lokaler, regionaler und sogar nationaler Eigenversorgung führt, wenn diese beiden Pole als unabweisbare, historisch gewachsene strategische Elemente begriffen werden, deren Wechselwirkung heute aktiv gefördert werden muss und kann. In dieser Symbiose wird ein möglicher Ausweg aus der Krise erkennbar, der auch über Russland hinaus Bedeutung haben könnte: eine moderne Kombination von Fremd- und Eigenversorgung, in der sich die allgemeine industrielle Produktion mit dem tatsächlichen Bedarf vor Ort verbindet, sich gegenseitig ergänzt, begrenzt und optimiert. In einer solchen Kombination liegt eine mögliche Botschaft Russlands für einen Weg aus der globalen Systemkrise.</p>
<hr size="1" /><a href="#_ednref1">[1]</a> Der Text erschien  unter der Überschrift: „Das Ende der Stabilität“ in der russischen Zeitschrift „Alternative“[1], 31.05.2009</p>
<p><a href="#_ednref2">[2]</a> Siehe dazu: Lewaja Politika, Nr. 9, Ende der Stabilität, S, 1. f</p>
<p>geschrieben für: <a href="Rosa-Luxemburg-Stiftung" target="_blank">Rosa Luxemburg Stiftung</a></p>
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		<title>Die Krise nutzen –  Ausbruch oder Aufbruch aus der Wachstumsbrache?  Vom ökonomischen zum sozialen und kulturellen Wachstum.</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Jun 2009 16:03:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kai</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Welches sind die Entwicklungskräfte heute? Annäherung an einen Kulturraum der Entschleunigung.
        <p>
            &copy; 2012 Kai Ehlers.
            <br />
            Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.
        </p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Welches sind die Entwicklungskräfte heute?</em></p>
<p><em>Annäherung an einen Kulturraum der Entschleunigung.</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p><strong>1.</strong> Wir befinden uns in einer globalen Wachstumskrise. Das pfeifen inzwischen schon die Spatzen von den Dächern. Aber was ist das Wesen der Krise? Äußerlich erscheint sie als Finanz- und Wirtschaftskrise, in deren Verlauf sich die materiellen Errungenschaften und Werte der Industriegesellschaft westlichen Typs in ihr Gegenteil verkehren. Die Folgen linearen ökonomischen Wachstumsdenkens verwandeln die Welt in eine Ansammlung von Wachstumsbrachen, die das Leben auf unserem Planeten bedrohen: Versorgungssicherheit verkehrt sich in existenziellen Mangel, tendenzielle Befreiung von physischer Arbeit lässt, verstärkt durch ungebremstes Bevölkerungswachstum, ein Heer von „Überflüssigen“ entstehen, die nach neuen Aufgaben suchen. Sie finden aber keine, da sie durch die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse wie etwa Harz IV heute in Deutschland daran gehindert werden, ihre freigesetzten Kräfte zu entfalten. Und weiter: Unabhängigkeit vom Zwang ursprünglicher Selbstversorgung und Konsumfreiheit verwandelt sich in Abhängigkeit von Fremdversorgung und Konsumzwang, wenn Produkte wissentlich störanfällig hergestellt werden, um baldigen Neukauf zu erreichen. Mobilität verwandelt sich in Staus usw. Utopien vom besseren Leben enden schließlich in Resignation. In dem Maße wie die industriellen Zentren ihre Definitionsmacht als Boten und Hüter des globalen Wohlstands verlieren, gehen sie dazu über, ihre Vormacht mit Gewalt aufrechtzuerhalten. George Orwells Vision einer Gesellschaft der „Neusprach“, in der Frieden Krieg und Krieg Frieden heißt, droht sich vor unseren Augen zu verwirklichen. Manch ein Mensch sieht unsere Welt bereits am Ende. Nicht wenige starren, vermittelt durch pseudowissenschaftliche Medienkolportagen, auf das Jahr 2012, eine angebliche Prophezeiung des Weltendes nach dem Mayakalender, oder auf andere esoterische Daten, die einen nahen Weltuntergang verkünden.</p>
<p><strong>2.</strong> Richtig verstanden sind all diese Vorgänge, die uns heute in Folge der aktuellen Krise beunruhigen, aber keineswegs Zeichen für das Ende allen Wachstums. Sie sind vielmehr ein Signal dafür, dass die Zeit des vornehmlich ökonomischen Wachstums der Menschheit vorbei ist und wir in die Phase eintreten, in der das soziale und kulturelle, sprich das moralische und geistige Wachstum an die erste Stelle rückt. Das heißt nicht, wirtschaftliche Fragen gering zu schätzen, es geht aber darum, sie mehr als bisher sozialen Kriterien zu unterwerfen, sie geistig und moralisch zu durchdringen. Wir müssen uns diesen Signalen beugen, ob wir wollen oder nicht. Tun wir es nicht, werden wir die Kontrolle über die ökonomischen Kräfte verlieren, die wir entwickelt haben, werden wir von den Wachstumsbrachen erdrückt, die unser zivilisatorischer Fortschritt hervorgebracht hat und noch immer hervorbringt. Das gilt für die ganze Reihe neuer und neuster Technologien von der Atom- bis hin zur Gen- und Nano-Technik. Die wichtigsten Brachen jedoch, die aus der Zeit des ungezügelten ökonomischen Wachstumsdiktats zurückblieben, tragen die Namen Faschismus und Stalinismus. Als zwei Seiten einer Entwicklung sind sie Ausdruck des im letzten Jahrhundert gewaltsam beschleunigten industriellen Fortschritts, welcher Mensch und Natur über die Grenze des Möglichen hinaus auspowerte. Er pervertierte Arbeit, die höchste Fähigkeit des Menschen die Welt tätig zu verändern, in Zwangsarbeit – Vernichtung durch Arbeit, reduzierte den Menschen auf seinen ökonomischen Nutzen, zerstörte seinen sozialen und moralischen Glauben an den Wert des menschlichen Lebens.  Deutlicher konnte die Perversion des bloß ökonomisch orientierten Fortschritts nicht mehr werden. Diese Brache enthält mehr noch als die anderen zuvor genannten die Botschaft, dass weitere Entwicklung nur möglich ist, wenn die Rekultivierung der Brachen, die aus der bisherigen ökonomischen Entwicklung der Menschheit hervorgegangen sind, über die wirtschaftliche Bewältigung der Krise hinaus bewusst als Aufgabe erkannt und angenommen wird, um so den Übergang in die neue Phase des sozialen und geistigen Wachstums zu ermöglichen.</p>
<p><strong>3. </strong>Indes setzen erst einmal die Länder der „dritten“ und der „vierten Welt“, die nach den zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts in der wirtschaftlichen Entwicklung aufgeholt haben, zum Sturm auf das kriselnde Zentrum der Industriezivilisation an. Diese Bewegung ähnelt in ihren äußeren Zügen dem Ansturm der Hunnen, Germanen, auch Nordafrikaner und anderer Völker, der damals so genannten Barbaren auf das untergehende Rom. Ergebnis war seinerzeit eine Neuordnung der Welt: Ein Teil dieser Völker wurde in die lang andauernde Krise Roms integriert, ein anderer Teil von Rom bekämpft und vernichtet, ein dritter Teil bildete neue, eigene Kulturen außerhalb der untergehenden Weltmacht. Dieses Muster wiederholt sich heute in globalem Maßstab mit den bisher als unterentwickelt geltenden Ländern und Völkern in der Rolle moderner Barbaren: Einige werden in die sog. westliche Wertegemeinschaft integriert wie Eurasien oder Nordafrika, andere bekämpft wie Irak, Iran oder vernichtet wie die Taliban, dritte wachsen zu eigenständigen Kulturen außerhalb des bisherigen Zentrums der industriellen Zivilisation heran wie China, Indien, Südamerika, Australien, der indonesische Raum. Selbst Afrika rüttelt an seinen bisherigen Fesseln. Eine multipolare, plurale, kooperative Weltordnung kündigt sich an, in der großes Erneuerungspotential liegt. Noch folgt diese neu entstehende Welt allerdings in ihren Hauptströmungen jenen Vorgaben der alten Welt, die dort bereits in die Krise gekommen sind, das heißt, den Idealen des unbegrenzten, ja, stürmischen ökonomischen Wachstums.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>4.</strong> Um die dynamischen, lebensförderlichen Elemente der heutigen Krise befreien zu können, müssen die zur Zeit geltenden Wachstumskriterien grundlegender hinterfragt werden, als das bisher geschieht. Das Wachstum der Versorgung der Menschheit ist an einem Punkt der Entwicklung angekommen, an dem sich ihre zwei Grundelemente, Selbstversorgung und Fremdversorgung, die vom Wesen her zusammen gehören wie  Individuum und Gemeinschaft, im Zuge der Sytemkonfrontation unserer Welt in eine unfruchtbare Polarität von Fremd- ODER Selbstversorgung gespalten haben und auch jetzt weiter spalten. Das Bewusstsein von der gegenseitigen Abhängigkeit, die dann fruchtbar ist, wenn sie als untrennbaren erkannt und freiwillig bejaht wird, ging verloren. Dabei wird, je nach sozialem und politischem Herkommen der Betrachterinnnen und Betrachter, wahlweise die eine oder die andere Seite als fortschrittlich oder rückständig verurteilt, ohne dass im allgemeinen Diskurs bisher geklärt worden wäre, wovon jeweils die Rede ist, wenn von dem einen oder dem anderen gesprochen wird. Selbstversorgung als Egoismus? Fremdversorgung als Altruismus? Selbstversorgung als Ausdruck der Unabhängigkeit? Oder umgekehrt Fremdversorgung als Statussymbol des freien Menschen? Selbstversorgung als Mangel? Fremdversorgung als Reichtum? Oder wider ganz anders: Selbstversorgung als Reichtum, Fremdversorgung als Entfremdung des Menschen von seinen Fähigkeiten? Selbstversorgung als romantischer Rückzug aus der Krise? Fremdversorgung als Flucht vor der Verantwortung? Fragen über Fragen. Die Frage nach den in die Zukunft weisenden, genauer nach den in eine lebensförderliche Zukunft weisenden Elementen des heutigen Umbruchs ist aber nur zu beantworten, wenn die Beziehung zwischen Selbstversorgung und Fremdversorgung, also zwischen Individuum und Gemeinschaft geklärt, wenn mögliche Veränderungen in diesen Beziehungen bewusst wahrgenommen und auch politisch gestaltet werden.</p>
<p><strong>5. </strong>Selbstversorgung dürfte die ursprüngliche Form der Versorgung eines Menschen, seiner Gruppe, seiner Horde, eines Stammes, Clans oder auch Dorfes gewesen sein. Daran besteht wohl wenig Zweifel, zumal es auch heute noch solche Formen der ursprünglichen Selbstversorgung gibt. In dieser Lebensweise ist der Mensch noch sehr eingeschränkt. Im Laufe der Geschichte wurde Selbstversorgung durch arbeitsteilige Produktion von Gütern, die gegen Geld über den Markt getauscht wurden, zunächst ergänzt, dann in weiten Teilen der menschlichen Gesellschaft abgelöst oder ganz verdrängt. Die Entwicklung der arbeitsteiligen Fremdversorgung war zweifellos ein Schritt, der die Menschheit aus der Abhängigkeit von zufälligen örtlichen und zeitlichen Umständen begrenzter Vorsorgemöglichkeiten befreit und der den Lebensradius der Menschen, auch den kulturellen, also, den sozialen, den geistigen erheblich, schließlich bis in den globalen Raum hinein, erweitert hat. Insofern ist die Geschichte der Fremdversorgung identisch mit der Geschichte der Gesellschaft. Als  e i n  zur Zeit herrschendes Ergebnis dieser Entwicklung haben wir die heutige globale Industriegesellschaft und ihre Konsumkultur.</p>
<p><strong>6. </strong>Die über Markt und Geldverkehr vermittelte Fremdversorgung war jedoch historisch nicht die einzige Möglichkeit, die engen Grenzen ursprünglicher Selbstversorgung zu erweitern. Ein anderer Entwicklungsstrang ließ Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung einschließlich selbstversorgender Eigenproduktion auf Basis gegenseitiger Hilfe und unterschiedlicher Formen gemeineigentümlicher Eigentumsverhältnisse entstehen. In ihnen spielten Markt und Geldverkehr gegenüber unmittelbarem Tausch und gegenseitiger sozialer Unterstützung eine untergeordnete Rolle. Solche Versorgungsstrukturen sind  vorzugsweise im eurasischen Raum, besonders in der russischen Kultur, aber auch an anderen außereuropäischen Orten und zu anderen als den heutigen Zeiten entstanden. Hieraus haben sich auch andere soziale Realitäten ergeben als im heutigen Westen – eher gemeineigentümlich orientierte Verhältnisse anstelle von privateigentümlichen. Solche gemeineigentümlichen Grundverhältnisse haben Auswirkungen bis heute, manche bestehen trotz voranschreitender Industrialisierung bis in die Gegenwart.</p>
<p><strong>7. </strong>Beide Entwicklungswege liegen heute als real existierende gesellschaftliche Verhältnisse, zum Teil in gemischten, zum Teil in reinen Formen vor: Hier privateigentümliche Geldwirtschaft, deren Kern das sich selbst verwertende Geld, dort gemeinwirtschaftliche Strukturen, deren Kern die soziale Sicherheit ist. Heute sind die einen wie die anderen, wo sie in extremer Form auftraten wie der „Fürsorgestaat“ sowjetischen Typs oder der Manchesterkapitalismus in Ländern des Westens, an ihre Grenze gekommen, bei der sie in ihrer Vereinseitigung jeweils ins Disfunktionale umschlagen: Auf der einen Seite ging die Fremdversorgung in eine von den konkreten Lebensbedürfnissen losgelöste Überproduktion über und tut dies in zunehmendem Maße, weil nicht mehr die Versorgung, sondern die aus dem Vorgang der Versorgung zu schlagende Geldvermehrung ihr Inhalt ist. Dies ist ja einer der wesentlichen Inhalte der gegenwärtigen Finanzkrise. Damit wird die Fremdversorgung von einer fortschrittlichen Kraft, die sich zum Nutzen aller entwickelte, in zunehmendem Maße zu einem krisentreibenden Element – eine von der konkreten Produktion losgelöste Finanzblase entsteht,  die Menschen entfremden sich von eigenem Tun, werden von anonymen Marktkräften beherrscht. Selbstversorgung andererseits rutscht auf den Stand der Beschränkung von Individuen zurück, die sich aus der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ausklinken wollen oder auch mangels Geld aus dem Kreislauf der Fremdversorgung ausgeklinkt werden; für diese Menschen wird die Überschaubarkeit, die soziale Sicherheit der Selbstversorgung ebenfalls zum Abseits, letztlich zur Falle, aus der sie sich nicht mehr lösen können. Schwindende Verantwortungsfähigkeit des Menschen für die Organisation des eigenen Lebens bis hin zu hin zu sozialer Lethargie, Verödung lokaler und regionaler Räume ist in beiden Fällen die Folge, obwohl scheinbar ganz unterschiedlich verursacht.</p>
<p><strong>8. </strong>Eine Lösung dieses Widerspruches steht auf der Tagesordnung. Sie kann in der Kombination von Fremd- und Selbstversorgung liegen. Ein bewusstes Zusammenführen beider Elemente kann sowohl die ins Extrem treibende Fremdversorgung, welche jede Eigentätigkeit zu verdrängen beginnt, als auch die Reduzierung des Menschen auf eine Selbstversorgung, die ihn von der Welt abschneidet, hinter sich lassen. Wo dies geschieht, kann, das Extrem isolierter Selbstversorgung ODER alles verdrängender Fremdversorgung hinter sich lassend, eine neue, lebensförderne, sich gegenseitig ergänzende Symbiose entstehen. In ihr kann sich Fremdversorgung an dem Bedarf orientieren, der nicht von einer als gemeinschaftliche Eigenproduktion organisierten Selbstversorgung gedeckt werden kann oder soll, während Selbstversorgung sich auf die Nutzung der lokalen, regionalen oder auch globalen Besonderheiten konzentrieren kann. Im Mittelpunkt einer solchen Organisation des Lebens steht immer der konkrete Bedarf des konkreten Menschen und zwar nicht als Forderung, sondern als Tatsache. Das schließt den Umgang mit Natur-Ressourcen und allgemeinen Kulturgütern mit ein. Sie optimiert darüber hinaus nicht nur die wirtschaftliche Versorgung, sondern lässt auch größeren Raum für soziales und kulturelles Geschehen entstehen. Das öffnet  einen emotionalen und seelischen Raum für die Erneuerung lebendiger Beziehungen zwischen den Menschen und damit für kulturelle Erneuerung. Einen Begegnungsraum, einen Spielraum, in dem soziale Fantasie sich entwickeln kann.</p>
<p><strong>9. </strong>Eine solche Entwicklung zu denken, bedeutet, obwohl sie „eigentlich“ selbstverständlich erscheinen könnte, grundlegende Paradigmen des herrschenden Menschenbildes zu hinterfragen: In der Perspektive einer lebensförderlich orientierten Symbiose von Fremd- und Eigenversorgung ist der Mensch nicht mehr die Art des Selbstversorgers, der allein seinen eigenen Bedarf deckt, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt, aber so – quasi unbewusst und unfreiwillig – den „Markt“ in Gang setzt, wie Adam Smith meinte. Und er ist dies weder auf der einfachsten Stufe der ursprünglichen Selbstversorgung, noch auf der entwickelten Stufe  der gesellschaftlich organisierten Selbstvermehrung des Kapitals. Er ist aber, so gesehen, auch nicht mehr der Fremdversorger – im Sinne des Konsumenten, der allein von den Produkten einer entfremdeten, globalisierten Produktion lebt, ohne selbst zu seiner eigenen Versorgung am Ort seines Lebens noch etwas Eigenes tun zu können, der zumindest aber in zunehmendem Maße von ihr abhängig wird. Ebenso wenig ist der Mensch in dieser Perspektive jemand, der allein von den Produkten seines eigenen Anbaus oder Jagdergebnisses lebt – nicht einmal in der pervertierten heutigen Form von Schäppchenjagden, gezieltem Billigkonsum oder Mülltonnenernten aus dem allgemeinen globalen Konsumangebot.</p>
<p><strong>10. </strong>Wir stehen heute an der Schwelle, an welcher der einzelne Mensch sowohl die Beschränkungen ursprünglicher Selbstversorgung wie auch die entfremdete Trennung des Konsumenten vom Produzenten überwinden kann, die eine über das Ziel hinausschießende Fremdversorgung nach sich zog und immer noch zieht. Er kann dies in Vermittlung der beiden Elemente allein für sich, sehr viel effektiver aber in selbst organisierten, selbst gewählten Versorgungsgemeinschaften. Das sind lokal, regional, durchaus auch überregional bis global organisierte Asssoziationen, welche die Versorgung mit Konsumgütern aus auswärtiger, also aus fremder Produktion und Strukturen der Eigenversorgung miteinander vernetzen. Sie sind die potentiellen Träger dieser Entwicklung. (Siehe dazu u.a. mein Buch“ Grundeinkommen für alle –Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“, Verlag Pforte, 2007, in dem ich die Entwicklung der neuen Gemeinschaftsbewegung skizziert habe) Was sich so ankündigt, ist eine aus Eigentätigkeit und Fremdbelieferung kombinierte Versorgung, in der sich Eigentätigkeit und Fremdversorgung gegenseitig ergänzen, wobei, wie gesagt, Versorgung nicht nur materielle Aspekte betrifft, sondern auch emotionale, soziale und kulturelle. Dazu gehört die Entstehung eines Bewusstseins darüber, dass ein Produkt auch eine soziale, eine kulturelle und auch ethische oder moralische Geschichte hat, dass es wichtig ist zu wissen, wofür zu sorgen ist, für wen, warum, welche Aspekte der Versorgung Vorrang vor anderen haben, wozu ein Produkt wirklich gebraucht wird, wie und unter welchen sozialen Verhältnissen es entsteht, wie die Menschen leben oder auch leiden, die es erstellen. Dazu gehört das Wissen, dass die eigene Versorgung Produkt einer jahrtausende alten Kulturentwicklung ist, nicht etwa nur eine moderne Selbstverständlichkeit, um die man sich nicht zu kümmern brauchte.</p>
<p><strong>11. </strong>Zur Vermeidung von Missverständnissen sei hier ausdrücklich noch einmal darauf hingewiesen, dass Selbst- und Fremdversorgung selbstverständlich zwei Seiten ein und desselben Vorgangs, eben der Versorgung sind. Beide Seiten haben ihre Berechtigung, nicht anders als die Einheit von Individuum und Gemeinschaft, Mensch und Umwelt, beide gehören im Wesen zusammen, sind im Alltag in der Regel nur schwer voneinander zu trennen, gehen historisch in immer neuen Kombinationen ineinander über. Die eine wie die andere Seite hat ihre wichtige Funktion für eine vollständige Versorgung der Menschen im Wechsel zwischen eigener Arbeit und Interesse an der Arbeit und dem Wohlergehen der Mitmenschen – sofern, weil und damit es dem eigenen Wohlergehen dient. Der Austausch hat einen rein sachlichen, wirtschaftlichen, organisatorischen und einen sozialen, kommunikativen, emotionalen, kulturellen, geistigen Sinn. Selbst unter den extremen Bedingungen des globalisierten Marktes oder andererseits verschiedener Formen von Kollektivwirtschaft wie etwa in der Sowjetunion oder auch dem israelischen Kibbuz waren Elemente von Selbstversorgung in der Fremdversorgung enthalten und umgekehrt – obwohl sie sich unter den Bedingungen der Systemkonfrontation gegenseitig behinderten und sich auch jetzt noch behindern. In diesem Sinne muss in Bezug auf die Einführung einer Symbiose von Selbst- und Fremdversorgung heute nach dem Ende der Systemteilung der Welt nicht von Herstellung einer ganz neuen, sondern von Wiederherstellung einer gestörten Wechselbeziehung gesprochen werden – aber eben unter geänderten Bedingungen auf dem historischen Niveau eines neu einsetzenden Entwicklungsprozesses.</p>
<p><strong>12. </strong>Die Vermittlung von Fremd- und Eigenversorgung beginnt im Kopf, indem zunächst eine klare Bestandsaufnahme der durch das Ende der Systemkonfrontation entstandenen weltweiten Bedingungen vorgenommen und daraus folgend erkannt wird, dass die beste Eigenversorgung die soziale Versorgung im Sinne gegenseitiger Hilfe ist, und die beste soziale Versorgung darin besteht, sich um Hilfe für den einzelnen Menschen zu sorgen. Dass eine solche Symbiose von Fremd- und Selbstversorgung nicht nur zu neuen Formen der Arbeitsteilung, der Organisation von Produktion und Konsum, also zu neuen Formen des Wirtschaftens führt, sondern notwendigerweise auch zu neuen Beziehungen von Wirtschaft und Staat, der den Rahmen für ein solches Wirtschaften geben muss, liegt auf der Hand. Allzu deutlich hat sich das Versagen des bisherigen Staates im realen Sozialismus, allzu deutlich auch im Kapitalismus gezeigt, wo er hier als Stalinismus, dort als Faschismus im Extrem seinen Zwangscharakter offenbarte. Ohne in spekulativer Weise einer realen Entwicklung vorgreifen zu wollen, ist doch klar, dass bei einer Organisation des Lebens, die Fremd- und Selbstversorgung in Versorgungsgemeinschaften zusammenführt, die Ökonomie in den Strukturen der Versorgungsgemeinschaften entschieden wird. Der Staat kann sich in einer solchen Kultur, die nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe ausgerichtet ist, statt nach dem der gegenseitigen Ausbeutung auf die Regelung der rechtlichen Beziehungen der Menschen zueinander konzentrieren.</p>
<p><strong>13. </strong>Ein wesentlicher Schritt einer Bestandsaufnahme besteht natürlich darin, die heutigen Krisenerscheinungen wahrzunehmen, zu analysieren, zu beschreiben und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, wie das ja allgemein heute schon geschieht, aber dann nicht bei Klagen darüber stehen zu bleiben, dass alles so schlimm kam, wie es kam. Vielmehr gilt es, die Krisenerscheinungen als Kulturbrachen zu erkennen, die Ergebnis einer rücksichtslosen Beschleunigung des ökonomischen Wachstums sind. Zu erkennen, dass ihre Zunahme uns herausfordert, uns die verdrängte und nahezu vergessene Brachenbewirtschaftung als Prinzip der Lebensförderung in Erinnerung zu rufen (zwei-, Drei-, Vierfelder- und Etagenwirtschaft wie auch andere Methoden natürlicher Regeneration). Die  Brachenwirtschaft wurde durch künstliche Beschleunigung des Wachstums abgelöst und zerstört, jetzt ist es Zeit, das in ihr liegende Prinzip der Regeneration auf dem technischen und wissenschaftlichen Niveau und mit dem Bewusstsein von heute wieder zu beleben. Es geht dabei nicht nur um den agrarischen Bereich; um ihn geht es ganz sicher, aber über ihn hinaus geht es darum, das Prinzip der Brache als generelles Kultur- und Bildungselement zu aktivieren, das heute wieder neuen Lebensraum schaffen kann. Konkret geht es darum, die Wachstumsbrachen wieder in den lebendigen Kreislauf von Natur und Kultur  auf diesem Globus einzuführen, damit Neues aus ihnen entstehen kann. Hierhin gehören zunächst alle Formen des einfachen Recycling, darüber hinaus auch ästhetische Ansätze zur (Wieder)eingliederung von Müll-, Industrie-, Sozial- und Kriegsbrachen in den Kulturbildungsprozess der Gesellschaft. Dies alles immer auch unter besonderer Berücksichtigung der Brachen, die aus Stalinismus und Faschismus hervorgingen. Ein weites Forschungsfeld öffnet sich vor uns, das dringender – und es sei mir erlaubt zu sagen, auch herausfordernd attraktiver &#8211; Bearbeitung bedarf.</p>
<p><strong>14. </strong>Was ist konkret unter Ansätzen zur (Wieder)eingliederung von Brachen zu verstehen? Die Brache – traditionell ist sie das ausgepowerte Feld, verunreinigt mit Überresten aus der voraus gegangenen Nutzung, von Unkräutern belastet, ein Feld, das sich regenerieren soll, um wieder neu, wenn möglich auch intensiver als zuvor Frucht hervorbringen zu können. Einfaches Umgraben, einfaches Pflügen reicht nicht mehr. Es bedarf einer bewussten Nicht-Nutzung des Feldes, einer kontrollierten Verwilderung,  eines Wieder-Zurücklassens in den natürlichen Kreislauf der Regeneration, statt es, obwohl ausgelaugt, künstlich hoch zu powern. Es muss als Brache erkannt, angenommen und gepflegt werden, bis es nach einer Pause von ein, zwei oder mehreren Jahren mit neuen Kräften hervortreten kann – nicht anders als die gesamte belebte Natur, die sich im Rhythmus ihrer jeweiligen Generationen erneuert. Wir Menschen machen davon individuell keine Ausnahme, um leben zu können, schlafen wir und wir sterben. So erholen wir uns individuell und so erneuert sich die lebendige Menschheit. Gesellschaftlich aber haben wir haben eine Situation produziert, die von der Fiktion eines immerwährenden ungebremsten Wachstums ausgeht, das keine Ermüdungen, keine Brachen mehr kennt. Tatsächlich jedoch produzieren wir in zunehmendem Maße Brachen, ohne uns um sie zu kümmern: globale Müllhalden, verödete Industrielandschaften, abgeschobene soziale Problemfelder, zerstörte Schlachtfelder, generell, der ausgepowerte Mensch, die ausgepowerte Natur, all die ausgebrannten Utopien vom besseren Leben, besonders natürlich die zuletzt entwickelten des sozialstaatlichen Kapitalismus und des realen Sozialismus. Auch diese Brachen können nicht einfach umgegraben, sie müssen ausdrücklich in das Programm unserer Regeneration und Kulturbildung aufgenommen werden.</p>
<p><strong>15. </strong>Ein Beispiel für diese Rekultivierungsarbeit ist der Vorschlag des im November 2008 verstorbenen Künstlers und Kultivators von Landschaft, Herman Prigann, den er neben vielen anderen vergleichbaren Projekten aus seiner Hand machte, Müllberge nicht einfach zuzuschütten und so aus dem Bewusstsein der Gesellschaft auszugliedern, sondern als gestaltete Orte zu Anschauungs-, Lehr- und kulturellen Objekten darüber zu machen, wie Abfall und Gift unser Leben bedroht, zugleich aber auch, wie aus Müll unter Anwendung des modernsten wissenschaftlich-technischen Know how neue Kräfte entstehen können. Solche Orte sind dann Mahnmal, Lehrstätte und Giftumwandler und in dieser Kombination Ausflugsziel für kulturbeflissene und lernbegierige Zeitgenossen zugleich. So wird die Brache zum Ort der physischen Wiedereingliederung in die Naturkreisläufe und zugleich der Kulturumwandlung und Bewusstseinsbildung. Ähnliches lässt sich für die übrigen Industrie-, Sozial und Kriegsbrachen sagen. Sie alle warten darauf, mehr als bisher erkannt und in den Kulturbildungsprozess einbezogen zu werden.</p>
<p><strong>16.</strong> Weniger anspruchsvolle Ansätze zur Beschäftigung mit Brachen hat es über dieses Bespiel hinaus in den letzten Jahren durchaus gegeben. Ein Blick in die Listen von Wikipedia reicht aus, um das klar zu machen. Aber eine gründliche Erforschung der Geschichte der Brachenwirtschaft, ihres grundlegenden Charakters, wie auch insbesondere ihrer Ablösung durch Praxis und Ideologie eines künstlich beschleunigten Wachstums steht bisher aus. Die Erforschung all dessen bedarf des gemeinsamen Willens aller heute dazu bereiten Kräfte, gleich ob aus den bisherigen Zentren oder aus den neu zu Entwicklungsknoten heranwachsenden Ländern. Es gilt, die Regeneration, die Pause als das Wesen der Brachenwirtschaft zu erfassen und im öffentlichen Bewusstsein die Einsicht zu verbreiten, dass Pausen dieser Art lebensnotwendig sind, wenn die Menschheit sich weiter entwickeln will. Pausen sind nicht etwa gleichbedeutend damit, das sei noch einmal betont, die Brache einfach liegen zu lassen. Sie muss rechtzeitig, sie muss in ihrer Eigenart erkannt werden, sie muss im Prozess ihres Zurückwilderns beobachtet werden, um heraus zu finden, was sie braucht, um ihre Kräfte optimal erneuern zu können. Vielleicht muss hier ein Zaun, dort ein Graben, woanders ein neuer Weg angesetzt werden. Generell ist zu sagen: Es gilt herauszuarbeiten, dass eine Brache zu erkennen und zu bewirtschaften bedeutet, sich als Teil eines Ganzen zu begreifen und die gegenwärtige Krise als Signal anzunehmen, im ökonomischen Wachstum zurückzustecken, damit das Ganze des Lebens sich erneuern kann. Die Kultur der Brache in neuer Weise ins Bewusstsein zu nehmen bedeutet, von der Priorität des ökonomischen zur Priorität des moralischen, emotionalen und geistigen Wachstums unserer heutigen Gesellschaft überzugehen, ohne allerdings die ökonomische Seite dabei zu vernachlässigen, denn selbstverständlich liegt die Rekultivierung der Brachen auch im Interesse wirtschaftlicher Wohlfahrt bis hin zur Sicherung des physischen Überlebens, so wie die ökonomische Entwicklung unserer Zivilisation natürlich nicht ohne soziale und kulturelle Elemente möglich war. Das Interesse am physischen Überleben gilt insbesondere den Menschen, die zur Zeit im Elend leben, gleich ob in den Zentren oder den Peripherien. Bei der Verbesserung ihrer materiellen Lebenssituation geht es jetzt aber nicht etwa um eine „Balance“ zwischen Ökonomie und Ökologie, Arm und Reich oder dergleichen, wie eine scheinbar einsichtige, im Effekt aber nach wie vor an der herrschenden Wachstumsideologie festhaltende Argumentation glauben machen will. Im Kampf gegen die Unterversorgung geht es auch für die Ärmsten heute darum, sich wie alle anderen Menschen am sozialen und kulturellen Aufbruch in eine andere als nur vom ökonomischen Wachstum definierte Welt aktiv beteiligen zu können.</p>
<p><strong>18. </strong>Die Entwicklung einer neuen Brachenkultur kann mit der Entwicklung einer Gemeinschaftskultur einhergehen, in der Produktion und Konsumption sich miteinander verbinden, angefangen bei Wahlfamilien als kleinste Einheit bis hin zu weltweiten Netzen. Politisch können die Menschen sich bei dieser Lebensweise darauf beschränken, ihre gegenseitigen Freiheitsräume miteinander abzustimmen, insofern ihre Kultur vom Prinzip der gegenseitigen Hilfe und der gegenseitigen Förderung der Selbsterkenntnis als oberstem Prinzip der geistigen Entwicklung bestimmt ist. Es sind selbst gewählte und selbst bestimmte Gemeinschaften, die so entstehen, keine Zwangsgemeinschaften. Das ist zu betonen. Sie entstehen in bewusster Abgrenzung zu den Zwangskollektiven der Vergangenheit, faschistischen wie stalinistischen, ebenso wie andererseits aus der klaren Abkehr von der Isolation einer in unverbundene Individuen zerfallenden Gesellschaft. Wirtschaft, Rechtswesen und Kultur bewegen sich bei dieser Lebensweise als voneinander unabhängige Kräfte, aber doch in einem integrierten Prozess, in dem diese drei Elemente sich gegenseitig ergänzen und begrenzen. Das unterscheidet diese Gesellschaft radikal von der bisherigen, in der alle Lebensprozesse einem Staat untergeordnet sind, der seinerseits von der Ökonomie beherrscht wird. Ich nenne diese andere Lebensweise eine integrierte Gesellschaft. (siehe mein schon erwähntes Buch dazu) Der Schritt in eine solche Gesellschaft ist, wenn er gesetzt wird, gleichbedeutend mit dem Schritt aus dem jugendlichen Alter der Menschheit in die Verantwortlichkeit für die Entwicklung des Globus – sozusagen als Fortschritt in der Selbsterkenntnis des Globus, wenn wir den Globus, unsere Erde, als lebendiges Ganzes begreifen.</p>
<p><strong>19. </strong>Die römischen und nach-römischen Umbrüche darf man in dem hier gezeichneten Bild durchaus als Pubertät der Menschheit begreifen. Sie wurden seinerzeit vom Impuls des sich entwickelnden Christentums angetrieben, das mit einem neuen Menschenbild des sich selbst entdeckenden Individuums eine neue Entwicklungsdynamik in die Welt brachte. Es überflügelte das bis dahin vorherrschende Kollektivbewusstsein, verband sich mit den starren Regeln des römischen Individualrechtes und leitete auf dem Umweg über den Zerfall Westroms jenen lange andauernden Entwicklungsprozess ein, der die auf  Herausbildung des Individuums orientierte abendländische, westliche Kultur als dominant auf dem Globus entstehen ließ. Andere Kulturen, nicht zuletzt die aus der oströmischen Geschichtsströmung hervorgehenden, waren nicht minder wertvoll, haben aber nicht die gleiche individualisierende und damit verbundene expansive ökonomische Dynamik entwickelt. Inzwischen ist die Dynamik dieses Wachstumsprozesses, der eine auf individuelle Verwirklichung des einzelnen Menschen als höchstes Gut orientierte Gesellschaft entstehen ließ, jedoch erschöpft, nachdem sie sich in der Sackgasse zweier Weltkriege, des Faschismus und Stalinismus verfangen hatte. Diese Katastrophen waren Ausdruck der vollkommenen Orientierung der Industriegesellschaften auf materiellen Fortschritt, die sich in der gewaltsamen Unterordnung des Menschen unter die zur Kriegsmaschine gewordene Industrie zuspitzte. Der Mensch, das Leben wurde der Maschine untergeordnet. Hinter die Erkenntnis dieser Tatsachen gibt es kein Zurück. Eine Zukunft kann es nur geben, wenn der Mensch das Leben, sein eigenes und das des Globus, wieder ins Zentrum stellt. Eine weitere Entwicklung des Menschen, die nicht rückwärtsgewandt ist, sondern die nach vorn weisenden Kräfte der heutigen Krise unterstützt, wird es dann geben, wenn das hoch individualisierte heutige Individuum begreift, gleich, wo auf dem Globus es lebt und in welcher Gesellschaft, dass es wie alle anderen Individuen nur eine Zukunft hat, wenn es sich selbst in die Kultur der gegenseitigen Hilfe einbringt und wenn alle Individuen sich zusammen in die natürlichen Kreisläufe einfügen. Dies beinhaltet einen bewussten Verzicht auf überflüssiges ökonomisches Wachstum. Der Mensch steht vor der Aufgabe, seine Entfremdung von der Natur zu überwinden, sich selbst als Natur zu erkennen, mit der Bewegung der Natur, mit der des Kosmos, mit sich selbst identisch zu werden. Eine neue Ethik entsteht, wo der Mensch zu der Erkenntnis kommt, dass Natur, Kosmos, Gott sich im Menschen erkennt und verwirklicht.</p>
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<p><strong>20. </strong>Zu schaffen ist der Übergang in eine Kultur der gegenseitigen Hilfe und der Eingliederung in die Naturkreisläufe (nur) in dem Bewusstsein, dass Tendenzen der krassen Individualisierung auf unserer Welt heute in intensivster, einander teilweise schroff widersprechender Weise auf die Suche nach Gemeinschaft, nach Eingliederung in kosmische Rhythmen, nach religiöser Einbindung treffen. Beide kulturellen Strömungen sind gleichermaßen fundamental. Ihre Wechselwirkungen können Anregungen, können neue, zukunftsfähige Elemente des Zusammenlebens der Menschen und des Verhältnisses der Menschen zu ihrer Mitwelt hervorbringen, sie können aber auch zerstörerisch wirken, je nachdem, ob sie erkannt, gefördert und bewusst gestaltet werden oder ob sie sich unerkannt in spontanen Konflikten austoben. In dieser Konstellation liegt die Aufforderung genauestens wahrzunehmen, wo heute Ich-Impulse und Gemeinschafts-Impulse aufeinander treffen, wie sie aufeinander treffen, dafür zu sorgen, dass solche Begegnungen in gegenseitiger Achtung des Anderes stattfinden, ihnen Raum und Zeit zu geben sich miteinander zu gestalten. Das Fremde ist immer das Befruchtende, auch wenn es die eigenen Gewohnheiten zunächst in Frage stellt. Ohne Eigenes wird das Fremde jedoch zum Feind. Hier treffen sich Selbst- und Fremdversorgung auf hohem Niveau.</p>
<p><strong>21. </strong>Wie kann nun die Mehrarbeit geleistet werden, die nötig ist, um den Übergang in den neuen Lebensabschnitt der Menschheit zu bewirken? Wer soll sie leisten? Hier gilt es sich klar zu machen, was schon eingangs angedeutet wurde, dass die größte Brache, die sich heute entwickelt, das Feld der sog. „Überflüssigen“ ist. Es ist das Feld derer, die keinen Platz in der Produktion finden, während die in der Produktion Verbleibenden immer intensiverem Stress ausgesetzt sind. Dies ist der krisenbezogene Blick auf die gegenwärtige Lage. Sie bringt eine gewaltige Masse unzufriedener und unglücklicher Menschen hervor, der eine kleine Zahl derer gegenübersteht, die über die Produktivkräfte verfügen und sich für berechtigt halten, die Mehrheit der Menschen irgendwie ruhig zu stellen. Da sind Vorstellungen wie die des US-Strategen Sbigniew Brzezinski, der vorschlägt die Masse der Unbeschäftigten mit „tittitainment“ (eine Wortmischung aus Milchbrüsten und entertainment) zufrieden zu stellen noch die harmlosesten. Die aus solchen Voraussetzungen entstehende Lage gleicht einer Zeitbombe, bei deren Zündung sich die historischen Brachen noch einmal zu potenzieren drohen, bevor die alten unter den Pflug genommen wurden. Dieselbe Lage jedoch, die diese Gefahr enthält, setzt zugleich massenhafte Kräfte für soziale und kulturelle Entwicklung frei, wenn die Menschen die Signale richtig erkennen und wenn sie sich so organisieren, dass alle Menschen aus dem Produkt der gemeinsamen, der gesellschaftlichen Arbeit gleichermaßen versorgt werden können, ungeachtet welche Art von Tätigkeit sie ausführen, sodass sie über ihre Kräfte frei verfügen können. Die optimale Grundorganisation für eine solche Gesellschaft ist zweifellos die selbst gewählte und die selbst bestimmte Versorgungsgemeinschaft, welche Produktion und Konsumption, Fremdversorgung und Selbstversorgung, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Tätigkeiten ihrer Mitglieder miteinander verbindet und in sich ausgleicht und so, das darf hier wiederholt werden, den konkreten Bedarf des konkreten Menschen, darüber hinaus sein Mensch-Sein, sein Mensch-Werden-Wollen, ja, Mensch-Werden-Können in den Mittelpunkt rückt. Ansätze zu solchen Organisationsformen finden sich in der heutigen Gemeinschaftsbewegung. Manche der bereits existierenden Gemeinschaften sind schon jetzt Focus lokaler oder regionaler Strukturerneuerung und Impulsgeber für die sich andeutende neue Lebensweise. Versorgungsgemeinschaft als optimale Grundorganisation schießt aber selbstverständlich andere Wege zu leben nicht aus; sie bildet nur das Grundgerüst der Gesellschaft. Ein hilfreicher Schritt in eine andere als die jetzige Organisation der Gesellschaft könnte durchaus auch die Einführung eines allgemeinen bedingungslosen Grundeinkommens sein, wie es seit einiger Zeit diskutiert wird, insofern es allen Menschen die Möglichkeit gibt, sich frei von ökonomischem Überlebensdruck miteinander zu organisieren. Die Einführung eines Grundeinkommens, wenn sie gelänge, befreite die Menschen allerdings nicht von der Notwendigkeit, über die mögliche eigene, vom Staat garantierte ökonomische Absicherung hinaus sich selbst an der Reduzierung der Wachstumsbrachen und der Entwicklung von Alternativen zur Wachstumsgesellschaft zu beteiligen. Ohne ein solches Bemühen des einzelnen Menschen an seiner eigenen Lebensbasis bestünde auch für eine Gesellschaft mit Grundeinkommen die Gefahr, dass die bestehenden Verhältnisse nur fortgesetzt würden.</p>
<p><strong>22. </strong>Rom, das wäre abschließend noch zu sagen, wurde nicht an einem Tag erbaut und es dauerte auch noch ca. 500 Jahre, bis die mit dem Christentum einsetzende Zeitenwende Rom überwunden und die neuen Kulturen des sog. Mittelalters hervorgebracht hatte. Wir Heutigen, das dürfte klar sein, haben für den bevorstehenden Übergang in den neuen Lebensabschnitt der Menschheit nicht so viel Zeit. Aus all dem folgt: Ein Forschungsprojekt Brache steht auf der Tagesordnung. Ich fordere dazu auf, ein solches Projekt zu begründen – Beschleunigen wir die Entschleunigung! Für eine Befreiung des Menschen vom Zwang der Ökonomie, für die Entwicklung einer Gesellschaft der gegenseitigen Hilfe, für eine Zukunft, die Freiheit und Gleichheit durch Solidarität verbindet. <strong> </strong></p>
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